Verschwindet in der Schweiz die Industrie?

Kurzarbeit verhindert Verlagerungen ins Ausland – doch nicht überall. Denn viele Industriebetriebe sind unter Druck und müssen trotzdem Teile ihrer Produktion ins Ausland verlegen. Droht jetzt die Deindustrialisierung in der Schweiz? Noch nicht, meint der Branchenverband Swissmem.

Verlassene Produktionshalle

Bildlegende: Abwanderung als letztes Mittel. Doch für einige Betriebe scheint dieser Weg schon jetzt unausweichlich. Colourbox

Die Zeiten sind hart für die Schweizer Industrie. Das zeigt sich auch am massiven Anstieg der Kurzarbeit in den vergangenen Monaten. Diese wird gemäss Branchenexperten in der nahen Zukunft sogar noch ansteigen. Denn die Auftragsbücher bei Schweizer Industriebetrieben würden zunehmend leerer, meint Peter Dietrich, Direktor der Swissmem, dem Branchenverband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie.

Die Kurzarbeit ist ein Instrument um Arbeitsplätze zu sichern. Die Mitarbeitenden arbeiten weniger, und der Betrieb bezahlt nur für die effektiv geleistete Arbeit. Die Arbeitslosenversicherung bezahlt 80 Prozent des Verdienstausfalls. Doch wenn Betriebe immer weniger Aufträge erhalten, müssen nebst der Kurzarbeit auch andere Wege geprüft werden. Unbeliebte Massnahmen wie Entlassungen oder Verlagerungen ins Ausland werden zum Thema.

Mehr Unterstützung von der Politik gefordert

In der Maschinenbau-Branche sind die Aufträge im ersten Quartal 2015 rund 17 Prozent zurückgegangen. Dies hat gemäss Peter Dietrich nicht konjunkturelle Gründe: «Wir sind in einer Margen-Krise, nicht in einer Konjunktur-Krise. Die Konjunktur läuft. Die Margen sind wegen dem starken Franken weggebrochen.»

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Frankenstärke führt zu mehr Kurzarbeit

3:12 min, aus Tagesschau vom 9.6.2015

Nicola Tettamanti, Vorstandsmitglied beim Branchenverband Swissmechanic, fordert mehr Hilfe von der Politik: Weniger Steuern, weniger Bürokratie und mehr Hilfe beim Export. Letztere würde vor allem durch eine Stützung des Frankens durch die SNB erfolgen. Realistisch sei dies aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Auch bei Swissmem will man weniger Regulierungen und mehr finanzielle Unterstützung für Innovationsprojekte.

Sollte keine weitere Hilfe seitens der Politik eintreffen, sehen die Branchenverbände einer unsicheren Zukunft entgegen. Tettamanti schätzt, dass schon unter jetzigen Bedingungen bis Ende Jahr rund 6 Prozent der Stellen in der Mechanikbranche verschwinden dürften – etwa 4000 Arbeitsplätze. Bei Swissmem sorgt man sich mehr um die Abwanderung: Bei einem Euro-Franken-Kurs auf Paritätsniveau müsste fast jeder dritte Betrieb Teile seiner Produktion ins Ausland verlagern. Bei einem Kurs von 1.05 Franken wären es jeder sechste Betrieb, so Dietrich.

Das Gespenst der Deindustrialisierung

Rund 20 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung stammt aus dem industriellen Sektor. Das könnte sich ändern, denn mehrere Mitgliederbetriebe von Swissmem haben laut Peter Dietrich schon eine Entscheidung getroffen: «Gewisse Tätigkeiten sind am Standort Schweiz zu teuer. Darum verlagern vor allem kleine Unternehmen ins Ausland.»

Von Deindustrialisierung, also einem Bedeutungsverlust der Industrie zu Gunsten des Dienstleistungssektors, will Dietrich aber noch nicht sprechen: «Es ist ein starkes Wort. Es ist eine Gefahr, die aufzieht, es gibt sicher einen Strukturwandel aufgrund der Kosten in der Schweiz. Wir glauben aber noch nicht an eine Deindustrialisierung.»