Warum die Banken nicht für die nächste Krise gewappnet sind

Die Finanzkrise 2008/2009 war schmerzhaft: Banken verloren Unsummen mit faulen Wertpapieren, brauchten teils Staatshilfe, Börsen spielten verrückt. Mit etwas Distanz drängt sich die Frage auf, ob denn auch Lehren daraus gezogen worden sind. Nein, sagt der Harvard-Ökonom Friedman.

Benjamin M. Friedman

Bildlegende: Benjamin M. Friedman von der Harvard University: Er besuchte diese Woche eine Tagung der SNB. Imago

Der Amerikaner Benjamin M. Friedman tritt zurückhaltend auf. Er wählt seine Worte mit Bedacht. Doch seine Botschaft ist unmissverständlich: Bei den grossen US-Banken liegt so einiges noch immer im Argen. Bisher habe die Politik vor allem das so genannte Too-big-to-fail-Problem in die Hand genommen, habe die grossen Banken also sicherer gemacht, damit sie besser durch eine nächste Krise kämen.

Aber viele der US-Banken seien eben nicht nur «too big to fail» – also zu gross, um fallengelassen werden zu können. Viele seien auch «too big to manage», also zu gross und zu komplex, um anständig geführt zu werden und den Überblick zu behalten, so der 72-jährige Wirtschaftsprofessor. Er hat übrigens Anfang der 70er-Jahre selber einmal kurz für eine US-Grossbank gearbeitet, sich dann aber für eine akademische Karriere an der Harvard Universität bei Boston entschieden.

Unverständnis für Milliardenboni in Krisenzeiten

Friedman zufolge braucht es dringend eine Diskussion über den Sinn und Zweck von Banken: Welche Geschäfte soll eine Bank betreiben – und wie? Die Notwendigkeit dieser Debatte untermalt er mit einer Reihe von Anekdoten.

Beispiel Citibank: In dem Jahr, als dort der Aktienkurs von 55 US-Dollar auf 97 Cent eingebrochen sei, habe sich das Management mit Boni in der Höhe von zwei Milliarden US-Dollar «belohnt». Friedman kann – und will – sein Unverständnis für dieses Vorgehen nicht verhehlen, und fügt noch eine weitere Geschichte hinzu.

Konzernchefs entsetzt über Lohnabstimmung

Als in den USA die Idee aufgekommen sei, die Aktionäre sollten rein konsultativ über die Löhne des Managements abstimmen können, habe er gestaunt, wie vehement sich die grossen amerikanischen Konzerne dagegen gewehrt hätten. Die Vorstellung, dass nota bene die Eigentümer der Firma unverbindlich Stellung nehmen könnten zu den Salären, sei für die Chefs schlicht entsetzlich gewesen, so Friedman.

Ein anderes, aktuelles Beispiel: Wells Fargo. Der Chef des US-Geldinstituts musste vor dem Bankenausschuss des US-Senats antraben. In seiner Bank gab es über Jahre betrügerische Machenschaften, als Folge wurden 5300 Angestellte entlassen. Doch der oberste Chef sagt, er habe von den jahrelangen krummen Touren schlicht nichts gewusst. Friedman kommt in Fahrt: «Wissen Sie, was? Ich glaube dem Chef, dass er nichts gewusst hat.»

Branche nicht für nächste Finanzkrise gewappnet

Aber das dürfe doch nicht das Ende der Diskussion sein; es müsse der Anfang sein, mahnt der Ökonom. Der Anfang einer Diskussion über Sinn und Zweck von Banken, so Friedman. Denn er ist überzeugt: Hier geht es um mehr als nur um ein paar unschöne Anekdoten. Die Fehlleistungen in der Branche hätten System.

Der Professor für Wirtschaftswissenschaften plädiert dafür, hieraus möglichst rasch die nötigen Lehren zu ziehen. Denn das wäre seines Erachtens ein zentraler Schritt beim Versuch, sich besser vor einer nächsten Finanzkrise zu schützen.