Facebook und WhatsApp: damit die Sonne im Reich niemals untergeht

Facebook langt tief in den Tresor und kauft für 19 Milliarden Dollar WhatsApp. Wirtschaftlich wird sich das niemals rechnen – und macht trotzdem Sinn.

Fotomontage mit einer Profilaufnahme des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg und einer Sprechblase, die das veränderte Logo der Chat-Applikation Whatsapp zeigt, in dem das Facebook-Logo bekannte kleine «f» den Whatsapp-Telefonhörer ersetzt.

Bildlegende: Mark Zuckerberg kauft die Konkurrenz weg: Dank 450 Millionen aktiver Nutzer wurde der Chat-Dienst WhatsApp zum grössten Facebook-Rivalen. SRF/Reuters

Der Aufstieg von WhatsApp ist kometenhaft und lässt alle anderen grossen sozialen Netzwerk-Dienste hinter sich. Heute nutzen 450 Millionen Menschen die App, um zu chatten. Jeden Tag stösst eine weitere Million dazu. Über WhatsApp werden täglich 600 Millionen Fotos ausgetauscht, 200 Millionen Sprach- und 100 Millionen Video-Nachrichten verschickt. Und natürlich Text-Nachrichten, von denen 19 Milliarden geschickt und 34 Milliarden empfangen werden – ebenfalls jeden Tag.

In vier Jahren zum Giganten

Besonders beeindruckend ist die Geschwindigkeit, mit der WhatsApp diese Grösse erreicht hat. Das Unternehmen gibt es noch nicht einmal fünf Jahre. Es hat aber bereits fast dreimal so viele Nutzer, wie Facebook und Gmail im gleichen Alter hatten; und sogar fast achtmal so viele Nutzer wie Twitter und Skype mit vier.

Facebook entwickelt nach dem Motto «move fast and break things», lässt also immer wieder Versuchsballone steigen, probiert aus und beendet Erfolgloses wieder. Mit den Jahren ist der Dienst dadurch komplex geworden; viele Funktionen und Privatsphäre-Einstellungen fordern die Nutzerinnen und Nutzer. WhatsApp hat eine gegensätzliche Philosophie: Der Dienst konzentriert sich streng auf eine einzige simple Mission – SMS zu ersetzen.

Diese Einfachheit ist der Grund für den Erfolg von WhatsApp. Es ist schlicht leichter zu verstehen, was die App macht. Sie wird so für Personen interessant, die zum ersten Mal ein Smartphone in den Händen halten. Oder für Kinder und Jugendliche, die nichts anderes tun wollen als mit ihren Freunden zu chatten. Mit dem Kauf sichert sich Facebook also Nutzergruppen, die sie mit ihrem eigenen Dienst nicht oder nur schwieriger erreichen.

Tiefer Griff in den Tresor

Der Preis für diesen Zugang ist immens. Er stellt auch den Kauf von Skype durch Microsoft (2011, 8.5 Milliarden Dollar) in den Schatten; ebenso Facebooks Kauf von Instagram (2012, 1 Milliarde Dollar). Facebook zahlt den grössten Teil der 19 Milliarden in Aktien, aber immer noch 4 Milliarden Dollar in bar.

Ein Computerbildschirm mit den Logos von Whatsapp und Facebook, davor ein Smartphone, welches ebenfalls das Whatsapp-Logo zeigt.

Bildlegende: Daumen hoch: Facebook lässt sich den WhatsApp-Kauf 19 Milliarden kosten. Reuters

Davon profitieren auch die Investoren von WhatsApp, insbesondere die Venture-Capital-Firma Sequoia. Das Unternehmen soll in drei teilweise nicht öffentlichen Runden total rund 60 Millionen Dollar investiert haben und hält nun einen Anteil an WhatsApp, der geschätzt über drei Milliarden Dollar wert ist.

Dass sich diese gewaltige Investition in nächster Zeit für Facebook auszahlt, ist unrealistisch. WhatsApp zeigt keine Werbung an, sondern setzt auf ein Abo-Modell: Das erste Jahr der Nutzung ist gratis, danach kostet sie einen Franken pro Jahr. Doch Facebook muss mit WhatsApp nicht Geld verdienen – Facebook ist schon profitabel (7.8 Milliarden Dollar Umsatz und 1.5 Milliarden Dollar Gewinn im 2013).

Es geht stattdessen schlicht um Macht: Wo und mit welchem Dienst interagieren wir sozial? WhatsApp vernetzt Menschen, lässt sie chatten und Fotos austauschen: Das sieht Facebook als sein Kerngeschäft. Und WhatsApp wächst so schnell, dass der Dienst schon bald die magische Eine-Milliarde-Grenze knacken wird. Deshalb holt Facebook den Dienst unter das eigene Dach. Denn im sozialen Reich von Mark Zuckerberg darf die Sonne niemals untergehen.

Das Modell Instagram

Facebook verfolgt damit das gleiche Modell wie beim Kauf der Fotoapp Instagram: Man versucht zunächst, den Konkurrenten mit eigenen Diensten abzuwehren. Wenn das nicht klappt, wird eingekauft.

In diesem Fall war das direkte Konkurrenzprodukt zu WhatsApp der Facebook Messenger. In Nordamerika klappte das – dort halten sich Nutzer von WhatsApp und Messenger ungefähr die Waage. In anderen Regionen präsentiert sich eine andere Situation: In Brasilien beispielsweise nutzen doppelt so viele Menschen WhatsApp. Noch deutlicher ist es in Europa, wo in den meisten Ländern WhatsApp zur Standardausrüstung eines Smartphones gehört. In der Schweiz nutzen rund fünf mal mehr Menschen WhatsApp als Messenger.

Weiterhin keine Werbung?

Sowohl Mark Zuckerberg als auch WhatsApp-CEO Jan Koum versichern, dass sich WhatsApp für die Nutzerinnen und Nutzer nicht verändert. Damit sprechen sie insbesondere Befürchtungen an, dass nun in WhatsApp Werbung angezeigt werden könnte, die wichtigste Einnahmequelle von Facebook.

Doch Facebook hat mit Instagram gezeigt, dass man einen eingekauften Dienst in Ruhe lassen kann. Die Versicherung, WhatsApp werde werbefrei bleiben, ist deshalb glaubwürdig. Facebook bezieht sich in der Ankündigung des Kaufs explizit auf das Modell Instagram: Man wolle auch WhatsApp ermöglichen, eine eigene Richtung einzuschlagen, sich unabhängig von Facebook zu entwickeln und auch die Marke zu erhalten.

Das macht Sinn, weil es die Produktpalette von Facebook diversifiziert hält: Sowohl Instagram als auch WhatsApp bieten Funktionen, die zwar ähnlich, aber eben nicht deckungsgleich mit Facebook sind. Ein erzwungenes Zusammenführen würde zu viele Benutzer verärgern, ohne dass Facebook dadurch etwas Wesentliches gewinnen würde.

Für die mobile Zukunft

Besonders im Vergleich zu den anderen Grossen wie Google oder Microsoft ist Facebook der Internet-Gigant, der am erfolgreichsten auf die grosse Verschiebung weg von PCs hin zu mobilen Geräten reagiert. Der Kauf von WhatsApp und damit das Einverleiben dieser für mobile Kommunikation zentralen App ist auch in diesem Lichte zu sehen. Facebook festigt damit seine Stellung in der mobilen Zukunft.

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