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Vollgeld-Initiative Umfrage zeigt: Schweizer Ökonomen lehnen Vollgeld ab

Legende: Video Schweizer Ökonomen gegen Vollgeld-Initiative abspielen. Laufzeit 2:04 Minuten.
Aus Tagesschau vom 15.04.2018.

Ein radikaler Umbau des Schweizer Finanzsystems kommt vors Volk: In acht Wochen wird über die Vollgeldinitiative abgestimmt. Unter Schweizer Ökonomen findet die Vorlage keine Mehrheit. Das zeigt eine Umfrage der SRF Wirtschaftsredaktion zusammen mit der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. 77 Prozent der befragten Ökonomen lehnen die Vorlage ab.

Die Vollgeld-Initiative will, dass allein die Nationalbank elektronisches Geld – sogenanntes Buchgeld – schaffen kann. Den Geschäftsbanken soll die Geldschöpfung untersagt werden. Damit könnten Finanzblasen und Spekulationen verhindert werden, sagen die Initianten.

Gegner der Vorlage befürchten allerdings den Verlust der Unabhängigkeit der Nationalbank. Denn nach Annahme der Initiative wäre sie die einzige Geldschöpferin im Land. Und damit mächtiger als heute. Das würde auch den politischen Druck erhöhen, befürchten die Intitativ-Gegner. Rund 60 Prozent der befragten Ökonomen sehen in einem Vollgeld-System die Schweizerische Nationalbank in ihrer Unabhängigkeit gefährdet.

Teurere Kredite befürchtet

Bei Annahme der Initiative wäre die Schweiz in der Pionier-Rolle. Ein
Vollgeld-System gibt es derzeit nirgendwo sonst auf der Welt. In der Umfrage sehen 7 von 10 Ökonomen ein hohes Risiko bei einem Wechsel zu einem Vollgeld-System. Aus Sicht von Reinhold Haringer, ehemaliger Finanzverwalter der Stadt St. Gallen und Mitglied des Initiativ-Komitees, ist diese Angst unbegründet: «Alle Elemente des Vorschlags gab es schon irgendwann und wurden in anderen Ländern zu anderen Zeiten schon praktiziert.»

Geschäftsbanken würde in einem Vollgeld-System das Schaffen von Buchgeld verwehrt. Kritiker der Initiative fürchten dadurch teurere Kredite. Weil den Geschäftsbanken insgesamt weniger Geld für Kredite zur Verfügung hätten und die Zinsen stiegen, so die Argumentation. Unter den befragten Ökonomen teilen 58 Prozent diese Meinung. Das sei nicht logisch, sagt Reinhold Haringer. «Die Nationalbank hat die Möglichkeit, den Geschäftsbanken soviel Geld zur Verfügung zu stellen, damit die Zinsen nicht steigen müssen.»

Umfrage Vollgeld-Initiative

Zum vierten Mal hat die SRF Wirtschaftsredaktion zusammen mit der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich eine Umfrage unter Ökonomen durchgeführt. Dieses Mal stand die Vollgeld-Initiative im Fokus, welche am 10. Juni vors Volk kommt. Rund 100 von 748 in der Schweiz forschende Ökonomen etwa von Universitäten oder Fachhochhochschulen haben die Fragen beantwortet. Mehr zur Studie finden Sie hier, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Kein Heilmittel

Interessanterweise hält eine knappe Mehrheit der Befragten das momentane Finanzsystem für nicht stabil. Dem wollen die Initianten mit ihrer Vorlage entgegenwirken. Ein Vollgeld-System halten die befragten Ökonomen allerdings nicht für das richtige Mittel. Andere Instrumente hielten die Befragten für geeigneter, sagt Alexander Rathke von der KOF Konjunkturforschungsstelle: «Ein Beispiel wären die Eigenkapitalanforderungen, die auch in den Jahren nach der Finanzkrise deutlich erhöht wurden.»

Insgesamt sei er überrascht von der hohen Einigkeit unter den befragten Ökonomen, sagt Rathke: «Die Vollgeld-Debatte ist ein heterogenes Thema mit relativ vielen verschiedenen Meinungen.» Es gebe vielleicht auch unterschiedliche Interpretationen, was genau unter Vollgeld verstanden wird.

Sorgen um Stabilität

Laut Initianten würde die Vollgeld-Initiative das Finanzsystem stabiler machen. Weil alle Kredite mit Nationalbankgeld gesichert seien. Die Stabilität des Finanzsystems beschäftigt auch die hiesigen Ökonomen: Eine knappe Mehrheit von 51 Prozent hält das Finanzwesen nachwievor für instabil. 23 Prozent finden, das aktuelle System sei stabil. Beide wollen mehr Stabilität: Die Vollgeld-Initianten und die befragten Ökonomen. Für die einen überwiegen in der Initiative die Chancen, für die anderen die Risiken.

76 Kommentare

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  • Kommentar von Rico Hagmann (rhag)
    103 Ökonomen ( von 748 angeschriebenen) aus 35 Institutionen sind meiner Meinung nach keine repräsentative Umfrage.
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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Wer die täglichen Börsenkurven der Metalle wie Gold, Platin, Palladium und Silber verfolgt, stellt fest, dass die Banken mit dem Elektronengeld in Sekunden, mit Tonnenkäufen und Verkäufen, die kg-Preise senken oder steigen lassen können, genau so auch die Devisen . Damit beeinflussen sie künstlich den realen Händlermarkt - die daraus abgeschöpften Millionen von Sekunden-Gewinnen, bezahlt der reale Verbrauchermarkt und letztlich der Endverbraucher der diese Metalle vor Ort benötigt. Darum JA zu..
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  • Kommentar von Markus Meyer (mameyer)
    Bei den Ökonomen ist die Frage, welche Modelle sie vertreten, weniger interessant. Vielmehr muss die Frage gestellt werden, wer von den von Ihnen vetretenen Modellen am meisten profitiert. Hilfreich ist dabei manchmal die Beachtung, für wen diese Ökonomen Arbeiten und in welchen Netzwerken sie aktiv sind.
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