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Personen sitzen in einem Schulzimmer.
Legende: Mundart ist nicht gleich Mundart Auch in der Schweiz sind Vorurteile gegenüber Dialekten vorhanden. Es sei wichtig, sich diesen bewusst zu werden, sagt Dialektforscher Adrian Leemann. Keystone
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Dialekt als Nachteil Falscher Dialekt – kein Job

Auch in der Schweiz kommt es vor, dass Personen wegen ihres Dialekts benachteiligt werden. Die Gründe dafür sind aber nicht in den Dialekten an sich zu suchen, sondern in den Vorurteilen, die wir mit gewissen Dialekten verbinden.

Karin Aebischer hat gekündigt, weil sie ihren Dialekt nicht anpassen wollte. Sie war neu als Moderatorin bei TeleBärn angestellt worden – ausdrücklich auch mit ihrem Sensler Dialekt.

Doch von den Zuschauerinnen und Zuschauern hagelte es Kritik und Hass gegen ihren Dialekt. Anstatt sich hinter sie zu stellen, empfahl der TeleBärn-Chefredaktor Aebischer, doch auf Berndeutsch zu moderieren. Sie kündigte.

Dialekt-Diskriminierung gibt es auch in der Schweiz

Das war 2018. Der heutige TeleBärn-Chefredaktor Markus von Känel sagt auf Anfrage, man habe damals nicht mit so vielen und so negativen Reaktionen auf Aebischers Dialekt gerechnet. Heute würde man sich offensiver hinter die Moderatorin stellen.

Der Fall Karin Aebischer zeigt, dass es in der Deutschschweiz Diskriminierung aufgrund des Dialekts gibt. Und zwar nicht nur in Einzelfällen. Wie gross allerdings das Problem ist, weiss niemand. Es gibt keine Untersuchungen dazu.

In Deutschland viel schlimmer

Adrian Leemann, Dialektforscher an der Universität Bern, forscht zur Beliebtheit von Dialekten und zu Dialekt-Vorurteilen. Harte Dialektdiskriminierung sei wohl relativ selten in der Deutschschweiz, sagt er.

Adrian Leemann

Adrian Leemann

Sprachwissenschaftler

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Der gebürtige Zofinger Adrian Leemann ist Dialektforscher und Professor an der Universität Bern. Er forscht zur Beliebtheit von Dialekten und zu Dialekt-Vorurteilen. Zudem war er massgeblich an der Entwicklung der «Dialäkt-Äpp», Link öffnet in einem neuen Fenster beteiligt.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo man gemäss Studien bis zu 20 Prozent weniger verdiene, wenn man einen Dialekt rede und kein geschliffenes Hochdeutsch. Das habe aber andere Gründe als in der Schweiz: In Deutschland sei Dialekt als Sprache der Hinterwäldler und der schlecht Ausgebildeten markiert.

Angestammte Dialekte bevorzugt

In der Schweiz gebe es zwei Hauptgründe für Benachteiligung aufgrund des Dialekts, erklärt Adrian Leemann. Einerseits wolle man in Positionen, welche in der regionalen oder lokalen Öffentlichkeit stehen, grundsätzlich Menschen mit einem angestammten Dialekt. Das schaffe Nähe, man könne sich besser damit identifizieren.

«Fremde» Dialekte seien daher in bestimmten Kontexten nicht willkommen, eben zum Beispiel eine senslerdeutsche Moderatorin für Teile des TeleBärn-Publikums.

Kein Thurgauerdeutsch im Callcenter

Andererseits haben es Menschen mit bestimmten Dialekten in der Deutschschweiz allgemein schwererer als andere. Adrian Leemann erzählt die Geschichte von einer Thurgauerin, welche sich für eine Stelle in einem Callcenter beworben hatte.

Sie kam bis in die letzte Runde des Bewerbungsverfahrens, schied dann aber wegen ihres Dialekts aus. Offenbar wollte man sie mit ihrem Thurgauer Dialekt nicht auf Anruferinnen und Anrufer aus der gesamten Deutschschweiz «loslassen».

Vorurteile eingestehen und ausblenden

Das habe wohl daran gelegen, dass Thurgauer Dialekt in der Deutschschweiz unbeliebt sei, erklärt Adrian Leemann.

Und das wiederum hat nichts mit dem Dialekt an sich zu tun, sondern mit den Vorurteilen, welche von Regionen auf die dort ansässigen Dialekte übertragen werden.
Autor: Adrian LeemannDialektforscher Universität Bern

Gerade die Personalabteilungen von Firmen müssten sich bewusstwerden, dass Vorurteile gegenüber Dialekten vorhanden seien, fordert Adrian Leemann. Wenn der Dialekt im Bewerbungsgespräch von den Interviewerinnen und Interviewern aktiv ausgeblendet werde, dann werde die Person objektiver beurteilt.

8 Kommentare

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  • Kommentar von Markus Allenbach  (Markus Allenbach)
    Dialekte gehören zu unserer Kultur. Auch wenn man mal nachfragen muss. Ich hatte als Adelbodner nie Probleme im "Unterland". Man muss sich immer sich selbst bleiben dann wird man auch so akzeptiert.
    Was mich jedoch stört, ist das Überschwappen des Züritütsch in das Hochdeutsch (vor allem bei Politikern) wenn es um das "a" in das "ä" geht: "äuch äuf der Mäuer"
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  • Kommentar von Aaron Dettwiler  (Aaron1984)
    Darf ich als Baselbieter nun meinen Bebbi - Chef verklagen, wenn er meinen Dialekt nachäfft? Aber mal ernsthaft. Das zeigt doch die Absurdität dieser ganzen Diskriminierungshysterie. Wir können nicht alle Menschen vor den kleinen Ungerechtigkeiten des Lebens schützen, manche Kämpfe muss man selber führen.
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  • Kommentar von Willy Gruen  (wgruen)
    Wer an traditionellen Dialekten festhält, der hat nicht verstanden, dass sich die Welt verändert. Dialekte sind irgendwann entstanden und werden irgendwann vergehen. Das gilt sogar fü. Das Latein ist verschwunden und das Mittelhoch deutsch auch
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    1. Antwort von Manuel Nagel  (mkrm)
      In der Schweiz halten sie sich aber trotzdem, und das soll falsch sein, einfach, weil Sie das sagen?
      In der Schweiz hat man ja gar keine andere Wahl, als Dialekt zu sprechen, da es ja kein Hochschweizerdeutsch gibt.
      Sein Kind nur mit Hochdeutsch aufzuziehen, würde man sich als Schweizer ja lächerlich machen (und würde vermutlich einen sprachliche Krüppel heranziehen).
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    2. Antwort von Daniel Häberlin  (Svensk)
      Latein und Mittelhochdeutsch sind nicht einfach verschwunden, sie haben sich weiterentwickelt. Aus dem Latein wurde das Vulgärlatein, aus dem sich die heutigen romanischen Sprachen entwickelten (darin lebt Latein weiter!). Aus dem Mittelhochdeutschen wiederum wurde das Frühneuhochdeutsche und daraus das heutige Neuhochdeutsche. Auch die Schweizer Dialekte (die aufgrund ihrer geographischen Lage lange Zeit unverändert blieben) entwickeln sich weiter und werden darum nicht einfach verschwinden.
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