Digital am Sonntag, Nr. 16: Offline und frei

Am Wochenende hat man Zeit zum Lesen. Deshalb stellen wir hier jeden Freitag die Artikel zu Digital-Themen zusammen, die wir lesenswert finden.

Entspanntes Lesen in bequemen Sesseln.

Bildlegende: Es muss nicht immer Zeitung sein. Gaetan Bally/Keystone

Ein Jahr ohne Internet

Vor einem Jahr beschloss Paul Miller von The Verge, den Stecker zu ziehen: ein ganzes Jahr offline ohne Internet zu verbringen. Er bezeichnete sich als ausgebrannt, überwältigt vom ständigen Lärm, überfordert mit der pausenlosen Vernetztheit. Er wollte weg davon und zurück zu seinem wahren Ich finden. Ein Plan, der uns alle herausfordert, unser eigenes Verhältnis zum Netz zu hinterfragen. Persönlich stiess mich die Radikalität eher ab, ich ziehe in der Regel pragmatische, subtile Modifikationen und Lernen dem Zerschlagen des gordischen Knotens vor. Doch natürlich ist das Experiment spannend; und nun ist Paul Miller zurück und beschreibt in einem ausführlichen Essay seine Erfahrung. Nach einer anfänglich euphorischen Phase der Befreiung musste er – nicht allzu überraschend – feststellen, dass es die Trennung zwischen realer Welt und virtuellem Internet, zwischen wahr und falsch, so nicht gibt:

«  My plan was to leave the internet and therefore find the «real» Paul and get in touch with the «real» world, but the real Paul and the real world are already inextricably linked to the internet. […] I wanted to figure out what the internet was «doing to me», so I could fight back. But the internet isn't an individual pursuit, it's something we do with each other. The internet is where people are. »

Die jungen Wächter der Redefreiheit

Jeffrey Rosen beschreibt im Magazin New Republic ausführlich die Personen, die mit ihren Teams bei Facebook, Twitter und Google darüber entscheiden, welche Inhalte zugelassen und welche gelöscht werden. Diese meist sehr jungen Leute werden nur halb im Scherz «The Deciders» genannt und tragen eine schwere Bürde: Sie müssen zwischen nationaler Gesetzgebung, Prinzipien der Redefreiheit und Schutz vor Gewalt abwägen; in einem Thema, das nur schon dies- und jenseitig des Atlantiks ganz unterschiedlich beurteilt wird. Die Grösse der Herausforderung ist ihnen bewusst; was allerdings ihre Macht nicht schmälert:

«  Their positions give these young people more power over who gets heard around the globe than any politician or bureaucrat—more power, in fact, than any president or judge. »

Raumschiffe aus Reykjavík

«Eve Online» vom isländischen Studio CCP ist eines dieser Spiele, das die meisten nur vom Lesen kennen. Eve ist spannend, weil das Raumschiff-Multiplayer-Spiel sehr viel zulässt und damit den Spielern auch viel Verantwortung für das Erlebnis überträgt. Es erfordert allerdings eine Zeitinvestition, die nur rund 500'000 Spieler auf sich nehmen wollen. Die dafür umso vergifteter, und darum gibt es einmal im Jahr das «Eve Fanfest» in Reykjavík, wo sich der harte Kern trifft, dieses Jahr circa 1500 Personen. Die besten Geschichten aus Eve – Spione, die über ein Jahr ein gegnerisches Bündnis infiltrieren und von innen zerstören; hunderte von Spielern, die sich über Monate auf einen eigentlich unmöglichen Angriff vorbereiten; einer, der einem anderen das Stromkabel kappt, um ihn im entscheidenden Moment von einer Handlung abzuhalten – stammen nicht aus der Feder der Entwickler. Richard Cobbett beschreibt in einer schönen Reportage für Eurogamer, wie diese Entwickler noch immer nicht recht fassen können, was aus Eve geworden ist:

«  Most conventions have a certain element of «How the hell did we get here?» to them. After hearing these talks […] it's amazing the entire CCP core team isn't covered with painful red welts from repeatedly pinching each other. »