Digital am Sonntag, Nr. 69: Immer, immer etwas fingerlen

Die Themen dieses Wochenende: Nichts fällt uns so schwer, wie nichts zu tun. Daran sind aber nicht die Smartphones schuld. Und: Facebook ist besser als das FBI.

Entspanntes Lesen in bequemen Sesseln.

Bildlegende: Nichts zu werden ist nicht schwer, nichts zu tun dagegen sehr! Gaetan Bally/Keystone, Montage SRF

Nichts ist so schwierig wie Nichtstun

Matthew Hutson beschreibt im Magazin «The Atlantic» eine Studie, für die Probanden aufgefordert wurden, ein paar Minuten lang nichts zu tun, sich nur mit den eigenen Gedanken zu unterhalten. Das fiel vielen ausserordentlich schwer.

Kaum lag ein Bleistift da, wurde damit gekritzelt. Oder ein Stück Papier gefaltet. In einer extremen Variante des Experiments zogen es viele vor, sich selbst mit einem Gerät einen Stromstoss zu verpassen als einfach nichts zu tun.

Die Schlagzeile des Artikels («People Prefer Electric Shocks to Being Alone With Their Thoughts») ist unsinnig, weil stark überinterpretiert. Das Experiment scheint vielmehr zu zeigen, dass wir offenbar jede Gelegenheit nutzen, uns irgendwie zu beschäftigen. Selbst wenn das weh tut.

Nun ist die Ansicht verbreitet, dieser Drang zur Beschäftigung sei wegen neuer Technologien schlimmer geworden: Wegen Smartphones könnten wir noch schlechter einfach nichts tun. Dem widersprechen die Autoren der Studie deutlich:

«  Nope. Enjoyment was unrelated to age or the use of smart phones or social media. [… I]f anything, use of technology is more a symptom than a cause of our difficulty with entertaining ourselves, although there could be circular effects. »

Eher ein Symptom also: Die Smartphones bieten sich einfach an, weil sie immer dabei und voller interessanter Beschäftigungsmöglichkeiten sind.

Die Studie wagt dazu eine Hypothese, warum uns das Nichtstun so schwerfällt:

«  Mammals have evolved to monitor their environments for dangers and opportunities, and so focusing completely internally for several minutes is unnatural. »

Facebook > FBI

Russell Brandom erinnert im Tech-Blog «The Verge» daran, dass wir die Fähigkeiten von Gesichtserkennung stark überschätzen. Ich habe hier vor einer Weile bereits einen Artikel mit ähnlicher Aussage verlinkt. Die Schwierigkeit bekommt jetzt neues Gewicht, weil das FBI demnächst ein neues Gesichtserkennungssystem einführt und damit deutlich besser werden will.

Doch auch die Fähigkeiten dieses brandneuen Systems darf man nicht überschätzen. Es soll sogar deutlich schlechter sein als die Gesichterkennung von Facebook – was der Biometrie-Sicherheitsindustrie kein gutes Zeugnis ausstellt.

Doch das überrascht nur auf den ersten Blick:

«  Facebook […] already knows who your friends are and who's likely to show up in your pictures. It also has many more pictures to work with, hosting 250 billion photos to the FBI's 50 million. That gives Facebook's engineers more chances to find a good picture, and more data to generalize from. Facebook also has more freedom to make mistakes, since a false tag carries much less weight than a mistaken police ID. »

Deshalb soll das System von Facebook in 97 Prozent der Fälle richtig liegen, also einem Foto den richtigen Namen zuordnen. Das System des FBI verspricht lediglich, dass es zu einem Foto eine Liste mit 50 Namen ausgibt – der Gesuchte aber nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent tatsächlich auf dieser Liste ist.