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Mundart Elsässer-Dialekt vom Aussterben bedroht

Immer weniger Elsässerinnen und Elsässer sprechen Dialekt. Ein Mundartdichter und eine Ex-Miss France kämpfen für den Erhalt der deutschen Sprache.

Legende: Video Das Elsass abspielen. Laufzeit 0:41 Minuten.
Aus SRF mySchool vom 16.01.2017.

Das Elsass gehörte in der Geschichte mal zu Deutschland, mal zu Frankreich. Meist wechselte die Oberhoheit im Elsass nach einem Krieg, bei dem sich die beiden Länder gegenübergestanden hatten. 1918, nach dem Ersten Weltkrieg, kam das damals grossmehrheitlich deutschsprachige Elsass endgültig zu Frankreich. Nur 1940-1945 hielt Nazideutschland das Elsass noch einmal besetzt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand die deutsche Sprache – und dazu gehörten auch die alemannischen Dialekte des Elsass – für die deutsche Besatzung, für Nazismus und Kollaboration. Ähnlich wie in Luxemburg wollten viele Elsässer selber nichts mehr mit der deutschen Sprache zu tun haben. Das Elsässische wurde aber bereits seit 1918 auch von der französischen Zentralregierung gezielt abgewertet und verdrängt.

Von den Jungen kann fast keiner mehr Dialekt

Genaue Zahlen über die Anzahl Elsässerdeutsch-Sprechende gibt es keine. Man geht davon aus, dass von 1,9 Millionen Menschen im Elsass knapp die Hälfte mindestens etwas Dialekt verstehen. Regelmässig gesprochen wird Elsässerdeutsch nur von einem Bruchteil. Von den unter 30-Jährigen kann fast niemand mehr Dialekt. Die Hauptsprache praktisch aller Elsässerinnen und Elsässer ist heute Französisch.

Das Theater als Dialekt-Schrittmacher

«Ohne die vielen Dialekt-Theatergruppen in Stadt und Land wäre das Elsässerdeutsche wohl schon ausgestorben», sagt Edgar Zeidler, Sprachwissenschaftler, Deutschlehrer und Mundartdichter aus dem Oberelsass.

Die Elsässer Dialekt-Theaterszene frischt den Dialekt bei vielen Leuten immer wieder auf – zumindest die passiven Sprachkenntnisse.
Autor: Edgar ZeidlerSprachwissenschaftler

Mehr Folklore als Alltagssprache

Dass man in der Öffentlichkeit miteinander Elsässerdeutsch rede, sei eher selten. Der Dialekt hat im Elsass vor allem eine folkloristische Funktion – als Familiensprache, auf Strassenschildern oder eben im Laientheater. Dennoch gibt es junge Leute, die bei Edgar Zeidler freiwillig Dialekt-Unterricht nehmen: «Viele, die in den Unterricht kommen, sagen mir: <Diese Sprache darf einfach nicht aussterben.>»

Miss France – die Stimme der Jungen

Neben Edgar Zeidler engagiert sich auch die Miss France von 2012, Delphine Wespiser für das Elsässerdeutsch. Sie selber spricht vor allem mit ihrem Grossvater Dialekt. Nach ihrer Wahl zur schönsten Frau Frankreichs rief sie die jungen Elsässerinnen und Elsässer auf, Dialekt zu lernen und zu sprechen – damit auch sie mit ihren Grosseltern in deren Muttersprache sprechen können.

Zusammen mit dem pensionierten Lehrer und Dialekt-Aktivist Yves Bisch hat Delphine Wespiser in den letzten Jahren in Schulklassen Elsässerdeutsch unterrichtet. 2014 haben die beiden einen Dialekt-Crashkurs auf CD herausgegeben: Damit sollen Pflegefachpersonen in Altersheimen ein einfaches Elsässerdeutsch lernen, um mit den Betagten Dialekt sprechen zu können.

Paris will nur eine Sprache

Dem beherzten Engagement von Edgar Zeidler, Delphine Wespiser und anderen steht die Ein-Sprachen-Politik Frankreichs gegenüber. 2016 wurde eine Gebietsreform umgesetzt: Das Elsass wurde mit Lothringen und Champagne-Ardenne zur neuen Region «Grand-Est», grosser Osten zwangsfusionniert. Edgar Zeidler thematisiert dies im Gedicht «Unser Lànd»:

Wo ìsch ùnser Lànd?
I se’s gàr nìmm
‘s ìsch doch àllerhànd
s Elsàss gìtt’s nìmm!
Wo sìn d’Granzposchta
vom Großa Oschta?
Wo die Granzstei
Vo dam Holzwaj?

Die Gebietsreform bedeutet: Die Dialektsprechenden im Elsass sind nun eine noch kleinere Minderheit. Es droht unter anderem die Streichung von Unterstützungsgeldern für das Elsässerdeutsch.

Aussicht: Düster mit Lichtblicken

Egal, ob linke, rechte oder Mitteparteien in Paris an der Macht sind: Die französische Zentralregierung zeigt kein Interesse für regionale Minderheiten und deren Sprachen – weder in der Bretagne, noch im Baskenland oder im Elsass. Gerade im Februar hat Präsident Macron die Gleichstellung der korsischen und der französischen Sprache dezidiert abgelehnt – obwohl nationalistische Kräfte die Regionalwahlen in Korsika gewonnen hatten.

Es sieht also nicht gut aus für das Fortbestehen des Elsässerdeutsch. Vorsichtig optimistisch stimmen lediglich die Anstrengungen von Menschen wie Edgar Zeidler und Delphine Wespiser, die sich unermüdlich für ihren Dialekt einsetzen.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Muster (Giovanni Caputo)
    Wo sin ihr blebe, ohr Waggos. Schad, dass es Euch nim git. Voulez-vous go Schittli biege wos kai Holz het....?
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  • Kommentar von martin blättler (bruggegumper)
    Das Elsass war deutsch und französisch,nicht zu vergessen,dass es,zumindest Mülhausen,Jahrhunderte ein Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft war. Sichtbar am Schweizerkreuz am Mülhauser Rathaus.Auch war die Verbindung Basels zum Elsass stets eng,auch sprachlich.
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  • Kommentar von ely berger (bärn)
    Arnold Toynbee, letzter grosser Universalhistoriker, hat den Nationalismus als Nachfolgereligion des ungelebten Christentums bezeichnet, und (mittlerweile) die weltweit meistpraktizierte Religion. Um den nicht gekannten Nationalismus den Leuten einzuimpfen, musste man rigoros gegen die Dialekte vorgehen. So bezeichnete man dann auch Dialektsprecher als minderbemittelt, was sich bis heute bei vielen hält. Auch waren Diktatoren vehement für Monosprache. Kein Wunder, will Macron nur une langue.
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