Zum Inhalt springen

Wirtschaft Wo führt die Wirtschaftspolitik Japans noch hin?

Japans Wirtschaft ist vor einer angekündigten Steuererhöhung noch einmal stark gewachsen. Nun dürfte das Wachstum zurückgehen. Im Sommer soll sich die Wirtschaft aber wieder erholen. Wirtschaftsjournalist Martin Fritz ist skeptisch. Er sieht Gefahren in der Wirtschaftspolitik von Premier Abe.

«Dass das Wachstum so stark ausfallen wird, hat man nicht erwartet. Das liegt daran, dass die japanischen Privatverbraucher mehr konsumiert haben als erwartet.» Das sagt Wirtschaftsjournalist Martin Fritz in Tokio. Die Japaner hätten viele Anschaffungen vorgezogen. Denn: Am 1. April wurde die Verbrauchssteuer von 5 auf 8 Prozent erhöht.

Mit diesen Konsumausgaben trugen sie dazu bei, dass die drittgrösste Volkswirtschaft der Welt im ersten Quartal des laufenden Kalenderjahres unerwartet stark wuchs. Hochgerechnet auf ein Jahr beträgt das Wachstum 5,9 Prozent, wie die Regierung auf vorläufiger Basis bekannt gab.

Japans «Abenomic»

Wirtschaftsjournalist Martin Fritz steht den Plänen der japanischen Regierung skeptisch gegenüber. Er erklärt, warum: «Die Wirtschaftspolitik von Premierminister Abe, die so genannte Abenomic, zielt auf die Überwindung der Deflation. Das ist ein Problem, das man in Europa nicht kennt. Wir haben das Problem, dass man seit zehn Jahren stagnierende oder fallende Preise und stagnierende oder fallende Löhne hat.»

Wirtschaft im Stillstand

Die Unternehmen hätten nicht mehr in Japan investiert, sie seien ins Ausland gegangen, sagt Fritz. Das bedeute, dass sich die ganze Wirtschaft im Prinzip im Stillstand befindet. «Abenomics versucht, die Deflation zu überwinden, zur Inflation zurückzukehren und auf diese Weise wieder einen normalen Wirtschaftskreislauf in Gang zu bringen.»

Allerdings wird man laut Fritz damit auf lange Sicht ein Problem haben. Seit zehn Jahren schrumpft die Bevölkerung, auch die Erwerbsbevölkerung geht zurück. «Auf Dauer lässt sich das japanische Modell nicht mehr finanzieren. 25 Prozent der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt. Da tun sich die Japaner schwer, die Ausgaben für Renten und Gesundheit der vielen alten Leute zu finanzieren», so Fritz. Der einzige Trost für die japanische Regierung sei, dass die Leute sehr rüstig sind. Sie kosten gesundheitsmässig wenig und sie arbeiten auch lange. Das tatsächliche Rentenalter in Japan beträgt 69 Jahre.

Riesiger Schuldenberg Japans

Auch was Japans Schuldenberg von 250 Prozent der Wirtschaftskraft betrifft, sieht der Wirtschaftsjournalist grosse Probleme auf Japan zukommen: «Wenn ich die Deflation unbedingt überwinden will, dann riskiere ich, dass zu irgendeinem Zeitpunkt, das ganze Geld, das in die Wirtschaft gepumpt wird, plötzlich tatsächlich in der realen Wirtschaft ankommt. Dann entsteht auf einen Schlag eine sehr starke Inflation.» Dann würden die Renditen für Staatsanleihen nach oben schnellen. Es käme es zu einem Fiskalkollaps, sagt Fritz.

Folgen des Tsunamis

Den grössten Wirtschaftswachstum verzeichnete Japan im dritten Quartal 2011. Der Wiederaufbau der vom Tsunami verwüsteten Gebiete kurbelte das jährliche Bruttoinlandsprodukt um 10,8 Prozent an.

2 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Bea N., Wals
    Übrigens....Spitäler haben in Japan auch ihre eigenen Minibusse mit denen alte Leute zu Hause abgeholt und ins Spital gefahren werden. Sie machen damit gleichzeitig Kundenwerbung. Und das kostet nicht ein Vermögen, sonst würde niemand diesen Service beanspruchen. Die Busse haben einen Fahrplan und holen natürlich pro Gegend gleich mehrere Leute. Rückfahrt ist auch nach Fahrplan....die Leute haben ja Zeit und können in der Spital Cafeteria tratschen und auf Abfahrzeit warten. Ist doch super so!!!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von H. Bernoulli, Zürich
    Seit dem Platzen der Aktien- und Immobilienblase Ende 90er Jahren hat sich Japans Wirtschaft nicht erholt. Mit Staatsausgaben auf Pump und Ausweitung der Geldmenge konnte Japan ein Kollaps - ausgehend vom Finanzsystem - vermeiden. Auch hier: der Boden als Geldanlage war ein Hauptfaktor für die Blase und anschliessende Krise. Japan, USA und Europa - wie viel ökonomisch havarierte Länder braucht es noch, um zu sehen, wohin der Kapitalismus führt (Schuldenberge, Wachstum bis zum Kollaps usw.)?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen