Zum Inhalt springen

Die BuchKönig bloggt Alles andere als «Null Komma Irgendwas»

Was da zwischen hellgrünen Buchdeckeln lauert, springt mich an. Lavinia Braniștes Roman «Null Komma Irgendwas» ist was! Das echte Leben. Die junge Rumänin schreibt erfrischend anders, prickelnd, mutig, klar. Nicht von ungefähr wurde ihr Buch als bester rumänischer Roman 2016 ausgezeichnet. Hurra!

Annette König hält den Roman «Null Komma Irgendwas» von Lavinia Braniște in die Luft. Im Hintergrund ein Hochhaus, das dem auf dem Buchcover gleicht.
Legende: From Bukarest with Love Annette König hat Lavinia Braniștes Roman «Null Komma Irgendwas» auf der Leipziger Buchmesse entdeckt. Diese Entdeckung ist ihr fünf Kronen wert. SRF

Zuuuummm. Eben noch in der Schweiz, jetzt in Bukarest City. Alles wegen Lavinia Braniște. Sie reisst mir mit ihrem Buch meine Schweizer Identität vom Leib und stülpt mir eine neue über. Ich heisse jetzt neu Cristina. Bin 32, Rumänin, habe studiert und arbeite – natürlich überqualifiziert und unterbezahlt - in einer Baufirma als Mädchen für alles. Weil der Bau eines Home- und Gartencenters ansteht, welcher von EU-Geldern finanziert wird, schiebe ich Überzeit. Wate für andere durch Schlamm, ertrage die Launen meiner Chefin und träume von einem besseren Leben.

Bewertung fünf Kronen

Fünf Kronen

Und die gibt's für Lavinia Braniștes einfühlsame Momentaufnahme vom Leben einer jungen Rumänin.

Einem Leben, in dem es vielleicht auch mal einen gescheiten Mann geben wird. Einer, der für mich da ist. Nicht so wie Mihai, meine Fernbeziehung.

Meine Wohnung ist ein Loch in einem Block. Mit Kakerlakengift und Bohrmaschinen-Wochenenden. Meine Mutter lebt in Spanien. Und am Weihnachtsfest der Firma verkleide ich mich als Oliver Twist. Als armer Junge, weil ich mir mehr als fingerlose Handschuhe nicht leisten kann.

Bild mit einem Kran, der Geld transportiert.
Legende: Zwitscher, Zwitscher im Baugewerbe Korruption ist in Lavinia Braniștes Roman allgegenwärtig. SRF

Daumen rauf

Ungeschönt. Lavinia Braniște zeichnet ein präzises Abbild der rumänischen Gesellschaft. Mutig prangert sie die aktuelle Situation im osteuropäischen EU-Mitgliedsland an. Und zeigt auf, dass auch Jahre nach der Diktatur die junge Generation noch immer ums Überleben kämpft, weil sie keine Zukunftsperspektive hat. Auatsch.

Erfrischend. Braniște schreibt im Präsens. Das gibt ihrem Text eine Unmittelbarkeit und Leichtigkeit, die ich so noch nie gelesen habe. Und das trotz den schweren Inhalten.

Social-Media-kritisch. Die Autorin ist ein Digital Native. Sie führt mir die Macht von Social Media vor Augen. Ihre Protagonistin Cristina ist deprimiert, wenn sie die perfekt inszenierten Leben der anderen auf Facebook sieht. Mein Fazit: Aus Selbstliebe weg mit diesem Social-Media-Seich. Stelle schon auf Flugmodus. Nur wie lange?

Authentisch. Mit grossem Einfühlungsvermögen zeigt die Autorin auf, wie es im Inneren ihrer Protagonistin aussieht. Ich leide mit dieser jungen, zerbrechlichen Frau, die einsam und tief traurig ist. Und orientierungslos und resigniert durch ihr modernes Leben surft: «Ich bin ein Mensch, bei dem die Wut spät ausbricht. Nach Scham- und Schuldgefühlen folgt Resignation, in dieser Reihenfolge. Und die Wut bricht wie ein Schlammvulkan aus. Er spuckt keine heisse Lava, sondern gluckert kalt

Daumen runter

«Null Komma Nichts».

Habe ich euch neugierig gemacht? Diskutiert mit auf Facebook Die BuchKönig bloggt., Link öffnet in einem neuen Fenster

Lavinia Braniște Roman «Null Komma Irgendwas» liegt auf einem weissen Teller. Messer und Gabel daran angestellt.
Legende: Für mehr als Wurstbrot mit Bier reicht es in Lavinia Braniștes Roman «Null Komma Irgendwas» leider nicht. SRF

Die Autorin

Lavinia Braniște wurde 1983 in Brăila, im Südosten Rumäniens, geboren. Sie lebt in Bukarest, wo sie als Literaturübersetzerin arbeitet. «Interior Zero», der nun auf Deutsch unter dem Titel «Null Komma Irgendwas» vorliegt, ist ihr erster Roman. Vorher veröffentlichte sie zwei Sammlungen mit Kurzgeschichten.

Sämtliche Blogs von der «BuchKönig» könnt ihr hier nachlesen. Und die «BuchBar» hier nachhören: