Diskussion im «Forum»: Verharmlosen wir Vergewaltigung?

Opfer einer Vergewaltigung oder sexueller Nötigung tragen schwer. Oft bleibt der Täter straffrei, weil das Opfer aus Scham keine Anzeige macht. Oder weil es befürchten muss, trotz Anzeige kein Recht zu erhalten. Verharmlosen wir in der Schweiz sexuelle Gewalt? Die Diskussion im «Forum».

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Tabu Vergewaltigung – Frauen erzählen

53 min, aus DOK vom 20.1.2016

Wer Opfer einer Vergewaltigung oder sexueller Nötigung wird, trägt schwer. Aber fast jeder dritte Vergewaltiger muss nicht ins Gefängnis, weil er zu einer bedingten Strafe verurteilt wurde.

So macht sich letzte Woche der wegen Mordes angeklagte F. A. lustig über eine frühere Verurteilung wegen Vergewaltigung und bezeichnete diese als «fast Freipass zum Weitermachen».

Fakten

  • 82 Vergewaltiger wurden 2015 in der Schweiz verurteilt.
  • 26 davon erhielten eine bedingte Strafe, sie mussten nicht ins Gefängnis.
  • 532 Anzeigen wegen Vergewaltigung gab es 2015 in der Schweiz.
  • Insgesamt kam es zu 1434 Anzeigen wegen Sexualdelikten (Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Schändung).
  • Die Dunkelziffer ist hoch: Nach Schätzung der Bundesbehörden zeigen weniger als 20 Prozent den Täter an.
  • 2/3 der Opfer kennen den Täter. Es ist der Partner, Ex-Partner oder ein Bekannter (Kelly Studie).
  • 1/3 der Opfer kennt den Täter nicht oder erst seit 24 Stunden (Kelly Studie).

Unangenehme Prozesse

Kein Richter mag Vergewaltigungsprozesse. Da Vergewaltigung in der Regel ein «Vieraugendelikt» ist, es also keine Zeugen gibt, steht oft Aussage gegen Aussage. In der Schweizerischen Rechtsprechung gilt: im Zweifel für den Angeklagten. Deshalb kann es zu Freisprüchen kommen. «Das heisst nicht, dass das Opfer lügt», wie der ehemalige Zürcher Staatsanwalt Ulrich Weder kürzlich festhielt.

Die Angst vor Falschaussagen

Die Angst vor Falschaussagen ist gross. Diese Angst schwingt in jeder Anzeige und jedem Prozess mit. Statistisch gesehen sind Falschaussagen sehr selten. Eine Studie aus England (2013) kommt zum Schluss, dass nur 3 Prozent der Sexualdelikte erfunden sind.

Diskussion im «Forum»

In der Sendung «Forum» diskutierten Gäste und Hörerinnen und Hörer darüber, ob wir in der Schweiz Vergewaltigungen verharmlosen – zum Beispiel, weil sich Opfer und Täter in den meisten Fällen kennen oder weil man dem Opfer eine Mitschuld gibt.

Gabriella Matefi .

Bildlegende: . Staatskanzlei Basel-Stadt

«  Ich hoffe, dass kein Gericht eine Vergewaltigung verharmlost! »

Gabriella Matefi
Präsidentin Appellationsgericht Kanton Basel-Stadt

Ulrich Weder.

Bildlegende: . Keystone

«  Nicht das Gesetz, sondern vielfach die Gerichtspraxis ist zu milde. »

Ulrich Weder
ehemaliger leitender Staatsanwalt für Gewaltdelikte Kanton Zürich

Jan Gysi.

Bildlegende: . zvg

«  Es gibt Vergewaltigungsmythen, zum Beispiel: Wer vergewaltigt wird, ist immer irgendwie auch selber schuld. »

Jan Gysi
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Was ist was?

    • Eine Frau wird an die Wand gedrängt und hält sich die Hände vors Gesicht.

      Bildlegende: 82 Vergewaltiger wurden 2015 in der Schweiz verurteilt. 26 erhielten eine bedingte Strafe (mussten nicht ins Gefängnis). Keystone

      Vergewaltigung

      Das Opfer ist weiblich. Der Täter ist mit dem Penis in die Scheide eingedrungen. Der Täter hat physische oder psychische Gewalt angewendet, um den Geschlechtsverkehr zu erzwingen.

    • Eine Frau wird an die Wand gedrängt und hält sich die Hände vors Gesicht.

      Bildlegende: 82 Vergewaltiger wurden 2015 in der Schweiz verurteilt. 26 erhielten eine bedingte Strafe (mussten nicht ins Gefängnis). Keystone

      Sexuelle Nötigung

      Anale oder orale Penetration sowie andere sexuelle Handlungen ausser vaginalem Geschlechtsverkehr. Opfer und Täter können Männer oder Frauen sein. Der Täter/in wendet physische oder psychische Gewalt an, um sexuelle Handlungen zu erzwingen.

    • Eine Frau wird an die Wand gedrängt und hält sich die Hände vors Gesicht.

      Bildlegende: 82 Vergewaltiger wurden 2015 in der Schweiz verurteilt. 26 erhielten eine bedingte Strafe (mussten nicht ins Gefängnis). Keystone

      Schändung

      Das Opfer ist bezüglich der sexuellen Handlung urteilsunfähig, zum Beispiel Menschen mit einer schweren geistigen Behinderung. Oder stark alkoholisierte oder unter Drogen stehende Personen.

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