Digital am Sonntag, Nr. 34: Terrible Tinsley und die Dame

Am Wochenende hat man Zeit zum Lesen. Deshalb stellen wir hier jeden Freitag die Artikel zu Digital-Themen zusammen, die wir lesenswert finden.

Entspanntes Lesen in bequemen Sesseln.

Bildlegende: Es muss nicht immer Zeitung sein. Gaetan Bally/Keystone

Cyber!

Autorin Annalee Newitz verfasst für das Blog io9 eine kurze Geschichte des Wortes «Cyber». Und schnell wird offensichtlich, dass der streng wissenschaftliche Gebrauch der 70er-Jahre («cybernetics») und der futuristische, insiderisch mysteriöse der 80er («cyperpunk») bald durch massentauglichere Bedeutungen abgelöst wurden. Also das schön schmuddelige «cybersex» in den 90ern, so heftig, dass es allen zum Hals heraus hing (man erinnere sich an die Hysterie um «Second Life»). Und dann nimmt das Wort eine düstere Wendung – weg vom Sex, hin zum Krieg. «Cyberwar» und «Cybercrime», all diese Gefahr, die da aus dem «#neuland» Internet über uns zu schwappen droht.

Newitz zitiert den Kolumnisten Bruce Sterling (selber einer der Autoren, die in Science-Fiction-Geschichten seit den 80ern das Wort verbreiteten), der eine clevere Beobachtung macht: Gerade der «military industrial complex» wähle sehr gezielt den Begriff «cyberspace».

«  It's because the metaphor of defending a «battlespace» made of «cyberspace» makes it easier for certain contractors to get Pentagon grants. If you call «cyberspace» [… just] «networks, wires, tubes and cables» then the NSA has already owned that for fifty years and the armed services can't get a word in. »

Die «Yahoo Boys» aus Nigeria

Sicherheitsspezialist Brian Krebs hat eine schöne Geschichte über E-Mail-Schwindler aus Nigeria verfasst. Ursprung der Geschichte ist eine Website, welche die Dienstleistung anbietet, Tastatureingaben auf dem PC eines Opfers zu überwachen – also Keylogging für Anfänger.

Diese Website war selber aber so amateurhaft gemacht, dass sie gehackt wurde. Dabei stellte sich heraus, dass die Keylogging-Dienstleistung von hunderten Betrügern aus Nigeria genutzt wurde. Und zwar denjenigen, die per E-Mail behaupten, es seien Millionen gefunden worden und man benötige deine, ja deine, Hilfe, die ins Trockene zu bringen, und selbstverständlich gebe es einen tollen Lohn für die Hilfe. Stattdessen wird man irgendwann zur Bezahlung von Vorschüssen übertölpelt.

Dank dem Hack der Site kommen nun Details der Arbeitsweise dieser Betrüger ans Licht. Überraschend ist, dass die sich offenbar auch untereinander über das Ohr zu hauen versuchen:

«  Oddly enough, a large percentage of the keylog data stored […] indicates that many of those keylog victims are in fact Nigerian scammers themselves. One explanation is that this is the result of scammer-on-scammer attacks. »

Die Dame lösen

Christian Donlan schreibt für Eurogamer über Dame, das Spiel auf dem Schachbrett mit den etwas einfacheren Steinen und Regeln als Schach. Und zwar über das Ziel, ein Computerprogramm zu schreiben, das Dame «löst», also nie mehr verliert.

Spiele, die ein Glückselement enthalten (z.B. würfeln oder Karten ziehen) können in diesem Sinn nie gelöst werden. Doch Dame, Schach oder das japanische Go schon, weil nur der richtige Zug über Sieg oder Niederlage entscheidet. Schach und vor allem Go haben viel zu viele Zug-Möglichkeiten, sind also zu komplex, um mit aktueller Technologie gelöst zu werden. Doch bei Dame hat es 2007 geklappt – ein mathematischer Beweis, dass der entwickelte Dame-Algorithmus nicht mehr verlieren kann.

Donlan erzählt dabei auch von Marion Tinsley, einem legendären Dame-Spieler, bekannt und gefürchtet unter dem Namen «Terrible Tinsley». In 42 Jahren hatte Tinsley genau drei Partien Dame verloren – zwei davon wegen trivialer Flüchtigkeitsfehler. In 42 Jahren wurde er also nur ein einziges Mal spielerisch besiegt. Damit war «Terrible Tinsley» natürlich der Massstab in Dame und ein idealer Gegner, um die Spielstärke der Computerprogramme zu testen. Das erste dieser Programme namens Chinook begeisterte Tinsley sehr, da er endlich wieder gefordert wurde, schreibt Donlan:

«  People were afraid of him, and whenever people sat down to play him, they wouldn't play to win. They would only play to draw. Then, when Tinsley played Chinook in 1990, he came here and we played a 14-game match. He beat us one-to-nothing with 13 draws. […] Tinsley said checkers was fun again […]. He really, really loved playing against the computer. »