Unsere Altersvorsorge ist von vorgestern

Die Schweizer Altersvorsorge ist nicht fit für die Zukunft. Im Fokus der aktuellen Debatte steht vor allem die Demografie und wie das System darauf angepasst werden soll. Doch dieser Blick ist zu eng.

Die «DNA» der Altersvorsorge ist nach wie vor aus den Anforderungen einer Industrie- und späteren Dienstleistungsgesellschaft aufgebaut. Den Herausforderungen im 21. Jahrhundert ist eine solche Architektur aber nicht gewachsen.

    • 1.
      Arbeitsmodelle
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      Bildlegende: «Die Leute haben andere Bedürfnisse und andere Anstellungsverhältnisse.» SRF

      In den vergangenen zehn Jahren hat die Teilzeitarbeit in der Schweiz überdurchschnittlich zugenommen. 2015 waren über 950'000 mit einem Pensum zwischen 50 und 90 Prozent beschäftigt. Dazu kommen nochmals über 600'000 Angestellte mit einem Beschäftigungsgrad von unter 50 Prozent.

      Die «DNA» des Systems ist aber noch auf eine Vollzeitbeschäftigung ausgerichtet. Mittlerweile haben zudem gemäss Think Tank Avenir Suisse 300'000 Personen mehrere Arbeitgeber gleichzeitig. Der gesetzlich verankerte Grundsatz, dass 1. und 2. Säule die Fortführung der gewohnten Lebenshaltung im Alter sicherstellen sollen, ist mit der Umwälzung in den Beschäftigungsverhältnissen nicht mehr gewährleistet.

      Jérôme Cosandey, Vorsorge-Spezialist bei Avenir Suisse, sagt: «Man müsste die Vorsorge vielmehr an die Person binden und weniger an den Arbeitgeber. Man hat immer noch das Gefühl, man hat einen Arbeitgeber von 20 bis 65. Das ist nicht mehr die Realität. Die Leute haben andere Bedürfnisse und andere Anstellungsverhältnisse.»

    • 2.
      Digitalisierung
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      Bildlegende: «Bis anhin feste Arbeitsverhältnisse werden volatiler.» Colourbox

      Eine aktuelle Studie der OECD unter 21 Ländern kommt zum Befund, dass durch die Digitalisierung rund 9 Prozent aller Stellen – oder Teilaufgaben davon – wegfallen könnten.

      Damit wird sich ein Trend verstärken, sagt Walter Ackermann, ehemaliger Direktor des Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen: «Bis anhin feste Arbeitsverhältnisse werden volatiler. In den USA nach der Erholung der Finanzkrise wurde eine Vielzahl neuer Arbeitsstellen geschaffen. Das stimmt. Aber diese Jobs haben nicht mehr die gleiche Qualität wie vorher. Es sind sehr viele volatile Jobs. Das heisst: Teilzeit, vorübergehende Anstellungen, Arbeit auf Abruf.»

      Im Gegenzug dürften gut bezahlte Vollzeitstellen rarer und der Wettbewerb darum intensiver und globaler werden. Die Schweizer Altersvorsorge hat darauf noch keine Antworten. Ihre Rentenversprechen basieren letztlich noch immer auf einem stabilen, einkommenssicheren Lohnarbeitssystem.

      Hinzu kommt: Die Digitalisierung läuft in einer enormen Geschwindigkeit ab. Die Zeit für entsprechende Anpassungen in der Altersvorsorge ist knapp. Zum Vergleich: Bis zur Einführung der AHV und des späteren Drei-Säulen-Systems dauerte es über ein halbes Jahrhundert.

    • 3.
      Wachstum
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      Bildlegende: «Die Zahl der Erwerbstätigen kann in der Schweiz nur gesteigert werden, wenn man die Migration hochhält.» SRF

      Rentenversprechen – ob aus der ersten oder der zweiten Säule – speisen sich im Schweizer System aus langfristigen Beitragszahlungen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Dahinter steht die Annahme einer stets wachsenden Wirtschaft bzw. Lohnsumme.

      Aber: «Die Zahl der Erwerbstätigen kann in der Schweiz nur gesteigert werden, wenn man die Migration hochhält. Das ist aus politischen Gründen derzeit schwierig. Sonst hat die Erwerbsquote in der Schweiz wenig Reserven nach oben, weil wir international gesehen bereits eine sehr hohe haben», sagt Walter Ackermann.

      Ein Blick zurück zeigt, dass die Schweiz in den 1950er- und 1960er-Jahren des vorigen Jahrhunderts jährliche volkswirtschaftliche Wachstumsraten von deutlich über 5 Prozent hatte. Heute sind wir trotz Zuwanderung bei unter 2 Prozent. In den letzten Jahren sogar bei nur 1 Prozent. Damit allein wäre die Finanzierung der Altersvorsorge zwar noch zu stemmen, gleichzeitig soll aber auch Geld in Bildung und den Erhalt oder den Ausbau der Infrastruktur investiert werden.

    • 4.
      Lebensentwürfe
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      Bildlegende: «Das wird irgendwann auf den Sozialstaat zurückschlagen.» SRF

      Hinter der aktuellen Altersvorsorge steht nach wie vor das Paradigma: Ausbildung – Arbeit – Rente. Berufliche Brüche- bzw. Unterbrüche, längere Auszeiten, intensivere Weiterbildung für ältere Mitarbeiter werden kaum berücksichtig. Fehlende Beitragsjahre können in der beruflichen Vorsorge zwar nachträglich eingekauft werden.

      In der AHV jedoch nicht. Das System ist diesbezüglich zu rigide. Mit der starken Zunahme von Ein-Personen-Haushalten in den vergangenen zehn Jahren steigt der Druck auf die Altersvorsorge weiter.

      Walter Ackermann: «Ein solcher Ein-Personen-Haushalt verlangt nach mehr Dienstleistungen, die sonst in anderen Haushalten im Familienverbund erbracht werden. Und das wird irgendwann auf den Sozialstaat zurückschlagen.» Wer alleine lebt, ist im Alter oft auf Hilfe angewiesen: Das kostet.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Schweizer Altersvorsorge: Untauglich für die digitale Welt

    Aus ECO vom 26.9.2016

    Sie wird kontrovers und intensiv diskutiert: die Reform der Schweizer Altersvorsorge. Debattiert wird über die demografische Entwicklung und deren Folgen für die Finanzierung der Sozialwerke. Das ist zwar wichtig, aber zu eng fokussiert. Denn Digitalisierung, neue Arbeitsmodelle, moderne Lebensentwürfe und Wachstumsaussichten werden dabei viel zu wenig berücksichtigt.

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