Apple Watch startet in der Schweiz: der erste Eindruck

Am Freitag kommt die Apple Watch in der Schweiz in den Verkauf. Verdient sich die Smartwatch den bis jetzt freien Platz am Handgelenk schon? Denn die richtig spannenden Anwendungen wie Bezahlen und Türen öffnen funktionieren hierzulande noch nicht.

Es sei Apples persönlichstes Gerät, sagt der Produktmanager aus London, der mir am Tag vor dem Verkaufsstart in der Schweiz die Apple Watch zeigt. Ich denke mir, dass das Smartphone doch auch schon persönlich ist, schliesslich trage ich es fast immer auf mir.

Doch später merke ich: unrecht hatte er nicht. Sobald ich den Watch-Bildschirm jemandem zeigen möchte, schaltet er sich aus. Nur wenn ich mit der charakteristischen Handgelenk-Bewegung auf die Armbanduhr blicke, zeigt sie etwas an – nur für mich.

Ein Blick auf das Handgelenk mit einer Apple Watch.

Bildlegende: Ein Blick auf das Handgelenk – statt Griff in die Tasche, Telefon hervorklauben und entsperren. Peter Buchmann/SRF

Ich probiere die billigste Version aus: die Apple Watch Sport. Sie ist aus Alu und Plastik und deshalb leicht, liegt angenehm am Handgelenk. Die Anzeige ist beeindruckend scharf und hell. Die tolle Idee, das lose Ende des Armbandes innen zu verstecken, hätte ruhig schon früher jemand haben können.

Eingerichtet ist die Uhr schnell: Die Watch-App auf dem iPhone koppelt die Uhr, durch ein paar Fragen manövriere ich mich zügig, dann werden auf Wunsch gleich einmal alle Apps installiert, die ich schon auf dem Telefon habe und von denen es eine Watch-Version gibt. Auch die allermeisten Einstellungen spiegeln das iPhone.

Klassische Uhr-Funktionen

Doch wie weiter nach dem ersten Einrichten? Weil eine Smartwatch eine neue Gerätekategorie ist, wird nicht sofort klar, wofür ich sie benutzen soll. Ich beginne deshalb beim Naheliegendsten: den klassischen Funktionen einer Uhr. Den Wecker stelle ich und wundere mich, wie leise er ist. Ich bin nicht sicher, ob der weckt, wenn die Uhr nicht am Handgelenk ist (Update: Der Wecker hat mich heute Freitag morgen problemlos und angenehm geweckt). Und die Stoppuhr werde ich schätzen – die Länge von Radiobeiträgen misst sie elegant.

Ein Blick auf das Handgelenk

Die richtig spannenden Anwendungen wie Bezahlen oder Türen öffnen funktionieren hierzulande aber noch nicht. Kern-Anwendung wird deshalb im Moment also das Anzeigen von Nachrichten und E-Mails sein. Statt das Telefon in der Tasche piepen zu hören, es herauszuklauben und zu entsperren, genügt hier ein kurzer Blick auf das Handgelenk. Kurze Antworten sind möglich, entweder per Auswahl aus einer kontext-abhängigen Liste oder per Diktat.

Ob die Uhr dann ständig bimmelt, hängt von den Benachrichtigungs-Einstellungen auf dem iPhone ab. Da ich da ohnehin schon sehr restriktiv war, stört mich die Uhr im Verlauf des Tages nie.

Mehr bewegen!

Die Ansicht der Aktivitäten-App.

Bildlegende: Stehen, Trainieren, Bewegen: Apple erzieht uns. Apple

Ausser wenn sie möchte, dass ich aufstehe. Einmal pro Stunde soll ich mich vom Bürotisch erheben, woran sie mich erinnert. Auch zum trainieren und allgemein bewegen ermuntert die Uhr. Wenn wir sie lassen, weist sie uns alle paar Stunden darauf hin, wie weit wir noch vom Tagesziel entfernt sind. All dieses Nörgeln lässt sich aber fein wunschgemäss ein- oder abstellen.

Fernbedienung und Einkaufsliste

Musik und vor allem Podcasts kann ich über die Uhr fernsteuern – in meinem Alltag eine regelmässige Anwendung. Ich kann pausieren oder ein paar Sätze zurückspringen, wenn ich kurz nicht aufgepasst habe.

Und zum Einkaufen werde ich die Uhr ebenfalls nutzen: nicht zum Bezahlen zwar, aber als Einkaufsliste. Ich benutze dafür bereits eine App – mit der Uhr ist der Komfortgewinn offensichtlich. Ein Blick auf das Handgelenk und ein kurzes Antippen, und ich habe an die Milch gedacht.

«Early Adopter»-Steuer

Einem Digital-Redaktor macht das Entdecken eines neuen Gerätes grundsätzlich Spass. Ich vermute aber nach diesem ersten Kontakt, dass Smartwatches jetzt beginnen, unsere Erwartungen an eine Uhr zu verändern, so wie Smartphones die Erwartung an ein Telefon verändert haben. In zwei, drei Jahren könnte es plötzlich seltsam sein, wenn eine Uhr nicht mehr kann, als Zeit anzuzeigen.

Die Apple Watch Sport in grauem Alu mit schwarzem Plastik-Armband.

Bildlegende: Warum für ein Gerät der ersten Generation mehr ausgeben? Apple

Dennoch: nach diesem kurzen Beschnuppern wirkt die Uhr noch nicht wie ein unverzichtbares Gerät. Ich muss ihren Platz in meinem Alltag erst finden. Welche Apps machen Sinn? Wie soll ich Benachrichtigungen einstellen? Soll die Uhr eher selten bimmeln, um mich nicht abzulenken? Oder lenkt das sanfte Pochen am Handgelenk und der kurze Blick auf die Uhr umgekehrt weniger ab als das vibrierende Telefon oder die Ungewissheit, etwas zu verpassen?

Das gilt übrigens auch für die App-Hersteller. Wie man so eine Uhr bedient und was man damit machen kann, müssen alle erst lernen. Die neue Version des Watch OS im Herbst wird die Uhr für Dritthersteller öffnen und zu einer Vielzahl von Ideen führen. Vieles davon wird noch nicht so richtig funktionieren – das ist der Preis, den «Early Adopter» bezahlen.

Apropos: für eine teurere Ausführung als die Apple Watch Sport finde ich keine Argumente. Das ist ein Gerät der ersten Generation – es ist anzunehmen, dass Apple nächstes Jahr eine verbesserte Version herausbringt. Jetzt viel Geld für Stahl oder gar Gold auszugeben, ist Verschwendung.

Publizistische Leitlinien

Wenn wir Produkte testen, leihen wir sie aus und geben sie wieder zurück. Ist das nicht möglich, kaufen wir sie. Wir dürfen keine Geschenke annehmen.

Preise in CHF

  • «Apple Watch Sport»: Aluminium (silber/grau), Kunststoffarmband in fünf Farben, 390 (38mm) oder 450 (42mm) Franken.
  • «Apple Watch»: Stahl (grau/schwarz), Armbändern aus Kunststoff, Metall oder Leder, 630 - 1'230 Franken.
  • «Apple Watch Edition»: Gold oder Rotgold, Lederarmbänder, ab 10'500 - 17'500 Franken.
  • Armbänder: 50 - 480 Franken.