Tierversuche hautnah

Vor drei Jahren gewährte ein Schweizer Tierversuchslabor einem Reporter von «10vor10» Einblick in ihren Arbeitsalltag. Die Tierversuchs-Expertin des Schweizer Tierschutzes sagt, wie sich die Situation seither verändert hat.

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Tierversuche in der Schweiz

7:22 min, aus 10vor10 vom 6.7.2010

Die wissenschaftliche Assistentin nimmt die Maus am Schwanz und legt sie in den Glasbehälter unter eine Abzugsglocke. Zwei Sekunden später ist die Maus bewusstlos. Zwei Minuten später ist sie tot. Wegen eines Nervengifts, das auch für Menschen schädlich ist. Später nimmt die Wissenschaftlerin das Gehirn der Maus und schneidet es in hachdünne Scheiben, um Hirntumor-Forschung zu betreiben.

Es ist selten, dass Bilder an die Öffentlichkeit gelangen, wie der dreijährige «10vor10»-Bericht zeigt. «Was mir überhaupt nicht gefallen hat, ist die Haltung dieser Tiere. Sie sind in viel zu kleinen, engen Käfigen und führen ein trostloses Leben ohne Abwechslung», beurteilte damals die Tierversuchsexpertin vom Schweizer Tierschutz, Julika Fitzi, die im Beitrag gezeigte Tierhaltung. 

Zweiklassen-Gesellschaft bei den Mäusen

Wie sieht die Situation in Laboren heute aus? Tierversuchs-Expertin Julika Fitzi hatte inzwischen Gelegenheit, hinter die Kulissen von zwei weiteren Labors zu schauen. Dabei konzentriert sie sich darauf, wie Mäuse, Katzen, Affen und Kaninchen gehalten werden. Denn Qualität der Tierhaltung beeinflusse die Versuchsergebnisse massiv, das Wohlbefinden der Tiere sei wichtig für die Interpretation der Ergebnisse. «Grundsätzlich habe ich Vertrauen in die Wissenschaftler, dass sie einen Umgang nach bestem Wissen und Gewissen mit den Tieren pflegen», sagt die Tierärztin.

Die Haltung von Labornagern sei aber noch immer nicht ideal. Zwar habe man glücklicherweise die Gruppenhaltung gesetzlich verankern können, was dem Naturell der meisten Tiere entspreche, doch könnten Labormäuse noch immer nicht nagen oder klettern. «Wir haben eine Zweiklassen-Tierschutz-Verordnung, die Heimmäusen mehr Rechte gibt als Mäusen in der Versuchstierhaltung», so Fitzi.

«Unser Denken ist veraltet»

Grundsätzlich begrüsst Julika Fitzi die Tatsache, dass die Diskussion um Tierversuche an Qualität gewonnen hat. «Wissenschaftler und Tierschützer nehmen die Argumente gegenseitig ernst. Und dass wir als Tierschützer die Labore besichtigen und Feedback geben dürfen, ist ein Fortschritt», sagt die Tierärztin.

Langfristig wünscht sie sich ein Umdenken der Gesellschaft: Die Technologie sei mittlerweile so zuverlässig, dass Computer-Chips oder künstliches Gewebe als Alternativen zu Tierversuchen in Betracht gezogen werden müssten. «Heute darf etwas erst am Menschen angewendet werden, wenn ein Tier es überlebt hat. Dieses Denken ist veraltet.»

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