Wie viel Vertrauen hat VW noch im Tank?

Der Abgas-Skandal trifft den deutschen Autobauer hart. So hart, dass er geplante Investitionen um eine Milliarde Euro und auf die Karte ökologische Autos setzt. Für Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer muss VW mit einem Neuanfang verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.

Auspuffrohre und im Hintergrund die VW-Zentrale

Bildlegende: Reichen die angekündigten Massnahmen, um den VW-Konzern wieder auf Kurs zu bringen? Keystone

Volkswagen verschärft angesichts der Abgaskrise sein Sparprogramm und fährt die Investitionen zurück. Sie sollen gegenüber der bisherigen Planung um eine Milliarde Euro im Jahr gekürzt werden.

Baukastensystem auch für Elektroautos

Das Programm zur Effizienzsteigerung werde beschleunigt, teilte VW mit. Zugleich kündigte VW-Markenchef Herbert Diess eine Neuausrichtung der Modellpolitik an. Dadurch sollen mehr Elektroautos und Fahrzeuge mit Plug-in-Hybridantrieb auf den Markt gebracht werden. Das Baukastensystem des Konzerns wird nun auch für Elektroautos angewendet.

Wo wird gespart?

«Als Einsparung ist das viel und es zeigt, dass VW alles versucht», erklärt dazu der deutsche Professor für Automobilwirtschaft, Ferdinand Dudenhöffer, gegenüber SRF News. «Allerdings kommen auf den Konzern Belastungen von jährlich 60 bis 80 Milliarden Euro zu. Im Verhältnis dazu, nimmt sich die eine Milliarde wenig aus.»

Diess' Vorgänger Martin Winterkorn hatte bereits ein Programm aufgelegt, um die Kosten der Marke VW bis 2017 um fünf Milliarden Euro zu senken.

Dudenhöffer sähe in einer Verselbstständigung der Nutzfahrzeugsparte weiteres Sparpotenzial für den Konzern. «VW könnte auch die Modellpalette ausdünnen», sagt Dudenhöffer. Immerhin würden für den Konzern jährlich Entwicklungskosten von rund acht Milliarden Euro anfallen.

«Kein Neustart bei VW»

Auf der Streichliste könnte nach Ansicht Dudenhöffers der VW Phaeton stehen, der ein reines Verlustfahrzeug sei und das US-Werk in Chattanooga, das schon heute nicht ausgelastet sei. Fest steht bereits, dass der Phaeton keinen herkömmlichen Nachfolger mehr bekommt, sondern als Elektroauto weiterentwickelt wird. Das liess VW verlauten.

Das allerdings hätte Folgen, wie Dudenhöffer sagt. «Denn weniger Modelle bedeuten natürlich auch weniger Verkäufe. Es ist klar, dass deshalb in der Belegschaft eine grosse Unsicherheit herrscht.»

«Der Konzern kann nur durch einen Neuanfang verlorenes Vertrauen zurückgewinnen, denn der Betrug wird lange in den Köpfen der Verbraucher hängen bleiben», so Dudenhöffer. Allerdings sei mti einem Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Dieter Pötsch (früherer Finanzchef der Volkwsagen AG, Anm. d. red.) der Neustart nicht gewährleistet. «Es müsste jemand Externes kommen, damit VW einen wirklichen Neuanfang starten kann», sagt der Automobilexperte.

Rückstellungen von 6,5 Milliarden

Wegen der Manipulation von Diesel-Abgaswerten ermitteln weltweit Behörden gegen VW. Die Wolfsburger müssen mit milliardenschweren Strafzahlungen und Schadensersatzforderungen rechnen. Allein für millionenfache Rückrufe hat der Konzern 6,5 Milliarden Euro zur Seite gelegt.

Vor drei Wochen hatte VW selbst eingeräumt, mit einer Software Abgastests bei Dieselfahrzeugen manipuliert zu haben.

Gesamtwirtschaft Deutschlands betroffen?

Unter Experten steht aktuell zur Diskussion, inwiefern die Abgasaffäre nicht nur den deutschen Autobauer betrifft, sondern die deutsche Wirtschaft in Mitleidenschaft zieht. Geht es nach Ulrich Grillo, dem Präsidenten des Bundesverbands der deutschen Industrie, wird der Fall Volkswagen nicht dazu führen, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland Schaden erleidet.

Die gleichen Töne schlägt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel an. «Ich gehe nicht davon aus, dass vom VW-Skandal nachhaltige Schäden für deutsche Konkunktur ausgehen», sagte er am Dienstag.

VW-Ende beim VfL Wolfsburg?

Die VW-Krise trifft den deutschen Fussball-Bundesligisten VfL Wolfsburg. Der Klub hat den Plan für Neubau des Nachwuchsleistungszentrums vorerst gestoppt. Nach Einschätzung von Ferdinand Dudenhöffer wid VW das Engagement beim DFB-Pokalsieger ganz beenden, da dieses ein Prestige-Objekt von Ex-VW-Chef Winterkorn gewesen sei, erklärt er bei SRF News.