Digital am Sonntag, Nr. 71: ¯\_(ツ)_/¯

Wer kennt im Online-Leben nicht das Gefühl, nur mehr mit Schulter zucken zu können? So wie der hier: ¯\_(ツ)_/¯. Der Shruggie fasst in neun (oder sind es elf?) Zeichen eine ganze Weltsicht zusammen. Oder, wie Kyle Chayka meint: So fühlt das Internet.

Entspanntes Lesen in Bequemen Sesseln

Bildlegende: Lesen und nachdenken über den Shruggie. Gaetan Bally/Keystone, Montage SRF

Im Web-Magazin «The Awl» erzählt Kyle Chayka mit «The Life and Times of ¯\_(ツ)_/¯» die Geschichte des Shruggies. Wie andere Zeichenfolgen und Emoticons gehört der kleine Mann quasi zur Sprache des Internets und wird in letzter Zeit immer populärer.

Der Shruggie ist ein Kaomoji, die japanische Version eines Emoticons, der dank dem japanischen Zeichensatz weit mehr Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stehen als mit unseren Zeichen möglich ist.

Die Zahl der Kaomojis geht in die Zehntausende, umfasst Symbole für Wut (╯°□°)╯︵ ┻━┻ und Verwirrung 【・ヘ・?】 ebenso wie für alle möglichen Gefühle von Katzen (=^・ェ・^=).

Kanye West zuckt mit den Schultern

Bildlegende: Kanye West: Sein Schulterzucken, nachdem er Taylor Swifts Grammy-Übergabe gestört hatte, machte den Shruggie erst recht populär. geminiginny/Tumblr

Für Chayka ist der Shruggie aber mehr als ein paar Klammern und Schrägstriche. Er stehe für eine Sicht der Dinge, die unmittelbar mit der Online-Welt verbunden sei. Chaye zitiert dazu eine Reuters-Redaktorin, die im Shruggie sogar das Standard-Gefühl des Internets symbolisiert sieht: Für den Zustand, dass man auf Wut und Geschei in Online-Foren, auf deprimierende News und Bilder nur mehr mit einem lakonischen Schulternzucken antworten mag, mit gut gelaunter Resignation.

Dabei fasst der Shruggie für Chayka ein Gefühl zusammen, das sich kaum kohärent in Worte bringen lässt: Ein Gemisch aus Resignation eben, Überforderung, Verzweiflung, Melancholie, Selbstironie, Abstumpfung, Nihilismus. Und trotzdem gebe der Shruggie nicht auf, sondern ertrage das Chaos mit der Gelassenheit eines Zen-Meisters.

«  The English language cannot fully capture the depth and complexity of my thoughts. »

Da stellt sich die Frage: Haben wir dank dem Internet tatsächlich so viel mehr Informationen und Wissen, Argumente und Gegenargumente, dass uns auf viele Fragen letztlich nur mehr ein Schulterzucken bleibt? Weil der Menge an Informationen zu wenig Einordnung und Hintergrundwissen gegenübersteht. Oder weil uns ob der schieren Masse an Wortmeldungen und Positionsbezügen bewusst wird, wie relativ unsere eigene Weltsicht ist und wie klein wir als Individuum sind. Weil uns also erst das Mitmach-Internet gezeigt hat, wie viele Menschen und Meinungen es auf dem Planeten gibt.

Und noch eines macht der Shruggie klar: Dass wir in einer visuellen Kultur leben, in der oft Worte dafür fehlen, was wir mit Bildern und Symbolen sagen können. Chelsea Peretti hat das in ihrer Rolle als Gina Linetti in der US-Sitcom «Brooklyn Nine Nine» schön auf den Punkt gebracht, als sie meinte: «Die englische Sprache kann die Tiefe und Komplexität meiner Gedanken nicht vollständig erfassen.» Um sich besser ausdrücken zu können, hat Linette darum Emojis in ihren Sprachgebrauch aufgenommen. Katze mit breitem Grinsen.