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Über 10'000 Firmen befragt Gleichberechtigung bei den Löhnen? Fehlanzeige!

Die Zahlen aus Grossbritannien zeigen das wahre Ausmass der Diskriminierung – auch bei Schweizer Firmen.

Legende: Audio Weniger Lohn, weniger Boni abspielen. Laufzeit 04:32 Minuten.
04:32 min, aus Rendez-vous vom 11.04.2018.

Firmen in Grossbritannien haben bis letzte Woche erstmals ihre Medianlöhne für Frauen und Männer offenlegen müssen, darunter auch Schweizer Firmen. Die Datensammlung der über 10'000 Unternehmen zeigt: Fast 90 Prozent der Frauen haben tiefere Durchschnittslöhne als die Männer – auch in Schweizer Firmen.

UBS und CS schneiden schlecht ab

Die Grossbanken UBS und Credit Suisse etwa zahlen ihren Mitarbeiterinnen in Grossbritannien deutlich weniger als ihren Mitarbeitern. Thomas Meier von der Firma Incon in St. Gallen, Spezialist für Lohnanalysen, hat die Daten angeschaut.

Es lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob die Banken die Frauen schlechter entlöhnen oder ob sie vielleicht keine Frauen für höhere Funktionen finden.
Autor: Thomas MeierSpezialist für Lohnanalysen

Bei der UBS sei der Medianlohn von Frauen 25 Prozent tiefer als der von Männern, bei der CS sogar 30 Prozent. «Das ist natürlich schlecht. Aber es lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob die Banken die Frauen schlechter entlöhnen oder ob sie vielleicht keine Frauen für höhere Funktionen finden», sagt Meier.

UBS: Mehr Männer auf Teppichetagen

Genau so erklären sich auf Anfrage die zwei Banken. Die UBS nahm zu den Lohnunterschieden in Grossbritannien schriftlich Stellung:

«Die Berechnung der Lohnunterschiede im UK-Report basiert auf einem Durchschnitt über alle Ränge und Rollen und reflektiert, dass es analog zu vielen anderen Firmen mehr Männer in höheren Positionen gibt. Dies führt automatisch zu Lohnunterschieden, bedeutet aber nicht, dass Männer und Frauen in derselben Rolle unterschiedlich bezahlt werden. Die UBS legt grossen Wert darauf, dass niemand aufgrund seines Geschlechts lohnmässig diskriminiert wird.»

Riesige Unterschiede bei Boni

Meier gibt der UBS recht, verweist aber darauf, dass Diskriminierung nicht nur bei den Löhnen stattfinde. «Diskriminieren kann man bei der Einstellung, bei der Beschäftigung und somit Lohnfindung, bei der Beförderung und bei der Entlassung. Und irgendwo dort werden die Frauen mit Sicherheit benachteiligt.»

Diskriminieren kann man bei der Einstellung, bei der Beschäftigung, bei der Beförderung und bei der Entlassung. Und irgendwo dort werden die Frauen mit Sicherheit benachteiligt.
Autor: Thomas MeierSpezialist für Lohnanalysen

Ähnliche Schlüsse aus der britischen Datenerhebung zieht Regula Bühlmann, Spezialistin für Gleichstellung beim Gewerkschaftsbund. «Wir werden bestätigt, dass ein Problem vorhanden ist. Das zeigen auch die Unterschiede zwischen den Boni von Männern und jenen von Frauen. Sie sind riesig.»

Die Männer-Boni sind bis zu 80 Prozent höher als jene von Frauen. Gerade bei Boni gebe es einen grossen Verhandlungsspielraum, erklärt Bühlmann, und Leistungen von Frauen würden oft schlechter bewertet.

Männer werden im Voraus befördert

Dass Frauen mehr beweisen müssen, um Boni zu erhalten oder befördert zu werden, bestätigt auch Allyson Zimmerman von Catalyst, einem Beratungsunternehmen für Gleichstellungsfragen. «Wir wissen von Studien, dass Frauen erst befördert werden oder mehr Lohn erhalten, wenn sie über längere Zeit gezeigt haben, was sie leisten können. Während Männer mehr Lohn oder Beförderung schon im Voraus erhalten – bevor sie liefern», sagt Zimmerman.

Frauen werden erst befördert, wenn sie über längere Zeit gezeigt haben, was sie leisten können. Während Männer Beförderung schon zum Voraus erhalten.
Autor: Allyson ZimmermanExpertin für Gleichstellungsfragen

Selbst wenn die umfangreiche Lohnerhebung in Grossbritannien nicht direkt etwas darüber aussage, ob Frauen für die gleiche Arbeit weniger Lohn erhielten, sei sie wichtig. Sie bringe eine entscheidende Frage ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, so Zimmerman: «Wieso ist das so? Wieso verdienen Frauen weniger als Männer? Es könnte auch Lohndiskriminierung vorliegen – wir wissen es nicht.»

Frauen bleiben in unteren Etagen stecken

Jedenfalls sagen die Daten aus Grossbritannien viel darüber aus, wo Frauen in Unternehmen stecken bleiben, nämlich in den unteren Etagen, wo tiefere Löhne bezahlt werden. «Es ist sicher der Fall, dass Frauen weniger gefördert werden und den Kopf schneller an der gläsernen Decke anstossen. Aber es ist auch ein gesellschaftliches Ungleichgewicht, dass Frauen mehr Familienpflichten übernehmen und deshalb wahrscheinlich auch gewisse Stellen nicht wählen», stellt Bühlmann fest.

Frauen übernehmen mehr Familienpflichten und wählen deshalb wahrscheinlich auch gewisse Stellen nicht.
Autor: Regula BühlmannSpezialistin für Gleichstellung

In dem Report gibt es übrigens auch Lichtblicke, was Schweizer Firmen angeht: So zahlt der Personalvermittler Adecco Frauen im Mittel gar etwas mehr als Männern. Auch Richemont kommt gut weg. Bei Nestlé, Novartis und Roche liegen die Lohndifferenzen immerhin nur im einstelligen Prozentbereich – zu Ungunsten der Frauen.

Unterschied zwischen Schweizer und britscher Erhebung:

Das Bundesamt für Statistik (BfS) macht alle zwei Jahre eine grosse Lohnumfrage bei über 30’000 Firmen. Dabei werden die mittleren (median-)Löhne ermittelt – auch nach Geschlecht. Der Median bedeutet: 50% aller Befragten liegen darunter, 50% darüber. Die Daten sind anonoym.

Im britischen «Pay-gap-report» sind die Löhne nun erstmals auf die Ebene der Firma hinuntergebrochen worden: Firmen mit mehr als 250 Mitarbeitern haben ihre Lohndaten selber der Gleichstellungsbehörde der Regierung melden müssen. Bis zum Ablauf der Frist am 4. April 2019 haben über 10’000 Firmen die Angaben geliefert. Einige Tausend sind noch ausstehend und werden unter Bussandrohung nun ermahnt. Melden mussten die Firmen nicht nur die Medianlöhne, sondern auch die Durchschnittslöhne von Männern und Frauen, die mittleren und durchschnittlichen Boni-Zahlungen an Männer und Frauen, und die Aufschlüsselung, wie viele Frauen auf welchen Hierarchiestufen arbeiten.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Nick Schaefer (Nick Schaefer)
    Wenn die Frau als Portfoliomanagerin von 100 Mio "einfachen" Anlagen bei einer Bank CHF 250'000 verdient, und der Mann bei einer Versicherung CHF 7 Milliarden in verschiedenen hochkomplexen Kategorien verwaltet, dafür aber "nur" 150'000 verdient - ist das nun schon Diskriminierung? Wenn diese Frau fremd geht, und ihre Anwältin gestützt auf der Gerichtspraxis des Staates ihr die Kindsentführung anbieten darf und tut, und dafür 100'000 jährlich an Rente über 50 Jahre verspricht? Und kriegt?
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  • Kommentar von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
    Man muss sich halt entscheiden, entweder sind Arbeitgeber frauenfeindlich und zahlen Männern mehr für die gleiche oder gar schlechtere Leistung ODER sie orientieren sich am Profit und wählen das Beste Preis/Leistungsverhältnis, sprich zahlen mehr für bessere Leistung. Beides geht einfach nicht… simple Logik.
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  • Kommentar von Matthias Niederhauser (niederhauser)
    Mal wieder typisch, was Männer hier für Kommentare abgeben. Und dabei ist es genau diese Einstellung und Erwartungshaltung, welche bei Frauen aufgrund der Familiengründung zu einem Karriereknick führt. Dabei ginge es auch anders. Wenn beide zu 50% arbeiten würden wäre die Mutter trotzdem noch Mutter und die Kinder trotzdem zu 100% umsorgt. Aber dazu bräuchte es weniger Einfluss von den laut Vorwürfe schürenden, altbackenen Männern und mehr Unterstützung vom Staat.
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