Wirtschaftsanwälte: Die fetten Jahre sind vorbei

Waren Wirtschaftskanzleien früher wahre Goldgruben, wird das Geschäft zunehmend schwierig. Die Kunden der Kanzleien müssen sparen und greifen auf alternative, günstigere Anbieter zurück. Gleichzeitig gibt es immer mehr Anwälte in der Schweiz: inzwischen mehr als 11‘000.

Glasfront mit Schriftzug Lenz & Staehelin.

Bildlegende: In der Schweiz arbeiten mehr als 11‘500 Rechtsanwälte. Lenz & Staehelin ist mit 178 Anwälten die grösste Kanzlei. SRF

In der Schweiz arbeiten viel mehr Rechtsanwälte als gemeinhin angenommen. Dies ergab eine Umfrage von «ECO» bei allen kantonalen Aufsichtsbehörden über die Anwälte.

Bisher stützte sich die Öffentlichkeit auf die Mitgliedszahlen des Schweizerischen Anwaltsverbandes. Demnach gab es 2015 in der Schweiz 9693 Rechtsanwälte – ein Plus von 33 Prozent im Vergleich zu 2005. Doch die Mitgliedschaft im Anwaltsverband ist nicht zwingend, im Unterschied zur Registrierung bei einer kantonalen Behörde. Bei den Aufsichtskommissionen über Anwälte waren 2015 insgesamt 11‘591 Rechtsanwälte eingetragen.

Anzahl Anwälte dürfte weiter steigen

Seit 2005 können sich Anwälte aus EU- und Efta-Staaten in der Schweiz ohne weiteres eintragen lassen, sofern sie ein europäisches Anwaltspatent besitzen. Ihre Anzahl hat sich denn in letzten zehn Jahren auch gut 500 vervierfacht. Sie machen 4,3 Prozent aller in der Schweiz registrierten Anwälte aus.

In naher Zukunft dürfte die Anzahl der Rechtsanwälte jährlich weiterhin deutlich steigen. 2014 waren in der Schweiz über 15‘000 Studenten an einer juristischen Fakultät immatrikuliert – ein Drittel mehr als noch im Jahr 2000. Allein 2014 haben über 1700 Jurastudenten einen Masterabschluss erlangt. Auch das ist ein Drittel mehr als 2000. Ein Grossteil dieser Studienabgänger dürfte die Anwaltslaufbahn einschlagen.

Die Kunden werden fordernder

Die steigende Anzahl Rechtsanwälte macht sich auf dem Markt bemerkbar. So sagt Beat Brechbühl, Managing Partner bei der Grosskanzlei Kellerhals Carrard: «Die Tarife kommen in gewissen Bereichen unter Druck. Das muss man von Fall zu Fall anschauen. Das ist kein genereller Trend. Aber was man sagen kann ist, dass durch die Konkurrenz und insbesondere durch Kostendruck bei unseren Klienten die Professionalität der Auswahl und Überwachung zugenommen hat.»

Beat Brechbühl.

Bildlegende: «Die Tarife kommen unter Druck», sagt Beat Brechbühl (Kellerhals Carrard). SRF

Einerseits würden sich Unternehmen zunehmend die Frage stellen, ob sie gewisse Rechtsdienstleistungen auslagern oder selber machen sollen. Zudem, so Brechbühl, gäbe es vermehrt Offert- und Konkurrenzsituationen. «Wir haben vermehrt Pitches, an welchen wir uns präsentieren müssen. Und in diesem Zusammenhang auch alternative Kostenmodelle. Die Stundenhonoraransätze sind immer noch möglich und haben auch ihre Berechtigung. Aber in gewissen Bereichen wird das abgelöst durch Pauschalierungen und Kostendächer, um das Kostenmanagement effektiver zu machen.»

Gleichzeitig drängen neue Anbieter in den Markt. Sie wollen mit dem Massengeschäft Geld verdienen, also zum Beispiel mit der Analyse von Verträgen in grossen Mengen oder Due Diligence-Abklärungen bei Übernahmen. Sie stellen den Rechtsabteilungen von Unternehmen Anwälte auf Leihbasis zur Verfügung, etwa für Projekte oder bei krankheitsbedingten Abwesenheiten eines Team-Mitglieds.

Die 15 grössten Kanzleien der Schweiz

Kanzlei
Anzahl Anwälte
Lenz & Staehelin178
Homburger141
Schellenberg Wittmer123
Kellerhals Carrard121
Walder Wyss117
Bär & Karrer115
Baker McKenzie88
Meyerlustenberger Lachenal85
Vischer83
CMS von Erlach Poncet82
Pestalozzi78
Bratschi, Wiederkehr & Buob77
Niederer, Kraft & Frey76
Froriep75
Python & Peter72

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Wirtschaftsanwälte: Die fetten Jahre sind vorbei

    Aus ECO vom 8.2.2016

    Das bis anhin sehr lukrative Geschäft der Wirtschaftsanwälte in der Schweiz kommt zunehmend unter Druck. Denn die Klienten der Wirtschaftskanzleien – Unternehmen – müssen sparen. Teilweise werden die Honoraransätze abgelöst durch Pauschalierungen und Kostendächer. Zudem drängen neue, günstige Anbieter auf den Markt. Und: Es gibt immer mehr Anwälte.

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