Zigaretten-Multis rüsten auf Was ist dran am «Smart Smoke»?

Mit E-Zigaretten und anderen Verdampfern soll alles gesünder werden. Noch sind aber sehr viele Fragen unbeantwortet.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der sinkende Tabakkonsum in westlichen Ländern, aber auch Steuern und Nichtraucher-Initiativen stellen die Tabakkonzerne vor neue Herausforderungen.
  • Immer mehr wird in die Forschung rund um das sogenannte «smart smoking» investiert, um auch künftig Milliardengewinne zu machen.
  • Mit E-Zigaretten und anderen Tabak-Verdampfern überzeugen überzeugen die Hersteller weltweit mittlerweile jedes Jahr Millionen neuer Kunden.
  • Ob die neuen Produkte tatsächlich gesünder sind, ist heftig umstritten. Langzeitstudien fehlen.
  • Die Nummer drei der Tabak-Multis, Japan Tobacco International (JTI) mit Sitz in Genf, präsentierte am Freitag sein neues Rezept.

Da nuckelt jemand an einem Kugelschreiber, könnte man denken. Doch es ist der neue Tabak-Verdampfer von Japan Tabacco International (JTI). Es ist nicht das erste dieser sogenannt «smarten» Tabakprodukten auf dem Markt, welche den Tabak nicht mehr verbrennen wie bei einer herkömmlichen Zigarette.

«Heat, not burn» heisst das in der Fachsprache der Industrie. Der Tabak soll die Kunden auch weiterhin glücklicher machen, aber mit weniger Schadstoffen, unterstreicht JTI-Forscher Ian Jones und betont: «Wir haben eine Reduktion von 99 Prozent der Schadstoffe im Vergleich zum Zigarettenrauch.»

«  Wir wissen nicht, was diese Produkte mittel- und langfristig bewirken, weil es diese Studien nicht gibt. »

Macé Schuurmans
Lungenfacharzt, Universitätsspital Zürich

Fast 100 Prozent weniger Schadstoffe – ein schlagendes Verkaufsargument für den Tabak-Multi. Für Macé Schuurmans, Lungenfacharzt am Universitätsspitals Zürich, ist es zurzeit genau das: bloss ein Verkaufsargument. Die Aussage sei sehr vage und auch nicht sehr glaubwürdig, weil sehr pauschal. Was analysiert wurde, wisse man nicht genau.

Weniger Schadstoffe richten laut Schuurmans auch nicht zwingend weniger gesundheitliche Schäden an. Womöglich reiche über viele Jahre hinweg bereits eine geringe Menge, um gesundheitliche Schäden anzurichten: «Wir wissen nicht, was diese Produkte im mittel- und langfristigen Zeitraum bewirken, weil es diese Studien nicht gibt.»

Eine Studie aus der Schweiz sorgte für Aufregung

Aufhorchen liess jüngst eine Studie von Schweizer Forschern der Universitäten Bern und Lausanne. Diese zeigte, dass der Dampf des Tabakverdampfer von Philipp Morris Schadstoffe enthält, die auch bei einer Verbrennung von Tabak entstehen wie bei einer herkömmlichen Zigarette.

Philipp Morris reagierte heftig auf die Studie, welche die Forscher im amerikanischen «Jamal Internal Medicine Magazin» publiziert hatten. Der Tabak-Multi warf den Autoren Fehler vor, wie der «Nouvelliste» schrieb. Der Dekan der medizinischen Fakultät der Universität Lausanne wies das vehement zurück und sprach von einem Angriff auf die akademische Freiheit. Aufgrund Drucks von Philipp Morris entschieden die Forscher, gegenüber den Medien nichts mehr zu sagen.

Lungenfacharzt Schuurmans fühlt sich an die 1970er und 1980er Jahre erinnert. Damals hielt die Tabakindustrie Studien zurück, um zu vertuschen, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht: «Wir wissen auch, dass gewisse Forscher Unterstützung erhielten und das nicht deklariert haben.

Wie systematisch der Druck der Industrie auf die Forschung ist, kann Schuurmans nicht beurteilen. Zumindest im Fall der Schweizer Forscher war der Philipp Morris ziemlich aggressiv unterwegs.

«  Wir würden unsere Produkte auch gerne von anderen Instituten testen lassen. »

Natasja Sommer
Kommunikatinschefin, Japan Tobacco International

Bei Japan Tabacco International gibt man sich betont offen gegenüber unabhängigen Studien. «Wir würden unsere Produkte auch gerne von anderen Instituten testen lassen. Wir sind im Gespräch mit verschiedenen Universitäten», sagt Kommunikationschefin Natasja Sommer.

Ob sich Forscher dem heiklen Gebiet annehmen, ist fraglich. Klar ist aber: Erst in ein paar Jahrzehnten wird man wissen, ob bei den neuen Produkten die gesundheitlichen Folgen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs seltener sind. Bis dahin arbeitet die Tabakindustrie wohl weiter daran, sich ein gesünderes Image zuzulegen – um das Rauchen zu banalisieren und um sich den Markt zu sichern.