«Thomas Jordan hatte gar keine andere Wahl»

Der SNB-Entscheid mit der Abkopplung vom Euro hat die Finanzmärkte in Turbulenzen gebracht. SRF-Börsenexperte Jens Korte ist am WEF in Davos. Wirtschaftskorrespondent Reto Lipp hat ihn gefragt, wie die Wall Street reagiert hat und warum die SNB den Schritt gegangen ist.

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Jens Korte, SRF-Börsenexperte

8:11 min, vom 21.1.2015

Reto Lipp: Wie waren die Reaktionen auf den SNB-Entscheid an der Wall Street?

Jens Korte: Das ist ein grosses Thema gewesen. Es hat die Aktienkurse selber in New York nicht unbedingt bewegt, aber es ist das am meist diskutierte Thema gewesen.

Einige Hedgefonds sollen viel Geld verloren haben, manche sogar Pleite gegangen sein. Wie haben die Investmentbanker den SNB-Entscheid kommentiert?

Das Ganze war eine grosse Überraschung. Wenige Tage zuvor gab es noch das Bekenntnis zur Euro-Anbindung und dann eben doch dieser Schlag. Das hat doch viele Investoren auf dem falschen Fuss erwischt. Was vor allem das Spannende ist – wir sind allgemein seit Jahren überall in der Welt in einer sehr extremen Situation der Geldpolitik. Deshalb schaut man natürlich sehr genau hin, was die einzelnen Länder machen und da hat SNB-Chef Thomas Jordan mit dem Hammer die Geldpolitik in der Schweiz geändert.

Auch die US-Notenbank sucht den Ausstieg aus ihrer unkonventionellen Geldpolitik und will ganz konventionell eine Zinserhöhung machen. Wann kommt die Zinserhöhung in den USA?

Die amerikanische Wirtschaft läuft eigentlich gut. Deshalb scheint man der Meinung zu sein, jetzt den geldpolitischen Kurs zu ändern. Momentan laufen die Wetten darauf, dass im Sommer zum ersten Mal nach neun Jahren eine Zinserhöhung zu erwarten ist.

Im Gegensatz zu den USA folgte die Schweizer Zinserhöhung sehr abrupt.

Ich glaube, dass Thomas Jordan gar keine andere Wahl hatte, als wirklich die Keule auszupacken. Denn wenn man vielleicht angedeutet hätte, dass man vielleicht die Politik aufgeben will, dann hätten die Devisenmärkte sofort reagiert. Das wäre für die SNB richtig teuer geworden. Jeden Tag werden weltweit Devisen im Wert von 4,5 Billionen Dollar gehandelt. Da kann meiner Meinung nach die SNB langfristig nicht gegen ankommen.

Die EZB wird nun wohl die amerikanische Geldpolitik kopiert. Hat sich die EZB von der US-Geldpolitik inspirieren lassen und hofft damit aus der Krise zu kommen?

Man kopiert das schon zum Teil, sieht aber auch dass da ein gewisser Währungskireg geführt wird – probiert wird den Euro zu drücken. Ich bin der Meinung, dass wir da nicht unbedingt stark realwirtschaftliche Konsequenzen sehen werden. Was ich höre ist, dass die EZB das unter anderem unternimmt, um schwache Banken zu stützen, z.B. in Italien, und damit diesen Banken Zeit kauft, damit sich diese wieder besser fangen können.

Die meisten Finanzexperten sagen, dieses Jahr wird das Jahr des Dollars. Der Dollar wird sich weiter stärken. Sehen Sie das auch so?

In der Tendez ja. Wir sehen, dass die amerikanische Wirtschaft deutlich besser läuft als die europäische. Wir sehen den geldpolitischen Kurs, der eben in den USA ganz anders angelegt ist, als wir das vor allem im Euroraum sehen. Das müsste in der Tendenz den Dollar eigentlich stützen. Es ist für die amerikansiche Wirtschaft auch nicht ganz so entscheidend, wie für die europäische. Der Exportanteil der amerikanischen Wirtschaft liegt grob bei etwa 12 Prozent. Das Land lebt von sich selber. Da ist der Wechselkurs nicht ganz so wichtig wie das in Europa der Fall ist.

Das Gefühl einer Zinssteigerung ist eher Gift für die Börse. Müssen wir mit einem Börsenabsturz rechnen, bevor diese Zinserhöhungen kommen?

Zumindest eine Korrektur ist relativ wahrscheinlich. Wenn man sich das historisch anschaut – in den sechs Monaten vor einer Zinswende liegt die Wahrscheinlichkeit bei einer Korrektur bei etwa 80 Prozent. Interessanterweise kehren die Märkte nach dem ersten Zinsschritt relativ schnell wieder auf das Vorkorrektur-Niveau zurück. Es wird die erste Zinserhöhung seit neun Jahren und das bringt natürlich auch eine gewisse Unsicherheit mit sich.

In der Schweiz hat man die Hoffnung einer Aufwertung des Dollar. Damit das Geld in die USA fliesst und nicht in die Schweiz. In der Schweiz haben wir ja sogar Negativzinsen.

Tendenziell wird das schon so sein. Aber wenn man eine ralativ starke Währung hat gibt es auch positive Effekte, denn das zieht natürlich entsprechende Investtionen in das entsprechende Land. Ob jetzt alle Leute, die ihr Geld in Franken investiert haben, ihr Geld in Amerika anlegen, bleibt abzuwarten.

Jens Korte

Jens Korte

Jens Korte berichtet für das SRF von der Wall Street in New York. Bereits seit 1999 arbeitet er dort für verschiedene Medien. Im Jahr 2003 gründete er die Firma nygp – new york german press. Korte hat eine Lehre zum Industriekaufmann abgeschlossen und ein Studium der Volkswirtschaft in Berlin absolviert.

Das WEF in Davos

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Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Das WEF vor der Eröffung

    Aus Tagesschau vom 21.1.2015

    Bereits vor der offiziellen Eröffnung des World Economic Forums durch Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga findet das erste Wirtschaftspanel mit prominenter Vertretung statt. Thema: die Notenbankpolitik der wichtigsten Staaten. Einschätzungen von den SRF-Redaktoren Marianne Fassbind und Mario Grossniklaus.