Den Computer mit blosser Hand steuern

Mit dem Finger nach links wischen und zur nächsten Zeitungseite blättern. Mit der Faust zugreifen und das Objekt am Bildschirm zu sich ziehen. Was nach Science-Fiction klingt, will der Bewegungssensor Leap Motion Wirklichkeit machen. Wir haben das Gerät getestet – und waren nicht begeistert.

Wenn Tom Cruise im Film «Minority Report» durch Datenbanken blättert, braucht er dazu weder Maus noch Keyboard, sondern bloss Fingerzeige und Handschlenker. Das Bild dieser Gestensteuerung hat nicht nur bei Kinofans Eindruck hinterlassen: Verschiedene Entwickler arbeiten heute daran, die Science-Fiction wahr zu machen.

Zwei Hände halten ein kleines Kästchen, den Leap-Motion-Bewegungssensor

Bildlegende: Kaum grösser als ein Feuerzeug: Leap Motion soll die Bewegungen der Finger auf einen hundertstel Millimeter genau erfassen. Lucius Müller/SRF

Der Leap-Bewegungsensor ist eine der Technologien, die dabei zum Einsatz kommen. Ein Kästchen, kaum grösser als ein Feuerzeug und wenig teurer als 100 Franken, das dank Kameras, Infrarot-LEDs und Software-Magie die Handbewegungen des Benutzers erkennt und so den Computer steuert.

Schwachstellen im Praxis-Test

Das Prinzip kennt man von Microsofts Kinect-Sensorleiste, die Gamern beim Herumhampeln vor der Xbox zuschaut. Doch Leap Motion ist das Gerät fürs Kleine: Vor dem Computer platziert – am besten zwischen Keyboard und Bildschirm – soll das Gerät Fingerbewegungen mit einer Genauigkeit von einem Hundertstelmillimeter abtasten.

Im Werbe-Video dazu sieht man Hände durch Webseiten scrollen, Games spielen oder in Landkarten hereinzoomen. Das alles geschieht mühelos und fehlerfrei. Doch im Praxis-Test (siehe Video oben) zeigt sich ein anderes Bild: Zwar sorgt die futuristisch wirkende Leap-Technologie beim ersten Einsatz allenthalben für Begeisterung, doch schon bald zeigen sich die ersten Schwachstellen.

Heimweh nach der Maus

Die Probleme sind grundsätzlicher Natur: Wer seine Gesten in die Luft zeichnet, wartet vergeblich auf den Widerstand, den eine Taste, ein Touchscreen oder ein Mausklick dem Finger gibt. Ohne diese Rückmeldung lässt sich kaum abschätzen, wann eine Seite tatsächlich weitergeblättert, ein Bild angeklickt oder ein virtueller Gegenstand berührt wird. Das führt mitunter zu frustriertem Gefuchtel vor dem Bildschirm und lässt bald die altmodische, aber zuverlässige Computer-Maus vermissen.

Einige Anwendungen – etwa das Navigieren bei Google Earth – hat man zwar schnell im Griff. Doch egal wie geschickt man sich anstellt ermüden nach einigen Minuten die in die Luft gestreckten Arme. Weil Leap Motion Gesten am zuverlässigsten erkennt, wenn die Hände parallel zum Tisch und senkrecht zum Bildschirm gehalten werden, kommt bei vielen Anwendungen das Abstützen auf der Tischplatte nicht in Frage.

Einsatzmöglichkeiten in Spezialgebieten

Schliesslich fragt sich, ob Gestensteuerung überhaupt der richtige Weg ist, mit dem Computer zu kommunizieren. Alltäglichen Anwendungen wie etwa dem Browsen im Web verleiht die Leap Motion zwar etwas Sci-Fi-Glamour, doch mit Maus oder Touchscreen gehen solche Aufgaben genau so gut und oft schneller von der Hand. Viele Apps im Leap-Motion-Appstore scheinen denn auch bloss programmiert, weil es den Leap-Bewegungssensor gibt und nicht, weil beim Publikum ein Bedürfnis nach Gestensteuerung besteht.

Gut möglich allerdings, dass kommende Software das wahre Potenzial des Bewegungssensors zeigt. Laptophersteller wie Asus und HP jedenfalls setzen auf Leap Motion und wollen die Technik in kommenden Geräten einbauen. Intel arbeitet an einer eigenen Lösung. Und auch wenn sich Gestensteuerung im Alltagseinsatz als Sackgasse erweisen sollte, zeichnen sich in Spezialgebieten wie etwa der Roboter-Steuerung oder 3D-Simulation heute schon Einsatzmöglichkeiten für die Zukunft ab.