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Radio SRF 1 Wie viel Leid dürfen, müssen, sollten die Medien zeigen?

Es ist eine Frage, die seit Jahrzehnten gestellt wird und immer wieder neu beantwortet werden muss: Wo endet die Informationspflicht, wo beginnt der Voyeurismus? Wir haben im «Treffpunkt» über die Macht der starken Bilder diskutiert – hier sind einige, die Geschichte geschrieben haben.

1972 – das Symbolbild des Vietnamkriegs

Was wäre gewesen, wenn das berühmte Foto der nach einem Napalm-Angriff fliehenden Phan Thị Kim Phúc nie veröffentlicht worden wäre? Die Möglichkeit bestand, denn Mitarbeiter der Nachrichtenagentur AP hatten aufgrund der Nacktheit des Mädchens zunächst Bedenken. Doch das Bild ging um die Welt, und das hatte Folgen: für die Diskussion um die Art der Kriegsführung, die neue Fahrt aufnahm.

Nick Ut und Kim Phuc Arm in Arm.
Legende: Nick Út und Kim Phúc im Jahr 2012. Keystone

Und für das Mädchen selbst. Der Fotograf Nick Út brachte es nach seiner Aufnahme ins Krankenhaus, aber die Überlebenschancen schienen gering. Durch die weltweite Aufmerksamkeit wurden Spezialbehandlungen und Operationen ermöglicht, die Phan Thị Kim Phúc das Leben retteten. Sie studierte später Medizin, lebt heute in Kanada und gründete 1997 die «Kim Phuc Foundation», um kriegsversehrten Kindern medizinisch und psychologisch zu helfen.

1989 – ein Mann und die Panzer

Das Bild des einsamen Mannes, der sich in der Nähe des Tian’anmen-Platzes in Peking den Panzern entgegenstellte, wurde weltberühmt. Kurz nach der Aufnahme wurde er von vier Personen weggezogen, sein Schicksal ist bis heute ungeklärt. Welche Symbolkraft eine Aktion entwickeln kann, wenn Bilder davon existieren, verdeutlicht dies: Der unbekannte «Tank Man» wurde vom «Time Magazine» in die Liste der 100 einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts aufgenommen.

11. September 2001 – Sturz in den Tod

Kein Zeitzeuge wird die Bilder der Menschen vergessen, die sich aus dem brennenden World Trade Center in den Tod stürzten. Eines davon, aufgenommen von Richard Drew, erlangte besondere Berühmtheit: Sein Foto eines fallenden Mannes wurde am Folgetag von der New York Times und vielen anderen grossen Zeitungen gedruckt. Daraufhin gab es – vor allem in den USA – heftige Kritik. Der Vorwurf: Voyeurismus und Verletzung der Privatsphäre, obwohl die fotografierte Person kaum zu erkennen ist. Infolge dessen wurde das Bild kaum noch verwendet und aus vielen Online-Archiven gelöscht.

2. September 2015 – der tote Junge am Strand

Im Zeitalter des Internets haben wir uns mehr denn je an viele grausame Bilder gewöhnt. Doch manche schmerzen beim Betrachten so sehr und machen das Ausmass einer Katastrophe derart deutlich, dass sie weltweit Beachtung finden. Die Fotos, die das traurige Schicksal des toten Flüchtlingsjungen am Strand von Bodrum dokumentieren, gehören dazu. Und während die klassichen Medien über den richtigen Umgang damit diskutieren, wird in den sozialen Netzwerken die Trauer und Wut über das Geschehene in ganz eigener Bildsprache zum Ausdruck gebracht. So zum Beispiel in dieser Zeichnung der türkischen Professorin Şengül Hablemitoğlu.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Simone Machado Rebmann, Bern
    Ja, man soll die Bilder des Schreckens veröffentlichen, wenn der Schrecken geschieht. Wir leben in einer Welt der Bilder und sie können und sollen etwas auslösen. Die Gefahr der Abstumpfung besteht, das lässt sich nicht vermeiden.
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  • Kommentar von Susanne Elsener, Zürich
    Man muss diese Bilder zeigen um uns aufzurütteln. Wir leben in einer Welt in der das Iphone, Handy am wichtigsten ist und Kriege als Unterhaltung am Fernsehen angesehen oder an der Playstation gespielt werden. Man sollte aber auch einmal mitteilen wer an diesen realen Kriegen verdient dh wer alles liefert die Waffen dazu. Denn es kann doch nicht sein dass wir uns entsetzten aber gleichzeitig unsere Rüstungsindustrie daran beteiligt sein sollte.
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    1. Antwort von Leo Nauber, 8052 Zürich
      Man darf ruhig auch aufzeigen, dass wir alle, WIR, mit profitieren. Von den bei "Freunden!", ha ha, "gesicherten Oelquellen", billigen Oel, "gesicherten Rohstofflagern", durch Waffenbau und Waffenlieferung "gesicherten" Arbeitsplätzen. Ein paar Beispiele. Und es soll der wirkliche Krieg gezeigt werden. Wo Krieg herrscht ist es ganz anders, als das was man uns über den Krieg zeigt. Und wenn in einer Ecke des grossen Landes Touris baden, in der andern Menschen leiden! unter der gleichen Regierung!
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