Der digital gesteuerte Hydro-Salat

Das ganze Jahr hindurch zu Hause Gemüse ernten, diese Vorstellung ist verlockend. Doch wie viel Aufwand bedeutet eine eigene Hydrokultur? Und wie schmeckt das Gemüse aus dem Wasser? Macht das ökologisch überhaupt Sinn? Wir wagen das Experiment und fragen den Experten.

Angesteckt von der Urban Gardening Welle ziehe ich seit letztem Sommer Kräuter und Salat auf meinem Balkon – mit Genugtuung: Zum ersten Mal habe ich ein Erfolgserlebnis beim Gärtnern. Doch mit dem Sommer endet dann jeweils auch die Zeit als Gemüsebauer. Da begann ich mich zu wundern: Könnte man nicht das ganze Jahr über Gemüse ziehen, zum Beispiel in einer Hydrokultur zu Hause – oder bei uns auf der Redaktion?

Ich konnte meinen Redaktionskollegen Reto Widmer von der Idee überzeugen und zusammen mit Ken machten wir uns an die Arbeit. Die Suche nach einer Anleitung dauerte nicht lange, bei YouTube zeigen zahllose Hobbygärtner und -bastler noch so gerne, wie es geht.

Man nehme ...

Seit ein paar Wochen zieren zwei Gemüsesorten unsere Redaktion: ein Mangold-Schnittsalat und ein Lollo. Die Wurzeln der beiden Pflanzen ragen in eine Kunststoffkiste, die mit acht Litern Wasser gefüllt ist. Wasser alleine genügt natürlich nicht, darum haben wir noch eine Nährlösung dazugegeben. Und eine Aquarium-Pumpe stellt sicher, dass im Wasser immer genügend Sauerstoff gelöst ist.

Rettung kommt von den Haschisch-Bauern

Box mit Pflanzen, Elektronikbauteile und LED Lampe

Bildlegende: Die Büro Hydrokultur: Improvisiert aus einer Werkzeugkiste, Aquariumpumpe, LED-Lampe und einem Arduino Mikro-Kontroller. Peter Buchmann / SRF

In den ersten Wochen ging es harzig voran. Zwei der vier Pflanzen überlebten nicht, die anderen wuchsen nur langsam. Weil die Sonne nie direkt auf die Pflanzen scheint, vermuteten wir akuten Lichtmangel. Wir suchten nach einer speziellen Lampe für Pflanzen und wurden in einem sogenannten Grow-Shop fündig, einem Spezial-Geschäft für den Cannabisanbau.

Seit Pfingsten versorgt nun eine LED-Lampe mit 20 Watt Leistung unseren Salat aus nächster Nähe mit Energie. Das Gerät wirkt Wunder: Jetzt kann man dem Gemüse fast beim Wachsen zusehen.

Ein Mann hinter einer Tomatenstaude schaut auf die Früchte.

Bildlegende: Alex Mathis: Der Spezialist für Gemüseanbau begutachtet seine Cherry-Tomaten. Peter Buchmann / SRF

Dass Lichtmangel ein grosses Problem beim Gemüseanbau in Räumen darstellt, bestätigt uns auch Alex Mathis, Dozent für Gemüseanbau an der ZHAW. Der Spezialist wundert sich nicht, dass die Lösung für unser Problem aus einem Spezialgeschäft für den Cannabis-Anbau stammt. Er verfolgt nämlich seit längerem den Austausch im Internet, den die Cannabisproduzenten untereinander pflegen und hat grossen Respekt für die Szene: Er lobt deren profunde biologischen und physiologischen Kenntnisse, erwähnt auch die Freude am Gärtnern, die die illegale Szene antreibt – neben der Ernte natürlich.

Steuern wie die Grossen

Mit einer Pumpe und einer Lampe sind nun gleich zwei Geräte im Einsatz – das schreit geradezu nach einer digitalen Steuerung: Ein Arduino Mikro-Kontroller misst nun die Helligkeit im Raum und schaltet bei Bedarf Lampe ein. Der selbe Kontroller stellt auch sicher, dass die Pumpe in regelmässigen Intervallen läuft.

Aquaponic: Die Weiterentwicklung der Hydrokultur

«Die heutige Gewächshauskultur kommt ohne digitale Technik nicht aus», sagt Alex Mathis. Unzählige Parameter werden in einer professionellen Hydrokultur ständig überwacht und reguliert: Von der Lufttemparatur und dem Lichteinfall über den Sauerstoff- und Salzgehalt des Wassers bis zum PH-Wert. Der Profi rät uns auch, wenigstens den Salzgehalt unserer Nährlösung regelmässig zu messen: Nur so könnten wir die Pflanzen mit der korrekten Menge an Nährstoffen versorgen.

Bitte nicht nachahmen

Mit unserer Einrichtung zeigt sich Mathis durchaus zufrieden. Dennoch rät der Spezialist vom Gemüseanbau in der Wohnung ab: Wegen des Lichtbedarfes der Pflanzen ist der Energieverbrauch so gross, dass man die Miniplantage zu Hause ökolgisch kaum rechtfertigen kann.

Den Vorwurf, dass Gemüse aus der Hydrokultur generell geschmacklos sei, lässt er aber nicht gelten. Seiner Meinung nach ist für den Geschmack vor allem die Sorte ausschlaggebend. In den letzten Jahren wurden bei der Züchtung immer mehr auf den Ertrag gesetzt – auf Kosten der Qualität. Da im gleichen Zeitraum die Gemüse-Produktion in Hydrokulturen stetig zunahm, so der Fachmann, setzten viele geschmackloses Gemüse mit Hydrokultur gleich.

Aber trotzdem schmackhaft

Zum Beweis, dass es auch anders geht, gibt mir der Wissenschafter eine Schale mit Cherry-Tomaten aus seiner eigenen Hydrokultur mit auf den Weg: «Gardenberry» – eine Sorte, mit der er zur Zeit in seinem Gewächshaus experimentiert und die in der Schweiz nicht erhältlich ist. Und die schmecken tatsächlich fantastisch!