Digital am Sonntag, Nr. 66: Gamer und die Frauen, DIE RÜCKKEHR

Das Thema dieses Wochenende: Ein Teil der Gamer reagiert ungehalten auf den Vorwurf, zu viele Games seien zu sexistisch. Wir erklären, woher die heftige Abwehrhaltung kommt, und zeigen, dass es Anzeichen eines Umdenkens gibt.

Entspanntes Lesen in bequemen Sesseln.

Bildlegende: Lesen und nachdenken über: Frauenbilder in Games und die Abwehrhaltung einiger Gamer. Gaetan Bally/Keystone, Montage SRF

Letze Woche habe ich das Problem angesprochen, wie Frauen in Games dargestellt werden. Das scheint hier niemanden sonderlich geärgert zu haben, was mich richtig freut.

Denn wie ein Teil der Gamer-Community auf diese Diskussion reagiert, kann man in den Kommentaren nachlesen, die ein Artikel zum gleichen Thema bei «20 Minuten Online» angezogen hat.

Nur ein paar Beispiele:

«  Ein Spieleentwickler hat doch wohl immer noch das Recht, sein Spiel so zu gestalten wie er will. […] Es ist doch wirklich schei** egal. […] Es nervt einfach! Verschont uns langsam mit dem Genderblödsinn. […] Assassins Creed [spielt] in einer Zeit, in der Frauen nun mal nicht viel zu sagen hatten. […] Selten so einen Schwachsinn gehört […] von wegen männerdominiert.. Gamen ist schon lange unisex. »

Diese Argumente kommen jedes Mal und werden dadurch nicht richtiger. Nein, die immergleichen Stereotype zu reproduzieren, ist weder historisch akkurat noch kreativ. Nein, darauf hinzuweisen, hat nichts mit Zensur zu tun. Nein, auch eine Parodie entschuldigt nicht automatisch jedes Klischee. Doch, Games sind nach wie vor mehrheitlich männlich, heterosexuell und weiss, sowohl die Figuren, als auch die Personen, die in der Industrie arbeiten. Doch, es ist wichtig, über dieses Thema zu sprechen, weil Games nicht die Hälfte ihres Publikums schlechter behandeln sollten. Weil wir eine Community sein wollen, in der sich alle wohlfühlen können.

Und obwohl ich solche Reaktionen nicht das erste Mal lese, überrascht mich die darin spürbare Wut jedes Mal von neuem. Warum ist das ein so emotionales Thema?

Tief verankerte Denkmuster

Gamer sind ständige Anfeindungen gewohnt und verteidigen deshalb reflexartig das geliebte Hobby, aus Loyalität zu Figuren und Entwicklern. Doch das allein erklärt die Abwehrhaltung nicht. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass die Diskussion um Geschlechterrollen in diesem Medium von der Industrie und dem Publikum lange komplett ignoriert wurde. Dass sie jetzt schlicht neu ist.

Zudem sind Games interaktiv. Wenn wir etwas Sexistisches spielen, werden wir deshalb – zwar nicht immer bewusst oder willentlich – zum Mittäter.

Deshalb ist die Diskussion so unangenehm: Sie stellt tief verankerte persönliche Denkmuster in Frage. Man verteidigt nicht nur passiv das Verhalten der Entwickler, sondern auch aktiv das eigene.

Der Chefredaktor der wichtigen Game-Website «Eurogamer» Tom Bradwell äussert sich dazu in einem äusserst lesenswerten Kommentar:

«  When you have an entrenched attitude that you may not fully recognise and you are confronted by arguments that go to the core of that attitude, it's easy to get upset, because it feels like a personal attack. »

Deswegen mag es schwierig sein, sich überhaupt auf die Diskussion einzulassen. Und die heftigen Abwehrreaktionen bekommen dann diejenigen zu spüren, die versuchen, nüchtern problematisches Design anzusprechen.

Bestes Beispiel dafür ist Anita Sarkeesian, die auf ihrem Youtube-Kanal «Feminist Frequency» in der Video-Serie «Tropes vs Women in Video Games» soeben eine neue Folge veröffentlicht hat:

Nachdem Sarkeesian zu Beginn der Serie noch übel beschimpft und bedroht wurde, scheint mir nun die Reaktion auf ihre Argumentation eher müde genervt auszufallen, beispielsweise in den Kommentaren zum Nerdcore-Blogpost oder hier. Es wird Sarkeesians kühle Art der Präsentation kritisiert – man spielt auf die Frau. Oder relativiert die ewigen Klischees, indem man «Satire darf alles!» oder «Es gibt in Games ja auch Gewalt gegen Männer!» ruft.

Umdenken beginnt

Dennoch bewegt sich etwas. So zeugt nicht erst Tom Bramwells Kommentar von einem Prozess des Umdenkens, der sich langsam in Bewegung setzt.

Die optimistische Nachricht dazu kommt von der Soziologin Elisa Melendez. Sie berichtet von ihrem Besuch auf der Game-Messe «E3»:

«  The good news is that this year would mark one of the most positive feelings I've ever had about the industry […]. I spent an entire day at E3 playing different kinds of video games as women characters, and in some cases women of color. The gaming industry has a ways to go where issues of representation are concerned, […] but it’s getting better. »

Es geht. Und es tut niemandem weh, nimmt niemandem etwas weg, wenn es gute Frauenfiguren in Games gibt. Im Gegenteil öffnet es das Medium für alle und stärkt so unsere Community.

Und das Wissen ist da, wie man Games ein- statt ausschliessend gestaltet. Einen ausführlichen Wegweiser liefert der Berliner Game-Designer Anjin Anhut: «Press X to make Sandwich – A complete guide to gender design in games».