Wettbewerbs-Ranking des WEF: Schweizer Spitzenplatz wackelt

Im sechsten Jahr hintereinander führt die Eidgenossenschaft den Index des Weltwirtschaftsforums (WEF) an: Die Schweiz ist die wettbewerbsfähigste Nation. Trotz der konstanten Leistung warnt der Bericht vor aufziehenden Wolken am Horizont. Nicht zuletzt wegen dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel.

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Bildlegende: Kein gutes Haar lassen die WEF-Analysten an der Annahme der Einwanderungsinitiative im Februar. Keystone

Wie bereits in den vergangenen Jahren profitierte die helvetische Wirtschaft von der Transparenz ihrer Institutionen, ihrer Innovationsfähigkeit sowie der hervorragenden Zusammenarbeit zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor. Das schreibt das WEF in seinem Wettbewerbsbericht, der in der Nacht auf Mittwoch veröffentlicht wurde. Weiter zählten die Effizienz des Arbeitsmarktes, das Ausbildungssystem und die gut ausgebaute Infrastruktur zu den Erfolgsfaktoren der Schweizer Wirtschaft.

Fachkräftemangel bedroht Wettbewerbsfähigkeit

Die Genfer Organisation rief die Schweiz aber dieses Jahr zur Vorsicht auf. Der sich abzeichnende Fachkräftemangel bedrohe die künftige Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Seit 2012 rutschte die Schweiz vom 14. auf den 24. Platz bezüglich der Verfügbarkeit von Ingenieuren und Wissenschaftlern ab. Die vom WEF befragten Unternehmensmanager bezeichneten die Suche nach qualifiziertem Personal als ihre derzeit grösste Sorge.


WEF: Schweiz ist wettbewerbsfähigstes Land

1:27 min, aus SRF 4 News aktuell vom 03.09.2014

«Die Annahme der Einwanderungsinitiative vom 9. Februar hatte bis jetzt noch keine Konsequenzen für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz», erklärt Thierry Geiger, Ökonom und WEF-Direktor. Bislang seien die Auswirkungen noch unklar. Die Häufung solcher populistischen Initiativen könnte jedoch künftig die Rekrutierung von Talenten für die Schweizer Wirtschaft gefährden. Es gelte, weitere Zugangsbeschränkungen zum Schweizer Arbeitsmarkt zu verhindern, warnt Geiger.

USA überholen Deutschland

Aus ähnlichen Gründen musste Deutschland dieses Jahr eine Zurückstufung um einen Rang auf Platz 5 des Wettbewerbindexes hinnehmen. Deutschland müsse sich mehr bemühen, Ausländer und Frauen dauerhaft auf den Arbeitsmarkt zu integrieren, um der Alterung der Gesellschaft zu begegnen, sagte die WEF-Deutschlandexpertin Caroline Galvan.

Wie bereits im Vorjahr belegte Singapur den zweiten Platz im WEF-Ranking. Die USA verbesserten sich um zwei Plätze auf Rang 3 und überholten damit Deutschland. Als wettbewerbsfähigstes Land der Eurozone landete Finnland auf Platz 4.

Strukturelle Reformen entscheidend

China verbesserte sich um einen Platz und wurde auf Rang 28 verzeichnet. Andere Schwellenländer, unter ihnen die Türkei, Südafrika und Brasilien, fielen dagegen zurück.

In den Krisenländern Europas geht es nach Einschätzung des WEF aufwärts. Portugal arbeitete sich mit seinem ambitionierten Reformprogramm um 15 Positionen auf Rang 36 hoch. Griechenland, das allerdings bis in den Bereich armer Entwicklungsländer abgerutscht war, konnte immerhin um zehn Plätze auf Rang 81 klettern. Trotz der Fortschritte gebe es aber in beiden Ländern immer noch erhebliche Probleme, gab die Genfer Organisation zu bedenken.

Die Umsetzung struktureller Reformen sei entscheidend, um eine neue Krise der Weltwirtschaft zu vermeiden, erklärten die WEF-Ökonomen. Dabei hielten sie fest, dass die Grenze der Wettbewerbsfähigkeit in Europa künftig nicht mehr zwischen Nord und Süd verlaufen würde, sondern zwischen «denen, die nötige Reformen umsetzen, und denen, die das nicht tun».

Die zehn bestplazierten Volkswirtschaften

RangVolkswirtschaftBewertung*
1Schweiz5.7
2Singapur5.6
3USA5.5
4Finnland5.5
5Deutschland5.5
6Japan5.5
7Hong Kong5.5
8Niederlande5.5
9Vereinigtes Königreich5.4
10Schweden5.4
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