Ein Roboter bringt uns zurück ins 16. Jahrhundert

In den Kellerräumen der Zentralbibliothek Zürich blättert sich ein Roboter unermüdlich durch tausende von Büchern. Er digitalisiert Text und Bilder, die man sich bald online anschauen kann. Allerdings: Ohne menschliche Hilfe kommt die fleissige Maschine nicht aus.

Mehr als 7 Millionen Bücherseiten will die Zentralbibliothek Zürich (ZBZ) in den kommenden sieben Jahren scannen. Darunter auch Werke wie die «Wickiana» des Zürcher Pfarrers Johann Jakob Wick, eine der bedeutendsten Nachrichtensammlungen des 16. Jahrhunderts. Wicks Einblattdrucke und Flugblätter erinnern an ein frühneuzeitliches Boulevardblatt. Sie berichten mit Vorliebe von Naturkatastrophen, Missgeburten, Verbrechen und geschichtlichen Ereignissen.

Zum Einlesen der alten Drucke kommen Scanner zum Einsatz. Einer davon steht im 5. Kellergeschoss der Zentralbibliothek: Der «ScanRobot SR 301». Immer und immer wieder senkt sich der Roboter in ein geöffnetes Buch und saugt gleich zwei Buchseiten aufs Mal mit Unterdruck nach oben (siehe Video). Während die Seiten in die Höhe gezogen werden, scannt ein Prisma blitzschnell Text und Bilder, bevor der Luftstoss aus einem Gebläse zur nächsten Seite blättert.

Ein betreuungsintensiver Roboter

Das automatische Umblättern gab aber nicht den Ausschlag für die Anschaffung des Scan-Roboters. Die ZBZ hat sich für die 140'000 Franken teure Maschine aus Österreich entschieden, weil sie die Bücher zum Scannen nur in einem 60-Grad-Winkel aufschlägt. So wird sichergestellt, dass besonders heikle Drucke nicht beschädigt werden, etwa weil sie am Buchrücken brechen.

Die eingescannten Seiten sind sofort auf einem Bildschirm neben dem Roboter zu sehen. Dort kontrolliert ein Bibliotheksmitarbeiter laufend das Resultat und korrigiert eventuelle Fehler. Peter Moerkerk, der Leiter des Digitalisierungszentrums der ZBZ sagt: «Der Scanner heisst zwar 'Roboter', aber es ist trotzdem das Gerät aus unserem Maschinenpark, das am meisten Betreuung braucht.» So braucht die Maschine immer mal wieder Hilfe bim Umblättern oder ein zum Scannen eingespanntes Buch muss neu justiert werden.

Wellen machen Text unleserlich

Auch mit der Geschwindigkeit des Scanners ist Moerkerk nicht ganz zufrieden: «Wir haben mit einer Geschwindigkeit von bis zu 1500 Seiten pro Stunde gerechnet. Heute sind wir aber zufrieden, wenn wir in der Zeit 500 Seiten schaffen.» Probleme bereiten vor allem alte Werke in einem schlechten Zustand. Deren Seiten können Wellen werfen, die den gescannten Text unleserlich machen.

Buch liegt halb geöffent in einer Maschine; rote Linie eines Lasers ist im Falz sichtbar.

Bildlegende: Unter dem Scanner: Um wertvolle Drucke nicht zu beschädigen, öffnet der Roboter die Bücher nur in einem 60-Grad-Winkel. SRF/Peter Buchmann

Um schneller vorwärtszukommen, rüstet die Zentralbibliothek nun auf: Neue Maschinen werden angeschafft und neue Mitarbeiter geschult. Ziel ist ab 2014 jede Woche gut 30'000 Seiten zu digitalisieren – gut 10'000 mehr als heute.

Dank Digitalisierung für alle zugänglich

Zusammen mit anderen Bibltiotheken der Schweiz beteiligt sich die ZBZ am Projekt «e-rara». Das vom Bund finanzierte Programm will sämtliche seltenen Schweizer Drucke des 16. Jahrhunderts digitalisieren und übers Internet öffentlich und kostenlos zur Verfügung stellen. Gleichzeitig werden weitere Schriften aus der Frühzeit des Buchdrucks und Schweizer Drucke des 17. bis 19. Jahrhunderts eingescannt sowie ausgewählte thematische Schwerpunkte digitalisiert.

Viele dieser alten Bücher sind in einem prekären Zustand und müssen entsprechend vorsichtig behandelt werden. Die Digitalisierung macht es möglich, dass sie – als elektronische Kopie– weiterhin jedermann zugänglich sind, während das Original sicher gelagert wird. Kommt dazu dass viele dieser Werke oft nur noch einmal existieren. Wer sie bisher sehen wollte, musste unter Umständen eine lange Reise auf sich nehmen. Digitalisiert können sie per Internet von überall her gelesen werden.