Big Data – die grosse Verführung

Die Datenspuren, die Menschen in aller Welt auf Webseiten und mobilen Geräten hinterlassen, sind eine Quelle für Informationen, von denen Konzerne und Regierungen früher kaum zu träumen wagten. Schon sind schlagkräftige Firmen dabei, diese Goldgrube auszubeuten.

Video ««Big Data» - eine Revolution, die unser Leben verändern wird» abspielen

«Big Data» - eine Revolution, die unser Leben verändern wird

5:57 min, aus Kulturplatz vom 25.9.2013

Zum Beispiel «Recorded Future»: ein Start Up aus dem Silicon Valley, das Hunderttausende von Websites, Blogs, Newsportalen, Regierungsfeeds und Twitter Accounts in Echtzeit durchforstet, um die Zukunft voraussagen zu können. Wie das geht? Algorithmen analysieren riesige Datenmengen, um Muster darin zu finden, die sich auch auf zukünftige Ereignisse anwenden lassen.

Kein Wunder, ist die Plattform von «Recorded Future» nicht nur bei kommerziellen Firmen beliebt, die wissen wollen, in welchem Umfeld sie ihr Produkt lancieren sollen. Sondern auch bei Regierungen und Nachrichtendiensten: Indem diese alle möglichen Informationsquellen anzapfen und sie mit ihren eigenen vergleichen, können sie besser voraussagen, wie sich politische Verhältnisse in bestimmten Region verlagern. Laut dem renommierten Magazin «Wired» verwundert es wenig, dass zu den ersten Investoren von «Recorded Future» auch Google und die CIA gehörten.

Wonach sucht die Welt?

Dass Google und andere IT-Konzerne die Datenspur, die wir auf ihren Websites hinterlassen, speichern und analysieren, ist längst bekannt. Laut Viktor Mayer-Schönberger, Professor am Internet Institute in Oxford, weiss das Unternehmen nicht nur zu jeder Zeit, was wir suchen und von welcher Website wir gerade kommen. Sondern auch, wie wir die Suche korrigieren, welches Ergebnis wir anklicken und – wenn wir einen aktiven Gmail-Account haben – auch, wie wir heissen und wo wir uns genau befinden.

Angenommen, man würde das Prinzip von «Recorded Future» mit Googles Speicherlust vereinen, könnte man in den Suchanfragen der vergangenen zehn Jahren Muster finden, die über die nächsten zehn Jahre etwas aussagen könnten.

Datenjagd mit erprobten Verfahren

Google hat ein ähnliches Prinzip schon einmal angewandt, als es darum ging, die Grippewellen in den USA zu verfolgen. Vor fünf Jahren studierte der Konzern im Projekt Google Flu den Verlauf der Grippe in den USA und verglich diese Informationen mit den Suchanfragen, die er zur selben Zeit erhalten hatte.

Wie sich zeigte, wurden gewisse Wörter häufiger dort gesucht, wo die Grippe auftrat. Aus diesem Zusammenhang konnte Google in Echtzeit quasi ermitteln, wo sich eine aktuelle Grippe gerade verbreitete – schneller als zuständigen Gesundheitsämter. Heute wird das Google-Flu-Prinzip auch in Europa schon angewendet.

Ich weiss, wo du sein wirst

Solche Ansätze lassen sich durch Ortungsdaten noch potenzieren. Durch mobile Kommunikation wie mit Smartphones und Tablets sind wir nicht nur immer erreichbar, sondern auch fast überall zu verorten. Telekomfirmen und Apps für Landkarten und Verkehr kennen unsere jeweiligen «Locations» und generieren daraus Informationen darüber, wie wir uns bewegen.

Auch in der Schweiz: Vor einigen Jahren hat die Stadt Genf zusammen mit der Swisscom in einem Projekt namens Ville Vivante einen Tag lang sämtliche Anrufe ihrer Kunden verfolgt. Das Resultat zeigt eine eindrückliche Animation aus zwei Millionen Telefonanrufen in 24 Stunden. Natürlich alle anonym.

Die Ortungsdaten sind Goldgruben für kommerzielle Verwerter. Die US-Firma Air Sage (zu deutsch etwa: Weisheit der Lüfte), verspricht ihren Kunden nicht weniger als das Wissen darüber, wie sich die Welt in Echtzeit verhält. Ein globaler Datenkrake, der mit 15 Millionen mobilen Signalen pro Minute zeigen will, wo sich Menschen jetzt aufhalten – und auch in der nahen Zukunft. Ideal für Werbung, Standorte für neue Läden und Supermarktketten.

Viele Fragezeichen zur Datenzukunft

So wird die Welt zum Datenspielplatz. Jeder bedient sich der Daten, die er braucht und lässt seine Maschinen rattern, um nützliche Muster zu suchen – oft angeblich im Dienste der Erkenntnis.

Doch was mit dem Datenschutz wird, mit Privatsphäre und dem Recht, gelöscht zu werden, bleibt diffus. Und ebenso, welche Konsequenzen die Datenberge für uns und spätere Generationen haben werden. Es braucht, darin sind sich Fachleute einig, dringend neue Regeln für Mensch und für Big Data: Digitale Ökonomie heisst schliesslich nicht nur Sammeln, sondern auch Löschen.

Sendung zu diesem Artikel