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Aktuell So brechen geistig Behinderte aus dem Käfig der Nächstenliebe aus

Menschen mit einer geistigen Behinderung werden betreut und umsorgt. Doch je länger je mehr gehen sie ihre eigenen Wege. In einem Park in Kloten ZH können sie tun und lassen was sie wollen. Andere beschäftigen ihren eigenen Assistenten.

Zwei Männer blicken in die Kamera vor einem Gebüsch. Der linke macht ein "Victory"-Zeichen mit den Fingern.
Legende: Sandro Falzarano (links) lebt mit dem Down-Syndrom. Er beschäftigt seinen eigenen Assistenten, Gianni Forrer. ZVG

In der Schweiz leben rund 470'000 Menschen mit einer «starken Beeinträchtigung». Während für Menschen mit einer körperlichen Behinderung unbestritten ist, dass ihnen ein Leben ohne Barrieren, ohne Einschränkungen ermöglicht werden soll, gilt dies für Menschen mit einer geistigen Behinderung nur bedingt.

Sie werden umsorgt und an der Hand genommen. Wir meinen es gut, aber durch diese ständige Betreuung verhindern wir, dass sie lernen selber zu entscheiden.

Die Sendung zum Thema

In der Hintergrundsendung «Input» beleuchten wir das Autonomiebedürfnis von Menschen mit geistiger Behinderung. Wir besuchen ein Experiment in Zürich-Kloten. Und wir treffen Sandro Falzarano, der im Assistenzmodell lebt.

Die kompakte Version als Podcast gibt es hier zu hören. Die lange Sendung läuft am Sonntag ab 20 Uhr live auf SRF3.

Doch es geht auch anders – radikal anders. Wir zeigen zwei Möglichkeiten, wie Menschen mit einer geistigen Behinderung ihre Freiheit leben ausleben können.

Freiheit, bis sie weh tut

Der Pigna Park in Zürich-Kloten ist ein schweizweit einzigartiges Experiment. Dort können Menschen mit einer schweren Behinderung ihre Freiheit ausleben – bis an ihre Schmerzgrenze.

Ein Park mit einem Weg zwischen einer grünen Wiese und einem Blumenbeet.
Legende: Auf viertausend Quadratmeter gilt: absolute Autonomie. zvg

Der Park gehört zur Stiftung Pigna. Eigentlich ein traditionelles Heim für Menschen mit Behinderung. 111 Menschen wohnen dort, Menschen mit Beeinträchtigung können dort arbeiten. Doch zu diesem Standard-Angebot kommt der besondere Park hinzu.

Susanne Grasser, Teamleitern im Pigna Park, fasst ihren neuartigen Ansatz so zusammen: «Viele unserer Bewohner werden ein Leben lang an der Hand geführt. Dadurch verlernen sie selber zu bestimmen: Was will ich denn tatsächlich?»

In ihrem Park gibt es keine Förderprogramme oder Beschäftigungstherapien. Die Menschen können machen, was sie wollen. Auch wenn diese Beschäftigung für Aussenstehende keinen Sinn ergibt: «Wir müssen nicht verstehen, warum sie etwas machen. Es muss für sie passen.»

Ein Glashaus, darin laufen Menschen herum, eine Frau sitzt an einem roten Tischchen.
Legende: Das Glashaus im Pigna Park schützt vor Wind und Wetter. SRF

Bis an die Grenze der Selbst- und Fremdgefährdung lässt Teamleiterin Susanne Grasser alles durchgehen. Wenn sich beispielsweise ein Parkbesucher im Dreck wälzt, hebt sie ihn nicht gleich auf. Und sie eilt auch nicht zur Hilfe, wenn jemand es nicht schafft, eine Birne vom Baum zu pflücken.

Die meisten Menschen mit geistiger Behinderung werden ein Leben lang an der Hand geführt. Das nimmt ihnen die Möglichkeit, selber bestimmen zu können.
Autor: Susanne GrasserTeamleiterin Pigna Park

Allerdings gibt es doch Momente, in denen Susanne Grasser intervenieren muss, damit die Bedürfnisse der verschiedenen Parkbesucher aneinander vorbeikommen: «Wir haben eine Besucherin, die gerne die frische Luft auf ihrer Haut spürt. Wenn sie sich dann jeweils nackt auszieht, lenkt das andere zu sehr ab, dann muss ich jeweils vermitteln.»

Der Blick in ein Gewächshaus.
Legende: Im Gewächshaus überwintern Zitrusbäume. Und es prallen Lebenswelten aufeinander. SRF

Rund 25 Menschen mit schwerer Behinderung nützen die Freiheiten im Pigna Park. Ein Patentrezept sei dieses Konzept nicht, so Grasser. Viele würden sich verloren fühlen in diesem Freiraum. Doch diesen zwei Dutzend Menschen habe diese geschützte Autonomie ein grosses Stück Lebensqualität gegeben.

Sandro, 35-jährig, Down-Syndrom und sein eigener Chef

Sandro Falzarano lebt in Münchwilen im Kanton Thurgau. Er wohnt zuhause bei seiner Mutter. Lange arbeitete er in einer Tagesstätte. Doch irgendwann kam er nicht mehr zurecht mit den Strukturen. Nur in der Pause auf die Toilette, Arbeitszeiten von dann bis dann.

Ich lebe selbständig. Gehe Kaffee trinken, wann ich will. Und arbeite täglich beim Bauer im Stall.
Autor: Sandro Falzaranohat seinen eigenen Assistenten

Nun hat er eine neue Lösung gefunden. Er beschäftigt seinen eigenen Assistenten, Gianni Forrer. Ermöglicht wird dies durch das sogenannte Assistenzbudget. Dieses Modell gibt es in der Schweiz aktuell in den Kantonen Bern und Thurgau. Sandro Falzarano ist einer von gerademal acht Menschen, die im Thurgau davon profitieren.

Zwei Männer machen ein Selfie und blicken mit einem kleinen Lächeln in die Kamera.
Legende: Gianni Forrer (links) und Sandro Falzarano unterwegs. zvg (Forrer-activity)

Nicht mehr die Institution erhält vom Kanton das Geld, sondern der Betroffene direkt. Damit kann Sandro seinen Assistenten bezahlen.

Gianni Forrer unterstützt Sandro beim Einkaufen, sie machen Ausflüge oder musizieren. Auch am Fussball-Grümpelturnier hat Sandro in der Mannschaft von Gianni mitgespielt, als Torhüter.

Ein junger Mann spielt Gitarre, daneben ein anderer Mann an der Handorgel.
Legende: Harmonisch: Gianni an der Gitarre und Sandro mit der Handorgel. Sandro spielt auch noch Keyboard und Djembe. zvg (Forrer-activity)

Daneben arbeitet Sandro Falzarano täglich beim Bauern in der Nähe. Er mistet den Stall aus und füttert die Kühe. Denn auch er will arbeiten, Anerkennung für seine Tätigkeit. Doch es ist ihm wichtig, selber wählen zu können, wie und wo er arbeitet.

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Legende:SRF

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Tom Duran (Tom Duran)
    Sehr gut! So ein ungehemmtes Ausleben würde auch vielen Spiessern und Bünzlis in der Schweiz Gut tun, unseren "adeligen" Politikern so wie so. Ja, allen Menschen rate ich, lebt euch aus! Und weiter mit einem wirkungsvollen Behinderten Schutz. Denn der fehlt in der Schweiz komplett. Es existiert zwar ein derartiger Papiertiger, aber in der Praxis haben Behinderte kaum Chancen diesen anzuwenden. Abschieben, vertrösten und vor allem wegreden und drüberstellen sind leider an der Tagesordnung.
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  • Kommentar von André Furrer (..,-)
    «Wir haben eine Besucherin, die gerne die frische Luft auf ihrer Haut spürt. Wenn sie sich dann jeweils nackt auszieht, lenkt das andere zu sehr ab, dann muss ich jeweils vermitteln.» Diese absolut natürliche Ablenkung geht also zu weit in der zivilisierten Heilmedizin? :-)
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  • Kommentar von En Meier (EnMeier)
    Vielen Dank für den informativen Beitrag. Eine Korrektur: das Assistenzbudget ist inzwischen in der ganzen Schweiz gesetzlich verankert, nicht nur in Bern und Thurgau. Meinen Sie evt. die Projekte zur Subjektfinanzierung? Diese zwei Konzepte sind nicht genau das selbe.
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    1. Antwort von Dominik Steiner
      Guten Tag Die Begrifflichkeiten sind tatsächlich etwas verwirrlich. In der ganzen Schweiz gibt es seit dem Jahr 2012 den Assistenzbeitrag für Menschen, die IV beziehen. Das Assistenzbudget in den Kantonen Bern und Thurgau ist nochmals ein bisschen anders. Und ja, in Bern wird das Pilotprojekt abgelöst vom Wechsel von Objekt- zu Subjektförderung. Zum konkreten Modell im Thurgau, das Sandro Falzarno in Anspruch nimmt, finden Sie hier Informationen: https://sozialamt.tg.ch/soziale-einrichtungen/assistenzbudget-thurgau-abtg.html/5419 Freundliche Grüsse
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