Die letzte Spielhalle der Schweiz

In den 80er-Jahren gehörte sie zur Jugendkultur in der Agglo und sorgte für Milliardenumsätze. Heute gilt die Spielhalle weithin als ausgestorben. Oder gibt es sie vielleicht doch noch? Wir machen uns auf die Suche nach der letzten Spielhalle der Schweiz.

Als Teenager habe ich viel Zeit in Spielhallen verbracht. An schulfreien Nachmittagen kramte ich eine Handvoll Einfränkler zusammen und machte mich mit Freunden auf, neue Highscores aufzustellen. Wir schossen Raumschiffe ab, zertrümmerten Hochhäuser und bezwangen gemeinsam scheinbar übermächtige Horden von Kobolden. Die Spielhalle bot ein Erlebnis, das es sonst so nirgendwo gab. Und es war obendrein auch noch ein klein wenig anrüchig, dorthin zu gehen. Umso besser!

Video-Spiel: Ein Raumschiff schiesst auf insektenartige Angreiffer

Bildlegende: Der Klassiker «Galaga» von Namco von 1981 Lucius Müller/SRF

Das war in den goldenen Zeiten der Arcade-Video-Spiele. In den 80er-Jahren erziehlten Pac Man, Darius, Gauntlet, Tetris und Co. Milliarden von US-Dollar Umsatz jährlich. Mehr als die Filmindustrie in Hollywood.

Legendenbildung inklusive

Einer der frühen Blockbuster-Erfolge hiess «Space Invaders». Das Scharz-Weiss-Spiel, bei dem man fremde Raumschiffe abschiessen muss, bevor sie landen, trieb Tausende von Jugendlichen in die Arkaden. Glaubt man den Überlieferungen, dann gab es in Japan Spielhallen, die ausschliesslich Space-Invaders-Konsolen aufstellten, um dem Ansturm gerecht zu werden. Das Land musste gar zusätzliche 100-Yen-Münzen prägen, weil angeblich zuviele davon in den Spiel-Automaten steckten.

Wie viele dieser Anekdoten wirklich wahr sind? Unwichtig. Tatsächlich waren die Spielhallen in dieser Zeit ein wichtiger Bestandteil der Jugendkultur und sozialer Treffpunkt. Lange vor dem Internet, dem Handy und der Spielkonsole daheim.

Auf Spurensuche

Längst bin ich erwachsen und längst gibt es dort, wo damals die «Kästen» standen, heute nur noch Kaffe oder Kleider zu kaufen. Flipper trifft man bestenfalls noch in dunklen Ecken der Quartier-Beizen oder im Bowling-Center. Videospielkästen im öffentlichen Raum sind zur kuriosen Rarität verkommen.

Flipperkasten mit klassischer Technik aus den 80ern

Bildlegende: Flipper! Alte Schule! Lucius Müller/SRF

Doch ist die Spielhalle tatsächlich ausgestorben? Gibt es nicht vielleicht doch noch Orte, wo alles noch so ist wie damals? Wo die Flipper klimpern und die Video-Spiele ihren akustischen 8-Bit-Klangteppich auslegen? Ich habe mich auf die Suche nach diesem Ort gemacht.

Mein erster Halt: Die Spielautomaten-Werkstatt von Thomas Schwab in Schalunen in der Nähe von Burgdorf. Thomas hegt eine Leidenschaft für Flipper und andere Unterhaltungsautomaten, kauft sie, flickt sie wieder zusammen und verkauft sie. Die Arbeit geht ihm bis heute nicht aus, auch wenn seine Kunden nicht mehr die Betreiber von Spielhallen sind, sondern private Sammler und Enthusiasten.

Einer von ihnen ist Ivo Vasella. Der gelernte Architekt unterhält eine private Sammlung von ungefähr 70 Flipperkästen und gegen 40 Video-Games in einem Keller in Altstetten. Seine Faszination an den Automaten hat viel mit Nostalgie zu tun. Er wurde in der Spielhalle sozialisiert und hat auch ihren Niedergang miterlebt. Die Gründe dafür hat Ivo schnell aufgezählt: die Playstation, das Internet und andere Freizeitangebote. Das Verbot der Glücksspiele, mit denen sich einzelne Spielhallen noch eine Zeit lang über Wasser halten konnten, besiegelten dann deren Ende.

Die LED-Beleuchtung eines zeitgenössischen Flipperkastens

Bildlegende: Flipper! Modern! Lucius Müller/SRF

Ivos Automaten-Sammlung trotzt dieser Entwicklung beharrlich. Sie ist aber eben privat und nicht öffentlich zugänglich. So gesehen habe ich sie also noch nicht gefunden, «die letze Spielhalle der Schweiz.»

Unterhaltung überlebt dank Geschick

Meine Suche geht weiter. Ich fahre nach Interlaken, denn dort soll es «noch so eine Arkade geben, wie ich sie suche», wie man mir sagt. Und tatsächlich: mitten im Dorf Interlaken finde ich den «City Park» mitsamt Roland Knecht, Role genannt, der den Laden seit 20 Jahren schmeisst, zu den Automaten und der Kundschaft schaut.

Ein halbes Dutzend Flipper und nochmal so viele Videospiele, inklusive Sega-Rennwagen-Cockpit plus Billardtisch und ein Raum voller «Geschicklichkeits-Spiele». (Also Automaten, an denen man Geld gewinnen kann, aber nicht nur mit Glück, sondern Geschick.) Ohne sie würde der City Park nicht überleben, verrät mir Role, denn die Leute, die aus Neugier oder Nostalgie an den alten Unterhaltungsautomaten spielen, werfen dort viel zu wenig Geld ein und damit ab.

Trotzdem hat Role am meisten Freude an diesen Gästen, denn er teilt ihre nostalgischen Erinnerungen. Wie lange seine Arkade sich noch der Schwerkraft widersetzen kann, weiss auch er nicht. Aber ich habe sie gefunden, die vielleicht letzte Spielhalle der Schweiz, spiele eine Runde Galaga und fühle mich um gut 25 Jahre in die Vergangenheit zurück versetzt.

Dann mache ich mich wieder auf den Heimweg, den Sound der Flugzeug-Propeller von «1942» noch immer im Ohr, und es ist gut so.