Apple Music gestartet: Wir testen «Für dich»

Apple betont, wie gut der Streaming-Dienst Apple Music im Vorschlagen von Musik sei. Denn die Auswahl, präsentiert unter «Für dich», komme nicht nur aus Computern, sondern auch von menschlichen Musikredaktoren. Wir probieren also aus, ob Apple unseren Geschmack trifft.

Apple richtet wie gewohnt mit der grossen Kelle an und startet Apple Music in 100 Ländern gleichzeitig. In der Schweiz kostet das Abonnement 12.90 Franken – 5 Rappen weniger als das des Konkurrenz-Dienstes Spotify. Daneben gibt es von Apple auch ein Familien-Angebot für 19.90 Franken im Monat, mit dem bis zu sechs Personen den Service gemeinsam nutzen können.

Um Apple Music aufs Smartphone oder Tablet zu bringen, müssen wir erst einmal das Betriebssystem auf die neuste Version iOS 8.4 bringen. Vorerst geht das nur für iOS-Geräte, eine Android-Version des Dienstes soll im Herbst folgen. Auch bei iTunes auf dem Desktop (Windows-PC oder Mac) müssen wir erst ein Update durchführen, bevor der Service dort zur Verfügung steht. Weil bis zur Erst-Publikation dieses Artikels das iTunes-Update noch nicht verfügbar war, beziehen sich die nachfolgenden Beispiele auf die App (Update: Heute Mittwoch Morgen steht das Update von iTunes auf 12.2 jetzt bereit).

Einrichten ist simpel

Das Einrichten des neuen Dienstes auf mobilen Geräten ist denkbar einfach. Nach dem Update der Musik-App werden wir als erstes gefragt, ob wir künftig Apple Music nutzen wollen. Danach müssen wir nur noch unser Apple-ID-Passwort eingegeben und der Dienst ist freigeschaltet. Die ersten drei Monate bietet Apple das Abonnement gratis an. Danach geht es automatisch in den kostenpflichtigen Modus über.

Abstürze und Bedienungs-Durcheinander

In der App finden wir unter «Meine Musik» alle Titel, die wir in der Vergangenheit bei iTunes gekauft oder von einer CD gerippt und selbst auf das Gerät übertragen haben. Mit einem Apple-Music-Abonnement können wir diese Songs nun um beliebig viele der gut 30 Millionen Titel aus dem iTunes-Katalog ergänzen. Gefällt uns ein Song, wählen wir «Zu Meine Musik hinzufügen» und erweitern so nach Belieben unsere Sammlung. Einzelne Titel oder Playlists können wir auch zum Offline-Hören bereitstellen.

In roten Blasen markiere ich die Künstler, die mir gefallen.

Bildlegende: Joss Stone und Judas Priest: Jetzt kennt Apple meinen Geschmack. Guido Berger/SRF

Allerdings wird schnell klar, dass die App noch einige Kinderkrankheiten hat. Beim Test stürzt sie mehrmals ab und muss neu gestartet werden. Einzelne Songs weigern sich zu spielen, dafür läuft plötzlich ein anderer aus einer Playlist oder einem Album. Und ob ein Song offline zur Verfügung steht, wird in manchen Menüs durch ein kleines Icon gezeigt, in anderen fehlt jeder Hinweis darauf.

Schwer zu sagen, ob solche Probleme darauf zurückzuführen sind, dass Apples Server kurz nach dem Start des neuen Services überlastet waren oder ob es sich um echte Bugs und Designfehler handelt.

Ein Test mit unterschiedlichen Grundlagen

Dagegen macht der Vorschlags-Dienst «Für dich» von Beginn an Freude. Mit dem Kauf des Kopfhörer-Herstellers Beats hat sich Apple in diesem Bereich einiges Know-How eingekauft, denn Beats war mit einem eigenen Service schon vor Apple im Streaming-Geschäft aktiv. Wie bei Beats Music sind nun bei Apple Music neben Algorithmen auch menschliche Redaktoren für die Auswahl der Musikvorschläge verantwortlich. Das verkauft die Firma als grossen Pluspunkt gegenüber anderen Angeboten. Bei Konkurrent Spotify etwa geschehen die Vorschläge ausschliesslich computerbasiert.

Nach dem Einrichten von Apple Music haben wir die Möglichkeit, verschiedene Musik-Genres zu wählen, die uns besonders gefallen. Oder solche abzuwählen, die uns auf die Nerven gehen (Schlager, deutscher Pop). Dasselbe machen wir anschliessend mit bestimmten Musikern, die uns der Dienst vorschlägt – wahrscheinlich Künstler, die für einen bestimmten Stil repräsentativ sein sollen.

In unserem Test treten zwei Kandidaten mit einer sehr unterschiedlichen Vorgeschichte an: Jürg hat ein Spotify-Abonnement und lässt iTunes seit Jahren links liegen. Guido dagegen hat bis jetzt nicht gestreamt, dafür als eifriger iTunes-Kunde dort schon einige Tausend Songs gekauft. Zuvor hat er ausserdem viele, viele CDs gekauft und in iTunes importiert. Von ihm sollten also einige Daten vorhanden sein, die massgeschneiderte Musikvorschläge möglich machen.

Stimmig kuratierte Playlisten

Tatsächlich ist Guido sehr zufrieden mit dem Resultat: Playlists wie «Kochen mit Indie Musik», «Wu-Tang Clan für Kenner» oder «Electronica aus den 90ern» treffen seinen Geschmack. Titel, die er schon kannte und schätzt, werden ergänzt durch stimmige Neuvorschläge. Einzig dass von 50 Cents «In da Club» bloss eine Karaoke-Version vorgeschlagen wird, sorgt für Stirnrunzeln.

Die Kochen-Liste mit Patrick Wolf, Phoenix und Cut Copy.

Bildlegende: Mit herzigen Streichern kocht es sich beschwingter? Screenshot

Überraschend dann, dass auch Jürg – über dessen Musikgeschmack Apple bisher kaum etwas wusste – mit seinen Empfehlungen hochzufrieden ist. Als erstes wird ihm etwa die Playlist «Best of Drone» gezeigt, die Musik unterschiedlicher Künstler spielt und mit Emeralds, Sunn O))) und Grouper gleich mehrere Lieblingsbands enthält. Und das, obwohl Drone-Musik beim Festlegen der Lieblings-Genres gar nicht zur Auswahl stand!

Alles in allem sind das genau die Vorschläge, die wir uns von einem solchen Dienst wünschen. Und bei keinem Titel haben wir das Gefühl, die Macher würden unseren Geschmack nicht verstehen – etwa weil sie uns neben Aphex Twin auch billigen Euro-Dance zum Entdecken vorgeschlagen hätten. Und schön auch, dass Apples Musik-Kuratoren einen didaktischen Ansatz zu verfolgen scheinen und mit Playlists wie etwa «Intro to Boards of Canada» gezielt in das Schaffen bestimmter Künstler einführen wollen.

Spotify macht die besseren Künstler-Vorschläge

Obwohl ich den gekauft und in meiner Musik habe!

Bildlegende: Mir blutet das Herz: der harte Busta Rhymes wird hinter dem völlig unpassenden Cover einer Ferien-Kompilation versteckt. Guido Berger/SRF

Wo Apple Music im Vergleich zur Konkurrenz von Spotify aber klar schlechter abschneidet, sind Vorschläge zu ähnlichen Künstlern – eine beliebte Möglichkeit, um von bereits Bekannten auf ähnlich Klingende zu stossen. Nicht nur ist die Funktion gut versteckt – wir finden sie erst, wenn wir auf der Künstler-Seite eines Interpreten dessen Namen drücken. Die vorgeschlagenen Künstler sind auch deutlich weniger als bei Spotify.

Zu Madonna sehen wir bei Spotify zum Beispiel zwanzig Alternativ-Vorschläge – von Kylie Minogue über Michael Jackson bis Lady Gaga. Apple Music kommt gerade mal auf die Hälfte davon. George Michael ist dabei gleich doppelt vertreten, einmal mit Porträtfoto und einmal ohne. Und mit Alanis Morissette findet sich auch ein Name in der Liste, der weder musikalisch noch thematisch zu Madonna passen will. Ausserdem können wir den Vorschlag nicht einmal direkt anklicken.

Gerade die Doubletten erwecken den Eindruck, dass hier Apples Musikredaktoren den Katalog noch nicht sauber durchgekämmt haben.

Trotz solcher Kinderkrankheiten beeindruckt aber der Kern des neuen Dienstes: Apple Music schlägt Musik vor, die uns gefällt. Für alte Spotify-Hasen wie Jürg reicht das allerdings nicht zum Umstieg. Für Streaming-Neueinsteiger wie Guido hat Apple jedoch ein verlockendes Angebot am Start.

Ausserdem: Connect und Beats 1

Ausserdem: Connect und Beats 1

Zu Apple Music gehört auch der Dienst Connect - ein soziales Netzwerk, auf dem Künstler mit Fans reden oder Material veröffentlichen können. Zudem gibt es den Radiosender Beats 1, der rund um die Uhr global sendet und von Julie Adenuga, Ebro Darden und Zane Lowe moderiert wird (Bild). Beide Dienste sind auch ohne Apple-Music-Abonnement verfügbar.

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