Digital am Sonntag, Nr. 37: Jetzt mal ehrlich – bin ich schön?

Am Wochenende hat man Zeit zum Lesen. Deshalb stellen wir hier jeden Freitag die Artikel zu Digital-Themen zusammen, die wir lesenswert finden.

Ein Pärchen in gemütlichen Sesseln beim Zeitungslesen (vermutlich an einem Sonntagmorgen).

Bildlegende: Es muss nicht immer Zeitung sein. Gaetan Bally/Keystone

Moloch NSA

Nach allen Enthüllungen über den US-Geheimdienst NSA und seine diversen Überwachungs-Programme ist inzwischen wohl jeder davon überzeugt, dass auch seine Emails gelesen und seine SMS ausgewertet werden. Wir wissen aber kaum etwas darüber, wie die NSA im Inneren funktioniert und wie sie mit den riesigen Datenmengen umgeht, die bei ihren Tätigkeiten anfallen.

«  So the question has to be not so much "Is Big Brother watching?" but "How in hell can it cope?" We know what the NSA's job is, but we don’t know how it does it. »

Daniel Soar gibt mit seinem Text «How to get ahead at the NSA» in der «London Review of Books» nicht nur eine schöne Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse in der Affäre um Edward Snowden, Soar zeichnet auch ein Bild vom Irrsinn der militärischen Bürokratie, welche die NSA mit ihren schätzungsweise 40'000 Mitarbeitern nur zu oft plagt.

Wenn der Roboter den Kaffee braut

Wer nach dem Aufstehen erst mal einen fachmännisch zubereiteten Kaffee braucht, am Morgen aber noch zu scheu ist, mit anderen Menschen zu reden – einem Barista zum Beispiel –, dessen Dilemma könnte bald ein Ende haben: Die Firma Briggo arbeitet daran, dass uns bald Roboter den Kaffee brauen. Und zwar besser, als das ein Mensch je könnte. Denn Briggos Kaffee-Roboter wurde nicht nur von einem preisgekrönten Barista «trainiert», er weiss auch stets genau über Beschaffenheit und momentanen Zustand seiner Werkzeuge und Zutaten Bescheid:

«  Inside, protected by stainless steel walls and a thicket of patents, there is a secret, proprietary viscera of pipes, storage vessels, heating instruments, robot arms and 250 or so sensors that together do everything a human barista would do if only she had something like perfect self-knowledge. »

Christopher Mims zeigt mit seinem Text über den Briggo-Roboter auf der Webseite «Quartz», dass die Zukunft oft an ganz unerwarteten Orten beginnt, zum Beispiel an der Kaffeetheke. Das System Briggo jedenfalls, bei dem ein Mensch der Maschine eine spezifische Tätigkeit beibringt, die der Roboter dann präziser und besser als sein Meister ausführt, lässt sich auch für ganz andere Bereiche als Espresso und Macchiato denken. Wer mehr über unsere künftigen Maschinen-Overlords wissen will: Hier das grosse SRF-Dossier zum Thema Roboter.

Abteilung: Schlechte Ideen

Wer jemals einen Clip bei YouTube veröffentlicht hat weiss: Das Kommentar-Forum der Video-Plattform ist nicht der beste Ort, Selbstvertrauen zu tanken. Fragt sich also, was sich die jungen Frauen gedacht haben, von denen Olivia Solon in der englischen Ausgabe von «Wired» schreibt: Mädchen, die unter Titeln wie «Am I pretty or ugly?» Videos von sich bei YouTube veröffentlichen und auf das Urteil der Kommentatoren warten. Zum Beispiel das Video von «girlsite 101»:

«  The video has notched up more than 110,000 views and the comments are, frankly, brutal: "Bitch" and "You have an ugly personality and you're making this shit up. You're ugly" rank the highest. […] There are 5,500 of these comments – the vast majority of them are negative. »

Die Performance-Künstlerin Louise Orwin hat das Phänomen zum Thema einer Arbeit gemacht und Videos von sich selbst als Teenager in verschiedenen Rollen (Emo, Nerd, etc.) gepostet (und auch bei ihr gehörten Bemerkungen wie «Verpiss dich und stirb» noch zu den netteren Kommentaren).

In ihrer Arbeit geht es Orwin darum, welchen Einfluss digitale Medien darauf haben, wie wir uns selbst und andere wahrnehmen. Die 26-jährige erinnert sich an die eigene Jugend, als den (alten) Medien vorgeworfen wurde, mit Hochglanzbildern von makellosen Frauenkörpern ein unrealistisches Schönheitsideal zu propagieren. Heute, so Orwin, brauche es dazu nicht einmal mehr die Medien: Die Teenager selbst würden das erledigen, etwa indem sie zu Inspirationszwecken bei Tumblr Bilder von gertenschlanken Models posteten. Machen soziale Medien also alles nur noch schlimmer? Please discuss!

Ein Vierteljahrhundert Boing Boing

Und zum Schluss noch herzliche Glückwünsche: Boing Boing, wohl der kollektive Lieblings-Blog der Digital-Redaktion, feiert seinen 25. Geburtstag. Mark Frauenfelder und Carla Sinclair starteten den Blog 1988 – allerdings noch als gedrucktes Fanzine. 1996 wechselte die Publikation ins Internet und Frauenfelder scharte drei neue Mitherausgeber um sich: Technologie-Autor David Pescovitz, Science-Fiction-Schriftsteller und «Free Culture Advocate» Cory Doctorow und die Journalistin Xeni Jardin.

Das Kunst- und Technologiefestival XOXO in Portland nahm das Jubiläum zum Anlass, die vier erstmals auf einer Bühne zu versammeln und über ihre Arbeit und vieles mehr zu befragen. Das Video des Gruppeninterviews findet man auf YouTube (die Kommentare dazu sind deaktiviert).