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Porno-Business im Wandel Wie unabhängig ist selbstständige Sexarbeit auf Onlyfans?

Erst wollte die Plattform Onlyfans sexuelle Inhalte verbieten und dann doch nicht. Wie blicken Sexworker:innen auf dieses Hin und Her, die dort ihr Geld verdienen?«Unzipped» hat die schweizweit erfolgreichste Creatorin Mrs. Nice getroffen.

Wie unabhängig ist selbstständige Sexarbeit auf Onlyfans? Diese Frage ist diesen Herbst für zahlreiche Sexarbeiter:innen existenziell geworden.

Natürlich bin ich von der Plattform abhängig, aber als Sexworkerin bin ich unabhängig.
Autor: Mrs. Nice erfolgreichste Schweizer Onlyfans-Creatorin

Onlyfans, die weltweit grösste Plattform für unabhängig produzierte sexuelle Inhalte, hatte angekündigt, dass auf Anfang Oktober keine expliziten Bilder und Videos mehr geduldet würden.  

Onlyfans, was ist das?

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Auf Onlyfans können Nutzer:innen verschiedene Profile von Creator:innen abonnieren. In der Regel kostet ein monatliches Abo um die 20 Franken und im Gegenzug erhält man Zugang zu exklusiven Bildern und Videos des jeweiligen Profils. Die Firma Onlyfans verlangt dafür eine Provision von 20%, der Rest geht an die Creator:innen. Seit dem Beginn der Corona-Pandemie ist die Plattform stark gewachsen.

Für die Fitnesstrainer:innen und Yogalehrer:innen, welche die Plattform auch nutzen, wäre der Entscheid kein Problem gewesen, aber für Sexarbeiter:innen, die auch mit Abstand die grössten Einnahmen für Onlyfans generieren, wäre es einem faktischen Berufsverbot auf der Plattform gleichgekommen. Die Schlagzeilen gingen um die Welt und nach reichlicher Entrüstung machte das englische Unternehmen die Entscheidung rückgängig. Pornographie gibt es Stand heute auf Onlyfans weiterhin.

Wieso wollte Onlyfans sexuelle Inhalte loswerden?

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Onlyfans wollte nach eigenen Angaben auf Druck von Banken Pornographie verbieten. Banken hätten immer wieder Zahlungen an Onlyfans-Creator:innen verzögert, weshalb es für das Unternehmen schwierig geworden sei, sicherzustellen, dass das Geld bei den Creator:innen tatsächlich ankommt, so Onlyfans-CEO Tim Stokely. Weshalb die Bezahlung jetzt kein Problem mehr ist und wieso auf Onlyfans Pornografie weiterlaufen kann, ist nicht bekannt.

Mrs. Nice aus Luzern, die nicht unter bürgerlichem Namen auftritt, ist die reichweitenstärkste Creatorin der Schweiz und verdient ihren Lebensunterhalt auf Onlyfans.

Legende: «Ich habe vielleicht auch einen ruhigeren Blick auf diese Schlagzeilen, weil ich eine Oma in diesem Business bin», sagt die 29-jährige Mrs. Nice. SRF

Während andere Sexarbeiter:innen die finanziellen Auswirkungen der Hin-und-Her-Kommunikation von Onlyfans nach wie vor spüren, sagt sie: «Natürlich bin ich von der Plattform abhängig, aber als Sexworkerin bleibe ich unabhängig. Ich habe eine loyale Community. Die würden mir auch auf eine andere Plattform folgen. Und dass Sexarbeit auf einer Plattform plötzlich nicht mehr erwünscht ist, ist nichts Neues. Das gab es bei Patreon und Tumblr auch schon.» Diese Plattformen werden heute vor allem von Künstler:innen und Blogger:innen genutzt.

«Keine digitale Barbie»

An Beispielen wie Onlyfans, Patreon oder Tumblr zeigt sich, dass unabhängig organisierter Sexarbeit immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. Für Mrs. Nice ist der Weg über Onlyfans aber trotzdem besser als herkömmliche Pornographie: «Ich muss keine Ideen von anderen Menschen umsetzen, die Bezahlung ist transparent und bin nicht von Verträgen oder Produzenten abhängig.»

In einem herkömmlichen Porno mitspielen würde sie deswegen nie und auch auf Onlyfans erfüllt sie keine Wünsche von Fans: «Ich bin keine digitale Barbie, die man verbiegen kann.»

Der Traum vom schnellen Geld

 Mrs. Nice lenkt aber auch ein und sagt, dass nicht alle Sexarbeiter:innen auf Onlyfans so unabhängig seien wie sie. «Ich habe vor dem Pandemie-Boom mit Onlyfans angefangen und war auch schon vorher in der erotischen Welt zuhause, weil ich über Instagram viel sexuelle Aufklärungsarbeit gemacht habe.» Mittlerweile gäbe es so viele Creator:innen, das es schwierig sei wirklich damit Geld zu verdienen. Ein durchschnittlicher Account verdient gerade mal 180 US-Dollar im Monat. Mrs. Nice hingegen lebt von ihrer Arbeit und verdient nach eigenen Angaben ähnlich wie in ihrem früheren Beruf als Uhrmacherin, obwohl sie zu den 0.5 Prozent erfolgreichsten Creator:innen der Welt auf Onlyfans gehört. 

Legende: «Ungefähr 50 Prozent meiner Arbeit findet am Laptop statt: Kommentare und Anfragen beantworten, aber auch Bilder bearbeiten gehörten dazu. Manchmal schicken Menschen Anfragen, dass sie mit mir skypen wollen oder Ähnliches, aber da habe ich eine strikte Linie. Ich machen nur was ich will», so Mrs. Nice SRF

Nur für die Kamera

Sie kriege auch viele Anfragen von anderen Sexworker:innen, die ihre Bekanntheit auf Onlyfans steigern wollen und auf mehr Geld hoffen. «Viele machen den gleichen Fehler und bieten immer extremere Sachen an, wenn sie merken, dass es nicht so läuft, und irgendwann machen sie gewisse Dinge nur noch für die Kamera. Die Meisten unterschätzen die psychischen Folgen davon für die eigene Sexualität und haben dann das Gefühl sie seien ausgenutzt worden», das höre sie doch öfter, so Mrs. Nice. Auch deswegen setzt sie sich für eine Altersgrenze von 21 Jahren ein. «Wenn man das mit 18 Jahren macht und denkt, dass jetzt das grosse Geld kommt, kann das unschön sein.»  

Mit der Anwältin gegen illegale Uploads   

Bevor man mit Sexarbeit im Internet beginne, müsse man sich auch im Klaren darüber sein, dass dann intime Bilder überall auftauchen können. Auch sie kämpft immer wieder gegen illegale Uploads ihres Materials auf anderen Seiten. «Ich gehe mit meiner Anwältin dagegen vor und verfolge das. Das kostet Zeit und Geld, aber gehört für mich auch zum Job dazu. Je bekannter man wird, desto öfter passiert das.»

Auch das dürfte ein weiterer Grund sein, weshalb Sexarbeiter:innen mit Onlyfans nur schwer reich werden: Viel Pornografie wird gestohlen und kann sehr einfach gratis konsumiert werden. Die Bereitschaft dafür zu bezahlen ist immer noch tief.

Unzipped, 18.10.2021, 17:00 Uhr

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