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Überhitzung am Stadtrand Gratis Wohnen gefällig?

In den Agglomerationen werden Wohnungssuchende mit Geschenken gelockt. Es ist zu viel gebaut worden.

Balkon eines Neubaus.
Legende: In vielen Schweizer Agglomerationen gibt es mehr Wohnungen als Interessenten. Keystone

«Erste Monatsmiete gratis und Umzugsgutschein im Wert von CHF 2'500!» –
«Miete ohne Kaution, und bestimmen Sie den Mietpreis der ersten zwei Monate selber!»

Mit solchen und ähnlichen Spezialrabatten preisen Verwaltungen ihre Wohnungen an: So versuchen sie Mieter von ihren Objekten zu überzeugen, ohne die Mieten senken zu müssen.

Kreatives Umgarnen

Auf dem Vergleichsportal Comparis sind weitere Beispiele von Geschenken an Mieter zu finden:

  • Benzingutschein von CHF 1000
  • Gratis wohnen im Geburtstagsmonat, 3 Jahre lang
  • CHF 1000 Migros-Gutschein
  • Jahresgebühr Mobility-Nutzung geschenkt

Comparis empfiehlt, sich davon nicht blenden zu lassen und immer das Kleingedruckte zu lesen. Denn «meistens sind nämlich immer gewisse Bedingungen wie eine Mindestmietdauer an solche Geschenke geknüpft», so Immoblien- und Wohnexpertin Nina Spielhofer.

Wovon Mieter in Städten nur träumen können, ist auf den Mietmärkten der Agglomerationen längst Realität: Die Leerstände sind hoch und die Mietpreise unter Druck.

10 Prozent Leerstand – und dennoch wird weiter gebaut

In den Agglomerationen ist in den letzten Jahren sehr viel gebaut worden, ohne dass die Nachfrage entsprechend mitgewachsen wäre: In einigen Gemeinden stehen bereits bis zu 10 Prozent der Wohnungen leer, etwa in Huttwil (Kanton Bern), in Moutier (Kanton Bern) oder in Schönenwerd (Kanton Solothurn).

In Schönenwerd etwa steht die Hälfte der Überbauung «Im Park» leer. Die zwei Jahre alte Liegenschaft gehört der Basler Versicherung, diese hat sie vor Kurzem von der Pax Versicherung gekauft. Trotzdem wird in Schönenwerd weiter gebaut.

Diese Situation auf den Mietwohnungsmärkten vieler Agglomerationsgemeinden lässt sich teilweise mit den Negativzinsen der Nationalbank erklären. Insbesondere institutionelle Anleger – Versicherungen und Pensionskassen – haben sie in einen Anlagenotstand gebracht.

Der Mieter zahlt immer

«Man weiss nicht, wohin mit dem Geld, denn auf dem Sparheft habe ich null Prozent Zinsen oder sogar negative Zinsen bei der Nationalbank. Darum: Alle wollen ein Mehrfamilienhaus,» erklärt Donato Scognamiglio, CEO der Immobilienberatung Iazi. Immobilien sei einer der wenigen Bereiche, der stabile Erträge generiere. Denn man wisse, dass Mieter unabhängig davon zahlten, wie sich die Börse entwickle.

Die Preise für Mehrfamilienhäuser sind in den letzten Jahren in die Höhe geschossen, wie der Preisindex von Iazi zeigt.

Legende:
Preissteigerungen bei Renditeliegenschaften (Index) IAZI

Trotz hoher Preise für Mehrfamilienhäuser und steigender Leerstände ist der Immobilienmarkt für viele Investoren aber noch immer attraktiv, auch in der Peripherie. Darum wird weiter gebaut. Das führt zu einer Überhitzung auf dem Immobilienmarkt in den Agglomerationen.

Donato Scognamiglio erklärt: «Wir haben schon lange eine Inflation, wir haben eine ‹Asset-Inflation›. Sie haben heute pro Jahr eine Wertsteigerung gehabt von 3 bis 4 Prozent pro Jahr im Immobilienbereich. Wenn Sie Ihre Löhne anschauen, also mein Lohn ist nicht 3 bis 4 Prozent nach oben gegangen. Wir haben also eine Schere: Die Assets werden immer wertvoller, obwohl die Liegenschaften nicht mehr Erträge generieren. (…) Man zahlt immer mehr für immer weniger.»

Schweizer Karte mit roten Punkten.
Legende: Agglomeration Zürich, Genfersee, Mittelland: In diesen Gemeinden ist der Immobilienmarkt überhitzt. SRF, Iazi

Sobald die Zinsen steigen, kann die Situation laut Iazi für die Investoren in diesen Regionen kritisch werden. In Gegenden mit hohen Leerständen zu bauen, sei mutig, sagt Donato Scognamiglio. Die Renditen könnten durch steigende Leerstände und sinkende Mieten wesentlich geringer ausfallen als erhofft.

Die Mieter dieser Regionen können sich freuen. Sie werden auch weiterhin von Verwaltungen mit Geschenken umgarnt werden.

Legende: Video «Alle wollen Mehrfamilienhäuser»: Donato Scognamiglio, CEO der Immobilienberatung Iazi, über den Boom. abspielen. Laufzeit 02:28 Minuten.
Aus ECO vom 14.05.2018.

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Nick Schaefer (Nick Schaefer)
    Es braucht noch viel mehr Wohnungen, bis die Mietzinsen auf ein korrektes Niveau sinken. Aber diese Bürgernähe würde dem Geldadel die Rendite vermiesen. Es wird Zeit, dass der Bürger sich aus seinem Mieterdasein befreit: Verdoppelung der zulässigen Bauhöhe in der ganzen Schweiz, gepaart mit Eigentumswohnungen mit Mindestwohnstandards für jeden Schweizer per Gesetz. Damit aus unterwürfigen Mietsklaven auch einmal Bürger mit Eigentum werden.
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    1. Antwort von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
      Und wer solls finanzieren? Andererseits würden dann sicher urplötzlich eine Menge Leute ihre Meinung zum Eigenmietwert revidieren ;)
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    2. Antwort von Nick Schaefer (Nick Schaefer)
      @Daniel Fuchs: Ihre Frage zur Finanzierung: Wenn SIe den Artikel aufmerksam lesen, dann ist viel zu viel Geld vorhanden. Es ist nur in den falschen Händen: Steuerbetrüger, Monopolisten, Miethaie, Milliarden"erben", Abzocker, Gebührenschneider, Subventionsjäger, etc. Es wird Zeit, dass sich der betrogene Bürger sein Geld zurückholt, und es dort eingesetzt wird, wo es dem Bürger und 99% der Gemeinschaft am meisten bringt. Anstatt für die Villensammlungen der asozialen Superreichen.
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  • Kommentar von Cornelia Marthaler (Cornelia Marthaler)
    So werden Sachzwänge geschaffen: die Stimmbürger werden sich gezwungen sehen die Kröte Massenzuwanderung zu schlucken um eine Immobilienkrise zu verhindern, welche die ganze Volkswirtschaft in den Abgrund reisst. Dafür wird aber zwangsläufig das Sozialsystem zusammen krachen und der Mittelstand im engen Sinn verarmen. Die Zukunft wird heftig.
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    1. Antwort von W. Pip (W. Pip)
      Immerhin: schon die Hälfte hat das eingesehen. Die andere Hälfte besteht wohl aus den Gewinnlern oder den bereits irreversiblen Verlierern dieses üblen Systems.
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  • Kommentar von René Balli (René Balli)
    Dem sagt man Immobilienblase.
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