Merkels Gespür für die Wünsche von morgen

Angela Merkel wird heute am WEF in Davos erwartet. Die Ostdeutsche ist seit 2005 Regierungschefin in Deutschland, ihre Popularität ist ungebrochen. Dass sie ihren Kurs häufig gewechselt hat, konnte ihr nichts anhaben. Was ist ihr Erfolgsrezept? Antworten von «Zeit»-Herausgeber Josef Joffe.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel

Bildlegende: Angela Merkel Die deutsche Bundeskanzlerin hat am Donnerstag ihren Auftritt am WEF in Davos. keystone

Wer ist Angela Merkel? Wahrscheinlich sei sie «die erste perfekte postmoderne Politikerin», sagt Josef Joffe. Der Herausgeber des deutschen Wochenblatts «Die Zeit» ist ein harter Kritiker der Bundeskanzlerin. Merkel, die bei zwei Dritteln der deutschen Bevölkerung gut ankommt, verkörpere einen neuen Politstil.

«Anything goes»

Das Motto in ihrer Politik laute: «anything goes» – alles ist möglich. Dies gelte auch für spontane Richtungsänderungen im politischen Kurs. Wie nach der Atomkatastrophe von Fukushima, als Merkel plötzlich den Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie verkündete.

Dennoch gilt Merkel vielen Deutschen als beständig und verlässlich. Gegenüber Schweizer Radio und Fernsehen erklärte Joffe, wie sie dies schafft. Ihre wichtigste Eigenschaft sei ihr Spürsinn. Die Kanzlerin stehe nicht für klare Überzeugungen, sondern für einen «politischen Warenkorb», den sie stetig weiterentwickle, erklärt Joffe bildhaft.

Den Inhalt dieses Warenkorbs definiere und schichte sie immer wieder neu, je nachdem, was das Volk morgen wollen könnte. Für die zukünftigen Wünsche der Menschen habe Merkel ein besonders feines Gespür.

Das deutsche Volk wolle heute keinen Gerhard Schröder mit seiner klaren Agenda  und schon gar nicht einen Adenauer, welcher sage: «Hier geht's lang und nirgendwo anders.» Nein, so Joffe, das Volk wolle hauptsächlich in Ruhe gelassen werden. Merkel erfülle diesen Grundanspruch, ist der «Zeit»-Herausgeber überzeugt: «Sie gibt uns viel – und bedroht uns wenig.»