30 Jahre nach dem Massaker von Sabra und Shatila

Während des libanesischen Bürgerkriegs töteten christliche Milizen mit der Unterstützung von israelischen Soldaten in West-Beirut an die 3'000 Palästinenser. Das Massaker von Sabra und Shatila machte damals Schlagzeilen weltweit. Wie geht es den Überlebenden heute?

Am 14. September 1982 wurde der libanesische Präsident Bashir Gemayel bei einem Bombenanschlag getötet. Der christliche Milizenführer war ein Verbündeter Israels, und der Verdacht fiel schnell auf die Palästinenser. Der Verdacht bestätigte sich später jedoch nicht. Die heute 49-jährige Sana Sarsawi erinnert sich noch gut daran, wie sie am Tag nach dem Bombenanschlag vor ihrem Haus im Palästinenserlager von Sabra und Shatila sass. «Zwei Frauen kamen vorbei, ihre Kleider waren voller Blut, und sie sagten, ihre Männer seien von Milizen erschossen worden.» Da ahnten Sana Sarsawi und ihre Familien, dass etwas Schreckliches im Gange war, und sie flohen in ein Altersheim ausserhalb des Lagers.

Doch am dritten Tag ging ihnen die Milch aus, und so kehrte ihr Mann ins Lager zurück. Dort wurde er von christlichen Milizen und israelischen Soldaten festgenommen und kehrte nie mehr nach Hause zurück. Die damals 19jährige Sana Sarsawi hatte zwei kleine Töchter und war schwanger. Als sie ins Lager zurückkehrte, fand sie Häuser, deren Türen speerangelweit offen standen. Die Milizen hatten Freunde und Nachbarn beim Abendessen überrascht. Sana Sarsawi sah, wie sie tot sie auf dem gedeckten Tisch lagen. «Ich sagte nach dem Massaker oft, hätten sie mich doch mit meinem Mann mitgenommen», erinnert sich die Palästinenserin heute. Doch sie war gezwungen, weiterzuleben – sie musste ja drei Kinder durchbringen.

Keine Aufarbeitung des Massakers im Libanon

Das Massaker von Sabra und Shatila schockierte im September 1982 auch viele Menschen in der Schweiz. Im libanesischen Bürgerkrieg hatten viele zuvor mit den christlichen Parteien und den Israelis sympathisiert. Jetzt bekam dieses positive Bild deutliche Risse. Auf Druck der internationalen Gemeinschaft liess Israel die Ereignisse untersuchen. Der damalige Verteidigungsminister Ariel Sharon musste von seinem Amt zurücktreten, sass aber noch jahrelang im israelischen Parlament und wurde 2001 Premierminister. Im gleichen Jahr bemühten sich Überlebende Ariel Sharon vor einem belgischen Gericht zur Verantwortung zu ziehen. Auch Sana Sarsawi wurde als Augenzeugin angefragt. Doch bevor sie aussagen konnte, erklärte sich das Gericht für nicht zuständig.

Die Täter auf der libanesischen Seite kamen ganz ungeschoren davon. Obschon die UNO-Generalversammlung das Massaker im Dezember 1982 als Genozid wertete, wurden die libanesischen Christenmilizen wie auch andere Verantwortliche des libanesischen Bürgerkriegs nie vor ein Gericht gestellt und übten teils noch lange Zeit hohe politische Ämter aus.

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