«Die Kinder haben schreckliche Bilder gesehen»

Viele tausend Menschen suchen Schutz vor Krieg und Folter in Europa und in der Schweiz. Darunter sind Kinder, die auf der Flucht Schlimmes gesehen und erlebt haben. Oft leiden sie unter einem Trauma. Das könne sich zum Beispiel in ihren Zeichnungen zeigen, weiss Schulpsychologin Catherine Paterson.

Catherine Paterson, wie erkennt man im Schulalltag, dass ein Kind traumatisiert ist?

Es gibt nicht nur eine einzelne typische Verhaltensweise. Am besten erzähle ich Ihnen eine Geschichte, die ich von einer Kollegin gehört habe: Die Kindergärtnerin sagt zu den Kindern, sie sollen die Schuhe aus- und die Finken anziehen. Doch ein Kind weigert sich standhaft. Die Kindergärtnerin redet auf das Kind ein und fragt, weshalb es nicht will. Doch das Kind kann seine Schuhe einfach nicht ausziehen. Man könnte nun interpretieren, es handle sich um ein freches Kind, das nicht gehorcht. Wenn man jedoch seine Geschichte kennt, wird sein Verhalten erklärbar: Das Kind war auf der Flucht monatelang mit Schleppern unterwegs. Diese befahlen den Kindern, ihre Schuhe auch nachts zum Schlafen nicht auszuziehen, wohl um Tag und Nacht bereit sein. Das Beispiel zeigt, warum es wichtig ist, dass Lehrpersonen bizarre Verhaltensweisen hinterfragen und dem Grund auf die Spur gehen.

Abgesehen von solchen Fluchterfahrungen: Gibt es andere Beispiele von traumatischen Erlebnissen, die Sie von Kindern kennen?

Das Problem ist, dass die Kinder auf der Flucht oder im Kriegsland schreckliche Bilder gesehen haben. Wir müssen uns das so vorstellen: Wenn Erwachsene traumatisiert sind, fühlen sie sich hilflos und ausgeliefert. Genauso ergeht es einem Kind, wenn es zum Beispiel mitbekommt, wie sein Grossvater geschlagen oder eines seiner Geschwister erschossen wird – und das vor seinen Augen. Es fühlt sich absolut schutzlos. Es ist schlimm, wenn ein Kind in jungen Jahren derart schreckliche Dinge sehen und miterleben muss. Das sind Bilder, die ein Kind nicht aus dem Kopf bringt, und weil es diese Bilder in sich trägt, kann es sich in der Schule nicht konzentrieren, auch wenn es dies eigentlich wollte.

Die Folgen eines Traumas sind also nicht immer offensichtlich? Man könnte ja denken, solche Kinder fielen dadurch auf, dass sie ängstlich sind oder besonders verschlossen …

Dass sich ein Kind verschliesst oder so unscheinbar verhält, dass es praktisch unsichtbar wird im Klassenzimmer, ist eine Möglichkeit. Auf der Flucht waren die Kinder daran gewohnt, sich möglichst unsichtbar zu verhalten. Es kann aber auch sein, dass ein Kind so überangepasst und freundlich ist, dass dieses Verhalten zunächst gar nicht auffällt, weil es als angenehm empfunden wird. Auffällig sind vor allem Kinder, die aggressiv sind und aus geringstem Anlass sofort in Rage geraten. Auffällig sind auch Kinder, die aufgrund von kleinsten Geräuschen erschrecken. Ihr Nervensystem ist so eingestellt, dass sie ständig wachsam sind. Der wahre Grund für ein derartiges Verhalten ist nicht immer sogleich klar. Manchmal sind betroffene Kinder auch wirklich traurig. Das merkt man mitunter, wenn sie Aufsätze schreiben oder Zeichnungen anfertigen. Hin und wieder fühlen sich Kinder allerdings auch so sicher, dass sie sich der Lehrperson mit einem Erlebnis anvertrauen.

Wenn das Problem erkannt ist: Wie können traumatisierte Kinder unterstützt werden?

Die Schule allein stellt für diese Kinder bereits eine Stabilität und Normalität dar, die schon fast therapeutisch sein kann. Der Schulalltag, der für uns ganz normal ist, ist für geflüchtete Kinder enorm wichtig. Wenn ein Kind beim Schulpsychologischen Dienst angemeldet wird, lernen wir es mit seinen Eltern kennen und klären ab, was das Kind genau braucht. Je nachdem können wir eine Einzel- oder eine Gruppentherapie anbieten oder die Lehrperson unterstützen.

Sie haben Zeichnungen traumatisierter Kinder angesprochen: Was kann man aus diesen herauslesen?

Leider – muss ich sagen – all das Schreckliche, das diese Kinder auf der Flucht oder in ihrem Herkunftsland erlebt haben. Kinder zeichnen diese Dinge vielfach von sich aus, so dass Lehrpersonen unvermittelt damit konfrontiert sind. Es kann aber auch sein, dass ein Kind bereits in einer Therapie ist und der Therapeut oder die Therapeutin das Erlebte zum Thema macht. Zeichnen, Malen oder Basteln sind Ausdrucksweisen, die gerade Kindern entgegenkommen. Zeichnen ist eine Art internationale Sprache, die auch Menschen beherrschen, die sich verbal noch nicht so gut ausdrücken können. In den Therapien setzt man daher auf non-verbale Methoden, um traumatisierten Personen eine Sprache zu geben. In den Kindertherapien wird gesprochen, musiziert, gezeichnet und auch gespielt.

Zur Person

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Catherine Paterson ist Fachleiterin Traumatherapie im Schulpsychologischen Dienst der Stadt Zürich. Das Interview mit ihr führte Radio SRF 1-Redaktorin Rebekka Haefeli.

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