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100 Jahre Spanische Grippe Tödliche Gefahr auf leisen Sohlen

Die Spanische Grippe kostete mehr Menschen das Leben als die beiden Weltkriege zusammen. Denn zur Grippe dazu kam oft ein Infekt mit tödlichem Ausgang.

Wenn die Haut der Patienten von einer rötlichen Färbung ins Bläuliche kippte, bedeutete das nichts Gutes. Manchmal waren die Patienten dann binnen Stunden tot. Oft bluteten die Menschen plötzlich aus der Nase oder dem Mund. Vor allem junge Leute, die in der Blüte ihres Lebens standen, suchte die Spanische Grippe heim – allen voran die Männer. «Im Gegensatz zu den Frauen waren die jungen Männer in Kasernen und Wirtshäusern. Und dort sind die Menschen oft näher beieinander, was eine Ansteckung begünstigte», sagt Andreas Widmer, Professor und Leiter der Abteilung für Spitalhygiene am Unispital Basel. 50 bis 100 Millionen starben an der Grippe, je nach Quelle, welche man herbeizieht.

Die Spanische Grippe, der Todfeind vom Menschenansammlungen

In Basel-Land verbot die Gemeinde Sissach im Juli den Viehmarkt und die Feiern zum ersten August.

Bekanntmachung ausgeschrieben
Legende: Keinen Viehmarkt oder auch keine Krankenbesuche Die Gemeinde Sissach (BL) versucht mit dem Schreiben vom 4. Oktober 1918 der Spanischen Grippe Meister zu werden. Staatsarchiv Basel-Land

Über die Zeitung informierte sie die Bevölkerung weiter: «Wegen der Ansteckungsgefahr der Grippe bei grossen Ansammlungen wird bis auf weiteres bei Beerdigungen stille Bestattung angeordnet, das heisst es dürfen an der Bestattung nur Angehörige oder besonders Eingeladene teilnehmen.» In den Todesanzeigen musste man auf die Angabe des Zeitpunktes der Beerdigung verzichten, um nicht eine Busse zu riskieren.

Textausschnitt aus Zeitung
Legende: «Keine Beerdigungen» steht in der Zeitung «Volksstimme von Baselland» am 16. Oktober 1918. Staatsarchiv Basel-Land

«Überall, wo es zu Menschenansammlungen kam, reagierten die Behörden», sagt der Historiker Andreas Tscherrig. Er hat sich als einer der wenigen mit dem Thema Spanische Grippe auseinandergesetzt und für die beiden Basel aufgezeigt, wie die Behörden auf die Grippe reagierten: Schulen wurden geschlossen, Kasernen und Schulhäuser zu Notspitälern umfunktioniert. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Decken und Betten zu spenden und den Ärzten ihre Autos zur Verfügung zu stellen.

Die Spanische Grippe, die gar nicht aus Spanien kommt

Mit Spanien hat die spanische Grippe übrigens nichts zu tun. Zwar erkrankte der spanische König Alfons und mit ihm ein paar Mitglieder seines Kabinetts, was auch die spanischen Zeitungen meldeten. Als neutrales Land zensurierte Spanien seine Presse nicht. Anders die kriegsführenden Staaten des ersten Weltkriegs. Sie berichteten danach nicht über die Grippe im eigenen Land, sondern über die Grippe in Spanien, eben die «Spanische Grippe».

Ein Rätsel der Medizin

«Warum der Erreger der Spanischen Grippe zu viel mehr Ansteckungen führte als eine normale Grippe, ist bis heute ein Rätsel», sagt der Spitalhygieniker Andreas Widmer. Dass es durch das A/H1N1-Virus so viele Grippetote gab, hat auch damit zu tun, dass die Erkrankten sich zusätzlich zum Virus mit einem bakteriellen Infekt, zum Beispiel einer Lungenentzündung, ansteckten. Gegen die Lungenentzündung hätte man heute immerhin Penicillin zu Hand. Der Engländer Flemming entdeckte es aber erst zehn Jahre nach der Spanischen Grippe. Interessant an der Spanischen Grippe ist auch, dass vor allem Menschen zwischen 20 und 40 Jahren erkrankten. Menschen, in der Blüte ihres Lebens. Man geht heute davon aus, dass die ältere Bevölkerung damals durch vorgängige Grippeerkrankungen einen gewissen Immunschutz genoss.

Schwarzweiss Foto aus dem Spital
Legende: Grippe-Patienten in einem Notfallspital in der Nähe von Fort Riley, Kansas, USA, 1918. Keystone

Die Spanische Grippe, ein biologische Kampfstoff?

Es war 2005 als amerikanischen Wissenschaftler der Durchbruch gelang: Aus Gewebeproben von Grippetoten, die 1918 im Permafrostboden von Alaskas beigesetzt worden waren, konnte das vollständige Genom des A/H1N1-Virus rekonstruiert werden. «Die Frage, warum man das Virus der Spanischen Grippe rekonstruiert hat, ist absolut berechtigt», sagt Marc Strasser, Virologe und Chef des Fachbereichs Biologie am Labor Spiez. «Die einen sind froh darum, dass man das Genom nun kennt und mit einer Impfung darauf reagieren könnte. Andere finden es überflüssig, ein so gefährliches Virus wieder zu beleben.

Es wäre durchaus möglich, die Spanische Grippe heute als biologischen Kampfstoff einzusetzen», so Strasser. Ein Ort mit vielen Menschen, eine U-Bahn zum Beispiel, eine Sprühflasche mit dem Erreger und schnell wäre die Spanische Grippe wieder unter den Leuten. Die Wahrscheinlichkeit eines Bio-Terrorangriffs schätzt Strasser allerdings als gering ein: «Alle Infektionserreger kommen in der Natur vor. Die Chance, dass es auf natürlichem Weg zu einer Epidemie kommt, ist viel grösser», so der Virologe.

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