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Verunsicherung in Basel Brechen die Chinesen bei Syngenta ihr Wort?

Standortgarantie ja, aber: Knapp zwei Jahre nach dem ChemChina-Deal ist die Chefetage frei von Schweizern und 500 Vollzeitstellen sind weg.

Legende: Audio Viele Abgänge bei Syngenta in Basel irritieren abspielen. Laufzeit 04:53 Minuten.
04:53 min, aus Rendez-vous vom 27.04.2018.

Bei der Ankündigung der Hochzeit herrschte noch eitel Harmonie zwischen dem damaligen Verwaltungsratschef Michel Demaré und der Führung des chinesischen Staatskonzerns: Die Transaktion wäre ohne den tiefen Respekt und das Vertrauen zwischen ihm und ChemChina-Chef Ren Janxin nicht zustande gekommen, beteuerte Demaré. Dieses Vertrauen bilde den Zement der Übernahme.

ChemChina, Syngenta
Legende: Respekt und Vertrauen: ChemChina-Chef Ren Janxin und der damalige Syngenta-Vize-Präsident Michel Demaré im Juni 2017. Keystone/Archiv

Seither ist das Vertrauen offenbar am Bröckeln. Demaré, einer der wichtigsten Architekten der Übernahme, hat zwei Tage vor Weihnachten gekündigt. Angeblich soll es Streit über die Refinanzierung gegeben haben. Die Chinesen wollen, dass Syngenta die eigene Übernahme (43 Milliarden Franken) über milliardenschwere neue Schulden finanziert.

Der letzte Schweizer Topmanager geht Ende Juli

Auch Christoph Mäder, der langjährige Leiter der Rechtsabteilung von Syngenta, hat gerade den Bettel hingeworfen, wie die meisten Mitglieder der damaligen Konzernleitung. Mäder war 26 Jahre im Unternehmen, ein Urgestein. Mit den neuen chinesischen Eigentümern habe sein Abgang nichts zu tun, beteuert Mäder: «Das ist ein Entscheid, den ich persönlich in voller Übereinstimmung mit der Firma getroffen habe. Er hat mit der chinesischen Eigentümerschaft gar nichts zu tun.» Das sei bei seinen früheren Kollegen nicht anders.

Christoph Mäder.
Legende: Christoph Mäder, langjähriger Leiter der Rechtsabteilung beim Agroriesen, geht per Ende Juli 2018. Keystone/Archiv

Mäder war der letzte Schweizer in der Chefetage. Zusammen mit Demaré galt er als Garant dafür, dass die chinesischen Versprechen gehalten werden.

Basler Regierung: «Eher ungewöhnliche Häufung»

Der Basler Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin ist irritiert ob der vielen Abgänge: «Ich stelle fest, dass sie zahlreich sind. Es soll in jedem Fall Gründe gegeben haben dafür. Man wird sehen, wie das weitergeht. Es ist aber eine eher ungewöhnliche Häufung.» Brutschin geht aber davon aus, dass zumindest die Funktionen erhalten bleiben.

Nachdem die alte Konzernführung weg ist, stellt sich die Frage, ob auch andere Versprechen auf dem Prüfstand stehen. Die Zusagen, die Arbeitsplätze in der Schweiz zu erhalten, zum Beispiel. Auf diese hatte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann damals stolz verwiesen: «Ich habe mir vom Management in Basel bestätigen lassen, dass die Syngenta grundsätzlich so wie sie aufgestellt ist, weiterbetrieben wird, und auf diesem Wege auch die Arbeitsplätze erhalten werden sollen.»

Angst vor Stellenabbau wächst

Syngenta-Mitarbeiter berichten derweil, dass am Standort Basel laufend Arbeitsplätze abgebaut werden. Ganze Teams würden in andere Länder verlagert, zumeist in Länder mit niedrigeren Kosten. So würden Finanzstellen aus Basel nach Ungarn verlegt, Planungsstellen nach Manchester, die gesamte Blumen-Saaten-Abteilung mit einem Dutzend Mitarbeitern nach Holland. Kommuniziert werde dies aber nur intern.

Mäder: Keine Arbeitsplatzgarantie bei Anzahl

Syngenta-Manager Mäder bestätigt den Stellenabbau. Von den 3300 Vollzeitstellen in der Schweiz seien heute noch 2800 übrig. Mit der Übernahme habe das aber nichts zu tun, sagt Mäder: «Das sind Massnahmen, die wir aufgrund der Marktlage und im Kontext der ständigen Überprüfung unserer Prozesse und Strukturen treffen mussten.»

Mäder stellt zudem klar: «ChemChina hat keine Arbeitsplatzgarantien abgegeben, was die konkrete Anzahl angeht. Was ChemChina garantiert hat, ist der Verbleib des Hauptsitzes in der Schweiz.»

Gewerkschaft Unia sieht Widersprüche

Christian Gusset, Branchenexperte der Gewerkschaft Unia, hat das damals anders verstanden: «Es widerspricht dem Versprechen, die Arbeitsplätze in der Schweiz zu halten.» Im Übrigen sei es faktisch unmöglich, von aussen zu beurteilen, ob der Stellenabbau im Zusammenhang mit der Übernahme oder mit laufenden Sparprogrammen stehe, sagt der Gewerkschafter.

Fragwürdige Kommunikation bei Milliardenrückstellung

Auch bei einem anderen Versprechen, dem der Transparenz, ist nicht ganz klar, ob innerhalb und ausserhalb des Konzerns das Gleiche darunter verstanden wird. So wurde der aktuelle Geschäftsbericht klammheimlich im Internet veröffentlicht. Darin versteckt war die Information, dass Syngenta eine Rückstellung von 1,6 Milliarden Dollar für ausstehende Rechtsfälle in den USA gemacht hat. Wegen der Rückstellung machte Syngenta im vergangenen Jahr einen Verlust von knapp 100 Millionen Dollar.

Als private Firma sei man rechtlich nicht verpflichtet, die Zahlen zu veröffentlichen, verteidigt Mäder das Vorgehen. Das Unternehmen habe das freiwillig gemacht. So kann man das auch sehen.

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22 Kommentare

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  • Kommentar von Hans König (Hans König)
    Das Vorgehen von China ist nicht neu. Leider wollen viele Politiker/innen und Wirtschaftsstrategen das nicht wahrhaben. Überall wo China auftritt und Projekte finanziert oder ausführt, bleiben sehr viele Chinesen im Land zurück. Das ist eine gewollte Strategie.
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  • Kommentar von Klaus Waldeck (kdwbz)
    Das ganze hat doch System ! Die Chinesen kaufen alles zusammen was ihnen früher oder später dienlich sein kann. Dabei benutzen Sie auf clevere Art eine rein westliche (US-Erfindung) die konstruktive Verschuldung. Bei den momentan praktisch inexistenten Schuldzinsen läuft diese Vorhaben wie geschmiert. Beim Abschluss der Verträge wird mit viel Kapital geködert um dieses dann nach der Uebernahme klammheimlich in Schulden umzufunktionieren.
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    1. Antwort von Walter Eiselen (W.E.)
      Klar doch! Dank Leverage-Effekt lässt sich durch die höhere Verschuldung auch noch gleich die Rendite massiv verbessern, ohne dass irgendjemand einen Finger zusätzlich krumm macht.
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  • Kommentar von Urs Heinimann (uh4000)
    "Keine Schweizer mehr in der Chefetage" War anzunehmen, denn Chem China ist grunsätzlich ein Staatsbetrieb und in der Chefetage eines chinesischen Staatsbetriebes haben selbstverständlich chinesisch Regierungs- und Interessenvertreter das Sagen. Fortan sind nicht nur wirtschaftliche Aspekte für die Führung des Unternehmens massgebend, sondern auch staatspolitische. Die Firmenziele werden den chinesischen Jahresplänen unterstellt und dazu braucht es die starke chinesische Präsenz in der Führung.
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