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Schweizer Start-ups Versicherungen und die «jungen Wilden»

Start-ups wildern im Geschäft traditioneller Versicherungskonzerne. Diese kontern mit den Methoden der Herausforderer.

Legende: Video Versicherungen: Mit Start-ups gegen Start-ups abspielen. Laufzeit 7:47 Minuten.
Aus ECO vom 12.06.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Bis 2030 könnte die Hälfte der Versicherungsfirmen vom Markt verschwinden, schätzt eine Studie des Beratungsunternehmens EY.
  • Ein Grund sind digitale Versicherungsprodukte neuer Technologiefirmen – sogenannte Insurtechs.
  • Knapp 3 Milliarden Dollar Risikokapital sind weltweit in Insurtechs geflossen.
  • Schweizer Versicherungskonzerne suchen nun nach Innovation – innerhalb und ausserhalb der eigenen Unternehmen.

Sie tragen High-Tech-Brillen mit eingebauten Bildschirmen, mit denen Versicherungsinspektoren Schäden aufnehmen können. Dafür füllen sie ein virtuelles Schadensformular aus. Im Versuchslabor der Mobiliar, der ältesten privaten Versicherung der Schweiz, tüfteln Angestellte im Rahmen eines internen Wettbewerbs nach neuen Produkten.

Grund dafür sind junge Technologie-Startups, sogenannte Insurtechs, die weltweit ins Geschäft traditioneller Versicherungen drängen – über die ganze Wertschöpfungskette: von der Produkte-Entwicklung bis zum Vertrieb. Sie bieten Versicherungen per App an, und ermöglichen es, Gegenstände, zum Beispiel eine Fotokamera, über Tastendruck für nur wenige Stunden zu versichern.

Die Kundenwünsche haben sich verändert. Das klassische Beratungsgespräch genügt nicht mehr. Der moderne Kunde verlangt neue Versicherungsangebote: Auf seinem Desktop oder Smartphone. Diesen Trend haben die Versicherungsunternehmen erkannt.

«Insurtechs suchen den Kundenkontakt und einfache Zugänge. Und wir nehmen überall Ideen auf und kreieren etwas Neues, um einfacher und digital zu werden», sagt Patric Deflorin, Geschäftsleitungsmitglied der Mobiliar. 10 Millionen Franken gibt der Konzern jährlich für die Entwicklung neuer, digitaler Produkte aus.

Unsere Branche ist sicher nicht ausgeprägt innovationsfreudig.
Autor: Philipp GmürKonzernchef Helvetia

«Unsere Branche ist sicher nicht ausgeprägt innovationsfreudig», sagt Philipp Gmür, Konzernchef der Helvetia-Versicherungen. Zurzeit laufe aber bezüglich Innovation und Nachdenken über die Zukunft so viel wie noch nie.

Michel Bürki ist 26jährig und nennt sich Innovationsmanager. Helvetia hat ihn frisch ab Studium an der Universität St. Gallen eingestellt.

Nun sucht er in einer Mietwohnung der Helvetia in St. Gallen zusammen mit neun Kollegen nach neuen digitalen Versicherungsprodukten. Die Helvetia nennt sie «interne Start-ups» oder auch Schnellboote.

Versicherungen sind zu kompliziert, unflexibel und sehr intransparent.
Autor: Michel BürkiInnovationsmanager Helvetia Versicherungen

«Die Menschen haben drei grosse Probleme mit Versicherungen: Sie sind zu kompliziert, unflexibel und sehr intransparent», sagt Bürki. Er habe sich gesagt, er könne das besser und begann, am Computer eine einfache Online-Hausrats- und Haftpflichtversicherung zu «bauen». Das Produkt ist bereits online.

Für Helvetia-Konzernchef Philipp Gmür ist es ein Versuch mit offenem Ausgang und auch ein Zeichen an alle Mitarbeitenden, dass Innovation aus der Firma heraus möglich sei.

Doch nur gänzlich auf interne Innovation setzen will die Helvetia-Versicherung dann doch nicht. Mit einem Venture-Fonds über 55 Millionen Franken will sich der Konzern in den nächsten Jahren an Start-ups beteiligen oder sie aufkaufen.

Zu lange interne Entscheidungsprozesse

Innovation lässt sich am einfachsten von aussen in ein Unternehmen holen. Zu diesem Schluss ist Peter Moor, Leiter Unternehmensentwicklung bei Swiss Life, gekommen. Das gelte zumindest für neue Geschäftsfelder.

Mann mit Virtual-Reality-Brille, Finger in der Luft
Legende: Werden so künftig Schadensfälle aufgenommen? Tüftelei an einem Versicherungs-Innovationsanlass Mobiliar

Swiss Life betreibt seit zwei Jahren ein Innovationslab in Zürich. Dort suchen drei erfahrene Start-up-Gründer nach neuen Produkten für den Lebensversicherer - auch im Bereich Immobilien, einem Standbein von Swiss Life.

«Start-ups sind viel schneller unterwegs, mit einer Idee, einem klaren Ziel und klarem Fokus», sagt Peter Moor. «Wenn man intern nach Innovation sucht, sind die Wege und unsere Entscheidungsprozesse länger». Dadurch würde auch die Produkte-Entwicklung viel teurer.

Schweizer Versicherungen auf der Suche nach Innovation - die Reise hat erst begonnen.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    So viel für Start-Ups!Es haben schon viele gesagt, dass Start-Ups vor allem "Dinge" produzieren welche die Welt nicht auch noch braucht.Start-Ups sind nicht etwas natürliches, deshalb kann da auch "Nichts" entstehen. Ausser, dass man den meist jungen +unerfahrenen Menschen das Geld aus der Tasche zieht, was gut für die Banken ist, werden Start-Ups nichts zum Fortschritt der Erde beitragen.Die wenigen Start-Ups die dann doch noch etwas gescheites bringen, wären auch ohne diesen "Hype" entstanden.
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  • Kommentar von Heiner Zumbrunn (Heiner Zumbrunn)
    Der Teufel steckt auch in der AppVersicherung im Kleingedruckten. Wie viele Menschen wissen, was sie versichert haben, nachdem sie eine abgeschlossen haben. Welche Risiken sind versichert, welche nicht. Die Qualität kann erst beurteilt werden, wenn die ersten Streits über Deckungen und den Bezahlmodus abgeschlossen sind. Ebenso wie die Zusammenarbeit mit weiteren Versicherern an einem einzigen Schadenfall funktioniert. Ein Schritt in die richtige Richtung aber ebenso viel mehr Schall als Rauch.
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