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Wirtschaft Wir werden weniger

Die Weltbevölkerung schrumpft. Das sagen die meisten Demographen. Auch der Soziologe Wolfgang Lutz. Im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin «Trend» von Radio SRF erklärt er, warum wir immer weniger werden. Und weshalb sich dieser Trend nicht mehr umkehren lässt.

Auf der Erde leben heute etwas mehr als sieben Milliarden Menschen. Wie viele mehr erträgt unser Planet?

Das hängt sehr davon ab, wie die Menschen sich organisieren. Ob genügend Lebensmittel produziert werden können und wie sich die Technologie entwickelt. Eine Grenze setzen sicherlich die natürlichen Ressourcen. Aber ich denke wir werden gar nicht so weit kommen.

Die Weltbevölkerung wird also nicht unendlich wachsen?

Nein, danach schaut es zum Glück nicht aus. Mit hoher Wahrscheinlichkeit steigt die Anzahl Menschen bis Mitte des Jahrhunderts auf neun bis zehn Milliarden. Danach stagniert die Zahl – oder beginnt sogar leicht zu sinken.

In Afrika wird sich die Bevölkerung verdoppeln, vielleicht sogar verdreifachen.

In Afrika wächst die Bevölkerung aber stark. Und trotzdem gehen Sie davon aus, dass es in Zukunft weniger Menschen auf der Welt geben wird?

In Afrika wird sich die Bevölkerung wahrscheinlich verdoppeln, vielleicht sogar verdreifachen. Das stimmt. Eine neue Studie, die wir mit hunderten Experten auf der ganzen Welt durchgeführt haben, zeigt aber, dass auch in Afrika die Anzahl Geburten leicht abnimmt. Da in China und anderen asiatischen Ländern die Geburtenzahlen schon jetzt deutlich sinken, ist eine anhaltende Bevölkerungsabnahme das wahrscheinlichste Szenario.

Woher kommt dieser Trend zu weniger Kinder?

Das Bildungsniveau nimmt in fast allen Ländern der Welt zu. Und die Bildung der Frauen ist der wichtigste Faktor für einen Geburtenrückgang. Frauen, die zum Beispiel eine sekundäre Schulbildung haben, wünschen sich weniger Kinder. Und nur wenn sich die Frauen weniger Kinder wünschen, werden sie auch weniger Kinder haben.

Kinder sind nicht gottgegeben.

Könnte es sein, dass sich der Trend nach unten wieder umkehrt, und die Zahl der Geburten plötzlich wieder steigt?

Die Forschung nimmt an, dass sich ein Rückgang nicht wieder in ein Wachstum umkehren kann. Denn die Erkenntnis, dass Kinder nicht einfach gottgegeben sind und man nichts dagegen tun kann, wird dauerhaft sein. So wird sich die Haltung durchsetzen, dass es besser ist, weniger Kinder zu haben und diesen dafür mehr bieten zu können.

Gilt das auch für arme Länder, in denen zum Beispiel die Schulbildung obligatorisch ist? Die also über ein relativ hohes Bildungsniveau verfügen.

Ja, ein gutes Beispiel dafür ist Moldawien. Das ärmste Land Europas. Die Menschen in ländlichen Gebieten Moldawiens sind genauso arm, wie die Bevölkerung in vielen afrikanischen Ländern. Aber die moldawischen Frauen haben im Durchschnitt nur ein Kind. Weil die Moldawierinnen gelernt haben, dass man die Geburten beeinflussen kann. Und es in wirtschaftlich schlechten Zeiten sinnvoll ist, weniger Kinder zu haben.

Schauen wir in die Schweiz. Hier spielt sich das Gegenteil ab. Die Geburtenzahlen steigen leicht. Sind wir einmal mehr ein Sonderfall?

Nein, das sieht man in ganz Europa. Die Geburtenzahlen in den westlichen Ländern schwanken immer leicht, allerdings auf sehr geringem Niveau. In einigen EU-Ländern haben die Frauen schon wieder weniger Kinder. Als Folge der Wirtschaftskrise.

Auch eine Bevölkerung mit vielen alten Menschen kann leistungsfähig sein.

Was ist, aus Sicht der Forschung, eine vernünftige Geburtenrate?

Solange eine Volkswirtschaft viel in junge Leute und deren Ausbildung investiert, kann die Bevölkerung auch leicht schrumpfen. Die erstrebenswerte Zahl an Geburten liegt wahrscheinlich so zwischen 1.5 und 1.8 Kinder. Das zeigen neuste Simulationsmodelle.

Fehlt der Wirtschaft nicht der Treibstoff, wenn die Bevölkerung nicht mehr wächst und tendenziell älter wird?

Als Beispiele taugen hier Japan und Deutschland. Die japanische Bevölkerung schrumpft und hat einen hohen Altersdurchschnitt. Gleichzeitig harzt es in der Wirtschaft. Doch japanische Forscher gehen nicht davon aus, dass es da einen direkten kausalen Zusammenhang gibt. Deutschland bestätigt dies. Die Bevölkerung ist gleich alt, oder je nach Indikator sogar älter als die japanische, und die Wirtschaft wächst trotzdem.

Unsere Altersvorsorge funktioniert nach dem Prinzip, dass die jungen Leute die älteren finanzieren. Funktioniert dieses System noch, wenn die Bevölkerung stagniert oder sogar abnimmt?

Nein, das heutige Modell mit fixen Zahlungen und starrem Rentenalter funktioniert dann nicht mehr. Doch es gibt Lösungen. Schweden reformiert sein Vorsorgesystem, indem es die Zahlungen und das Pensionsalter von der Lebenserwartung abhängig macht. So könnte das Pensionsalter schon bald 70 sein und dies ohne, dass wir weniger Jahre im gesunden Pensionsalter hätten. Dies, weil die Lebenserwartung zunimmt.

Wolfgang Lutz

Portrait Wolfgang Lutz am WEF in Davos

Der Soziologe Wolfgang Lutz lehrt an der Wirtschafts-Universität Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Bevölkerungs-Prognosen und die Entwicklung der Geburtenraten.

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Werner Krauss, 8608 Bubikon
    Nach Erhebungen vom IPCC ist der CO2-Ausstoss in der EU ca. 7-10 t/a pro Kopf. In den Entwicklungsländern Afrikas und Indien liegt er bei 1.4 t/a und Kopf. 2 Mrd. zusätzliche Erdenbürger verursachen damit 2800 Millionen Tonnen CO2 jährlich!! Es kann doch nicht verhältnismässig sein, wenn die Schweizer Bürger 8 Millionen Tonnen einsparen sollen und auf der anderen Seite werden Entwicklungsländer durch (medizinische) Hilfe zur Explosion des meschlischen CO2-Ausstosses ermuntert.
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  • Kommentar von Ursin Gartmann, Duebendorf
    Nach meinen Berechnungen leben nur 300 Millionen Menschen in Europa, 300 weitere Millionen Menschen in Nord und Südamerika, sowie ca. 600 Millionen Menschen in Asien und weiter 200 Millionen Menschen im Mittlerern Osten sowie in afrika. also im Jahre 2014 leben nach meinen Berechnungen 1400 Millionen Menschen auf unserem Planeten und im Jahre 2095 werden es nach meinen Berechnungen nur noch ca. 600 Millionen menschen sein.
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  • Kommentar von H. Bernoulli, Zürich
    Das Problem ist nicht die Überbevölkerung sondern der Ressourcenverbrauch der Industrienationen, deren Wirtschaft nur dann für gesellschaftliche Stabilität sorgt, wenn sie exponentiell wächst! So verbrauchen die USA mit ca. 4% der Weltbevölkerung 25% der Ressourcen. Und es werden 3% Wachstum gefordert, zur Lösung der ökonomischen und sozialen Probleme. d.h. Verdoppelung von Produktion&Konsum alle 23 Jahren. Der Wachstumszwang der Industrieländer ist das Hauptproblem!
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