Zurück auf Null beim Budgetieren

Die Chefs der Unternehmen brüten und feilschen derzeit um die teuren Budgetposten. Manche Firmen greifen zu einer ganz radikalen Methode: Sie beginnen das Budgetieren bei Null. So, als wäre – zunächst einmal – gar kein Geld mehr da.

Eine Person geht an einer Skulptur, die an ein Portemonnaie erinnert, vorbei

Bildlegende: Neue Wege beim Blick ins Portemonnaie: «Zero-Base-Budgeting» ist das neue Schlagwort. Reuters/symbolbild

Wachstumsflaute, fehlende Bestellungen, Kostendruck wegen des starken Frankens: Das zwingt die Unternehmen in diesem Budget-Herbst zum radikalen Sparen.

Da kommt die Idee vom Zero-based Budgeting wie gerufen. Zero-based, Null-basiert: weil man bei Null anfängt, erklärt Dieter Pfaff, Direktor des Instituts für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich: «Stellen Sie sich vor, Sie wären auf der grünen Wiese und wollten das Rad neu erfinden.» In der Praxis heisst das: Ausnahmslos jeden Ausgaben-Posten auf den Prüfstand stellen. Egal, was im Vorjahr budgetiert war.

Keine Abteilung bleibt verschont

«Der Ansatz ist, nicht zu sagen, meine Kostenposition ist X und ich spare auf diese Position fünf oder zehn Prozent», sagt Christoph Schmitz, Finanzchef des Airline-Caterers Gategroup. Er ist daran, das Zero-based Budgeting konzernweit umzusetzen. «Ich gehe davon aus, dass mein Budget für diese Kostenposition Null ist und dann muss der jeweilige Kostenverantwortliche rechtfertigen, welchen Betrag er für diese Kostenposition braucht», erklärt Schmitz weiter.


«Zero-Base-Budgeting»: Zurück auf Null

5:00 min, aus Echo der Zeit vom 04.10.2015

Keine Abteilung bleibt verschont. Und jedes Konzernleitungs-Mitglied hilft mit: Finanzchef Schmitz knöpft sich persönlich die Abfall-Entsorgung vor. Bevor er dafür im Budget überhaupt Kosten zulässt, versucht er erstens Abfall zu vermeiden. «Das ist für uns ganz entscheidend, weil wir bei uns im Wesentlichen überall Lebensmittelabfälle machen und insofern wollen wir natürlich diese vermeiden. Das kann man über Optimierung bei der Produktion oder über die Optimierung der Rezepte erreichen.»

Nicht ein einfaches Ansetzen des Rotstiftes

Weiter will Schmitz mit den Entsorgungs-Firmen die Verträge nachverhandeln. Und zuletzt hat der Gategroup-Finanzchef gemerkt, dass sich mit der richtigen Entsorgung sogar wieder Geld reinholen lässt: «Wir sprechen aber auch über innovative Abfallkonzepte, wo zum Beispiel auch über die Kompostierung von Lebensmittelabfällen nachgedacht wird.» Damit wolle man aus dem Problem ein Vorteil schaffen, erklärt Schmitz weiter.

Für Gategroup bedeutet Zero-based Budgeting also nicht einfach, überall den Rotstift anzusetzen. Das Ziel ist Effizienz und Prioritäten zu setzen.

Das Schlachten «heiliger Kühe», nennt es Paul King vom Beratungs-Unternehmen Deloitte. Er kennt Konzerne, die das durchexerziert haben. Alllerdings, meint der Berater: Jährlich aufs Neue die Übung zu machen, sei auch für grosse Unternehmen zu aufwendig. Zero-based Budgeting – kurz ZBB – werde nach ein, zwei Jahren meist wieder abgelöst durch gewöhnliches Budgetieren. Meist ist dann der Zweck erfüllt: Die Kostenbasis ist deutlich kleiner als zuvor.

Trend kommt aus den USA

Furore gemacht hat das Konzept bei Konzernen aus der Lebensmittelindustrie wie Coca-Cola und Anheuser Busch. Unter der Ägide des US-Grossinvestors Warren Buffett und des schweizerisch-brasilianischen Bankers Jorge Paulo Lemann findet es nun Anwendung bei der Fusion von Kraft und Heinz zum Nahrungsmittel-Riesen.

Die Einsparungen der Firmen waren jeweils eindrucksvoll, die Radikalität des Sparens aber auch einschneidend für das Personal, denn ohne Stellenabbau ging es zumeist nicht.

«Weiterso wie bisher» geht nicht mehr

In der Schweiz gehen nun auch kleinere und mittlere Unternehmen der Exportindustrie in diese Richtung. Der Frankenschock habe die Manager wachgerüttelt, meint Accounting-Experte Oliver Vögele von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. «Wir stellen ganz klar fest, ein stures, stares ‹Weiterso wie bisher› scheint nicht mehr möglich. Der Frankenschock scheint schon einen gewissen Anpassungsdruck auch hinsichtlich der Budgetierungsprozesse ausgelöst zu haben.»

Das Umdenken hat also begonnen. Für Management und Belegschaft ist das Nullbasis-Budgetieren zwar anstrengend. Doch kann es auch viel bringen. Zero-based Budgeting beflügelt die Fantasie im Unternehmen. So gesehen ist es wenigstens besser, als – fantasielos – linear die Kosten zu kürzen.