Anleitung zum Bilder kaputtmachen

Wer Computerprogramme nicht so gebraucht, wie er sollte, kann mit einfachen Mitteln überraschende Bild-Effekte erzeugen. Wir zeigen, wie man zum Glitch-Künstler wird.

Glitch-Kunst feiert den schönen Fehler: Bildstörungen in Fotos und wildes Geflimmer im Video. Solche Effekte lassen sich leicht selbst herstellen, man muss bloss seinen Computer ordentlich verwirren. Zum Beispiel durch sogenanntes «Databending»: Dabei wird zum Beispiel eine Bilddatei in einem Programm geöffnet, das nicht zur Bildbearbeitung gedacht ist – etwa im Microsoft-Programm Wordpad.

 Zweimal dasselbe kitschige Bild eines Sonnenuntergangs am Strand, oben ohne und unten mit Bildfehler.

Bildlegende: Kitsch mit Glitch: Es ist kaum vorherzusehen, welche Bildstörungen der Wordpad-Effekt (unten) produziert. SRF SRF

Weil Wordpad mit dem Inhalt der Bilddatei nicht umgehen kann, formatiert es den Code neu. Dabei kommt es zum sogenannten Wordpad-Effekt, der von einer leichten Farbveränderungen bis zur völligen Neukomposition des Bildes reichen kann. Nicht alle Ausgangsbilder überleben den Prozess, einige sind danach gar nicht mehr lesbar. In so einem Fall ist ein anderes Ausgangs-File nötig.

Anleitung zum Bilder kaputt machen

So funktioniert der Wordpad-Effekt: Man nehme eine unkomprimierte Bilddatei (also kein JPG oder GIF, sondern am besten ein Bild im BMP-Format; wer keines zur Hand hat, kann ein JPG in Microsoft Paint öffenen und dort mit «Sichern unter» als BMP-File neu speichern). Diese Datei öffnet man nun mit dem Wordpad-Textverarbeitungsprogramm (rechter Mausklick auf das Dateisymbol und unter «Öffnen mit» Wordpad als Programm wählen).

Anschliessend speichert man das File in Wordpad (nur mit dem Befehl «Speichern», nicht mit «Speichern unter» – eventuell muss dem File danach wieder die Dateiendung «.bmp» gegeben werden). Nun kann man das File wieder in Microsoft Paint öffnen und sich von den Veränderungen überraschen lassen.

Databending auf dem Mac

Wer noch mehr will, kann den Bild-Code in Wordpad auch gezielt verändern – Teile löschen, an andere Stellen kopieren oder multiplizieren. Bloss die ersten Zeilen des Codes müssen in Ruhe gelassen werden, weil in diesem «Header» Daten gespeichert sind, ohne die sich die Datei nicht öffnen lässt.

Einen «Wordpad-Effekt» gibt es auch für Mac-Benutzer, dort funktioniert er sogar mit komprimierten Bild-Dateien (also auch mit JPGs). Das Bild wird dazu einfach in den Texteditor des Macs geladen. Allerdings muss auf dem Mac der Bild-Code verändert werden, einfach bloss aufmachen und speichern liesse das Bild unberührt. Also: löschen, kopieren, multiplizieren, um einen Effekt zu erhalten.

Ein Bild als Ton

Zweimal die Mona Lisa, einmal im Original und einmal mit Bildstörungen.

Bildlegende: Mona Lisa mit Bass: In Audacity können Audioeffekte (z.B. Bass Boost) auf Bilder übertragen werden. SRF

Wer sein Material gezielter manipulieren will, kann das mit dem Gratisprogramm Audacity tun (für PC und Mac). Audacity ist eigentlich ein Audio-Editor und liest die Bilddatei – die richtigen Einstellungen vorausgesetzt – als Audio-Datei ein. Auf die können Effekte angewendet werden (Tonhöhe ändern, Bass verstärken, Phaser, etc.), die ein Bild dramatisch verändern können.

Audacity funktioniert dabei fast schon wie eine Bildbearbeitungssoftware, die Effekte sind teilweise absehbar (werden zum Beispiel Teile der Datei neu rückwärts abgespielt, dann steht später auch ein Teil des Bildes auf dem Kopf). Viel von der Unberechenbarkeit des Databendings geht also verloren. Wer es trotzdem versuchen will, findet im Internet genaue Anleitungen (in Englisch) zum Umgang mit Audacity als Bildbearbeitungs-Software.

Frame weg, Bildstörung da

Noch komplizierter wird es, sollen Bewegt-Bilder zum Stolpern gebracht werden. Eine der bekannteren Techniken dafür nennt sich Datamoshing. Wie das aussieht hat Kanye West schon 2009 in seinem Video «Welcome to Heartbreak» gezeigt.

 Ein Mann bewegt sich in seltsamen Bild-Folgen vor einer Grünpflanze.

Bildlegende: Stimmt was nicht: Beim Datamoshing werden einem Video die sogenannten Keyframes entfernt. Das Resultat: unheimlich. SRF

Datamoshing macht sich eine Eigenheit komprimierter Videodateien zunutze: Um Platz zu sparen, werden dort nicht in jedem Bild (bzw. jedem Frame) sämtliche Bildinformation abgelegt. In den meisten Bildern sind nur die Teile gespeichert, die sich in Bezug auf das vorhergehende Bild verändert haben – also beim Winken etwa die sich bewegende Hand, aber nicht der unveränderte Hintergrund.

Doch in bestimmtem Abstand gibt es Bilder, die doch sämtliche Informationen enthalten, sogenannte Keyframes. Löscht man in einem Video alle Keyframes ausser dem ersten, kommt es zu wilden, teilweise unheimlichen Bildstörungen. Wer selber Datamoshen will – und Englisch spricht – findet auf Youtube eine unterhaltsame und einfache Anleitung.

Glitch per Knopfdruck

Für ganz Wagemutige gibt es auch die Möglichkeit des Circuit Bendings: Dabei wird ein elektronisches Gerät – eine Digitalkamera etwa oder ein Synthesizer – aufgeschraubt und direkt an seinen Schaltungen herumgespielt, an Chips und Platinen. Das funktioniert vor allem mit älteren Modellen, deren Innenleben nicht zu dicht verbaut ist und Platz für Manipulationen lässt. Aber selbst hier ist die Chance gross, dass ein Gerät nach dem Circuit Bending nicht mehr funktioniert.

Einfacher geht es mit dem Smartphone: Sowohl für iPhones wie auch für Geräte mit Android-Betriebssystem gibt es Glitch-Apps. Fehler auf Knopfdruck – schnell und praktisch, bloss nicht ganz so spannend, wie selbst im Bild-Code herumzuwerkeln oder Vaters alte Digitalkamera dem Lötkolben zu opfern.