Computer-Pionier Niklaus Wirth: 80 und aktiv

Niklaus Wirth erhielt 1984 den Turing Award, die höchste Auszeichung für Informatiker. Bekannt wurde er vor allem durch die Programmiersprache Pascal, in der der erste Mac programmiert war. Während andere mit Wirths Erfindung reich wurden, blieb er bei der Wissenschaft und Lehre – bis heute.

Ein schlichtes Einfamilienhaus ausserhalb von Zürich, auf der Terasse hängen noch die roten Ballons vom Geburtstagsfest zum 80. Im Untergeschoss hat sich Niklaus Wirth seinen Arbeitsplatz eingerichtet: Eine kleine Werkstatt auf der einen Seite, zwei Modell-Helikopter und ein Segelflugzeug auf der anderen, dazwischen ein Tisch mit seinem Computer. Sein Computer – das ist wörtlich zu nehmen. Der emeritierte Professor für Informatik hat in den letzten zwei Jahren sein Betriebssystem Oberon aus den 90er-Jahren überarbeitet und erweitert: Vom Prozessor über die Programmiersprache bis zum Betriebssystem stammt nun alles von ihm. Entwickelt und zusammengebaut in diesem Keller.

Begehrtes Buch

Wirth hatte zusammen mit seinem Kollegen Jürg Gutknecht das System Oberon Ende der 80er-Jahre für seine Studenten entwickelt – «in der Freizeit, im Versteckten», erinnert sich Wirth. Niklaus Wirth liebt Überraschungen, wie eine seiner Studentinnen erzählt: In einer Vorlesung präsentierte der Professor dann stolz den neuen Computer, von dem niemand zuvor wusste.

Mit dem eigenen Betriebssystem Oberon wollten die beiden Professoren die Theorie fassbar machen. Dokumentiert haben sie das Unterfangen 1992 im Buch Project Oberon, das bereits nach kurzer Zeit vergriffen war. Seitdem wurde Wirth immer wieder von Professoren, die sein Werk im Unterricht verwenden, angefragt, ob er das Buch nicht überarbeiten möge. Vor zwei Jahren sagte er schliesslich zu und machte sich an die Arbeit.

Selber machen

Das grösste Problem bei der Überarbeitung: Der ursprünglich verwendete Prozessor der Firma National Semiconductor wird schon lange nicht mehr hergestellt. Wirth hat das Problem mit einer ihm eigenen Strategie gelöst: Er hat den neuen Prozessor selbst entworfen. «Die Spezifikation hat auf drei Seiten Platz» erklärt er, «implementiert habe ich den Prozessor mit Hilfe sogenannter Field Programmable Gate Arrays (FPGA) – Chips, die man seinen eigenen Wünschen entsprechend anpassen kann.»

Weniger ist mehr

Die grafische Oberfläche des Oberon Systems gleicht jener aus den 90er-Jahren: In der Höhe verschiebbare Fenster in zwei verschiedenen Breiten. Die Fenster im schmalen Teil dienen vor allem als Menü, die breiteren Fenster präsentieren die Inhalte – Text aber auch Grafiken.

In mehrere Fenster aufgeteilter Bildschirm, auf dem man Wirths neues Oberon-System sieht.

Bildlegende: Weniger ist mehr: Die Fenster des Oberon-Systems sind nicht frei verschiebbar. Peter Buchmann / SRF

Dass die Fenster nicht frei platzierbar sind, mag uns heute irritieren, hat aber einen Grund: Wirth hält es für eine Spielerei, die nur unnötig Rechenleistung verbraucht. Er mag es effizient und kommt deshalb mit weniger Hardware aus. Das ist typisch für ihn: Sein Leben lang hat er nach der einfachen Lösung gesucht, wobei einfach nicht simpel bedeutet. Schon in seiner Jugend baute der Wissenschaftler begeistert Modell-Flugzeug und lernte – wie er selbst sagt – sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Beim Fliegen ist weniger mehr.

Sein Wissen – gratis für alle

Die Oberfläche des Oberon Systems ist gleich geblieben, hinter den Kulissen hat sich aber einiges geändert. Ein Informatiker müsse sein Werkzeug verstehen, das sei die Grundlage für Qualität, ist Wirth überzeugt. Im ursprünglichen Oberon hat er noch Assembler-Code verwendet, das neue Oberon System hat er nun ganz in der Programmiersprache Oberon realisiert. Studenten und Interessierte können so alle Konzepte nachvollziehen, etwa wie die Speicherverwaltung funktioniert.

Die neue Fassung des Buches ist nun noch wertvoller als das Original. Zum ersten Mal ist vom Aufbau des Prozessors über die Programmiersprache Oberon bis zum Betriebssystem Oberon alles offengelegt. Das neue Buch und die Software sind frei erhältlich. Niklaus Wirth hat den Open-Source Gedanken, den er schon seit Jahrzehnten lebt, von der Software auf das Buch ausgedehnt.

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