500 Jahre Schlacht von Marignano: Ein Grund zum Feiern?

1515 unterlagen die Eidgenossen bei Marignano den Franzosen im Kampf um das Herzogtum Mailand. Die Niederlage wurde zum Gründungsmythos der Schweizer Neutralität. Zu Recht? In der Sendung «Forum» diskutierten am 2. April Markus Somm und Simon Teuscher mit Hörerinnen und Hörern.

Eine Schwarz-Weiss-Zeichnung vom Schlachtfeld.

Bildlegende: «Schrecken des Kriegs» Urs Graf zeichnete im Jahr 1521 die verheerende Schlacht. Wikimedia Commons

Dieses Jahr jährt sich die Schlacht von Marignano zum 500. Mal. Die Eidgenossen unterlagen im Jahr 1515 den Franzosen im Kampf um das Herzogtum Mailand. Es war die blutigste Niederlage in der Schweizer Geschichte. An die 10‘000 Eidgenossen fielen in der Schlacht.

Wendepunkt in der Geschichte oder Erinnerungsmaschine der Nationalkonservativen?

Was hat uns die Schlacht bei Marignano heute noch zu sagen? Rund um die Deutung von Marignano entbrannte ein Streit. Auch die Gäste in der Diskussionssendung «Forum» vertreten unterschiedliche Meinungen. Nicht was die Grausamkeit der Schlacht angeht – diesbezüglich gebe es wahrlich nichts zu feiern, sind sich Markus Somm und Simon Teuscher einig. Es sei aber wichtig, sich an das bedeutende historische Ereignis zu erinnern.

Markus Somm, Historiker und Chefredaktor der Basler Zeitung, sieht in der Schlacht einen Wendepunkt: «Nach Marignano verzichtete die Eidgenossenschaft darauf, Partei zu nehmen, wenn andere Grossmächte Krieg führen.» Man habe nach 1515 auf eine eigene Rolle auf der europäischen Bühne verzichtet.

«  Nach Marignano verzichtete die Eidgenossenschaft darauf, Partei zu nehmen. »

«Die Idee der Neutralität ist älter als die Schlacht von Marignano», sagt Somm ausserdem. Die Eidgenossen hätten immer wieder interne Konflikte regeln und Kompromisse eingehen müssen. Das habe im Bund manchmal auch bedeutet, dass sich ein Kanton habe neutral verhalten müssen.

Simon Teuscher, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Zürich, sieht es anders: «Neutralität bedeutet nicht nur, keine Partei zu ergreifen, sondern sich nicht an Kriegen zu beteiligen.» Dies hätten Schweizer Söldner aber auch nach 1515 getan.

«  Neutralität bedeutet nicht nur, keine Partei zu ergreifen, sondern sich nicht an Kriegen zu beteiligen. »

Teuscher spricht von einer Erinnerungsmaschine, die auf Hochdruck läuft. Kürzlich schrieb er als Gastkommentator in der NZZ: «Die Nationalkonservativen möchten feiern, was schon die Väter vor 50 und 100 Jahren feierten.»

1515: Stunde Null der Schweizer Neutralität?

War die Schlacht bei Marignano die Stunde Null der Schweizer Neutralität oder wird mit der Geschichte heute Politik gemacht? Auch in der Online-Diskussion ist man sich nicht einig.

«  Der Zusammenhang mit der damals eingegangenen Neutralität ist meines Erachtens absolut richtig. In Marignano standen sich in den verschiedenen Heeren unzählige Schweizer Söldner direkt gegenüber. »

Erich Bernet
Winterthur

«  Marignano ist einer jener falschen Mythen, mit denen heute nationalistische Politik gemacht wird. »

Ernst Joss
Dietikon (ZH)

«  Es ist eine Katastrophe, wenn man die Mythen missbraucht, um die heutige Gesellschaft zu erklären oder um damit Politik zu betreiben. »

Fritz Läng
Aarwangen (BE)

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