«Crysis 3» verlässt sich auf sein gutes Aussehen

«Crysis 3» spielen heisst über seine detaillierte Grafik schwärmen. Doch getreu dem Vorurteil: Hinter der schönen Fassade steckt viel Mittelmass.

Spielszene aus dem First Person Shooter «Crysis 3».

Bildlegende: Im Beton-Dschungel: Der Nano-Anzug ist der eigentliche Held von «Crysis 3». Electronic Arts/Screenshot

Stell dir vor, du kauerst im dichten Grasland, zwischen Hochhausruinen und dem rostigen Skelett eines alten Schulbusses. Etwas entfernt ziehen zwei Söldner ihre Runden. Du greifst deinen Hightech-Pfeilbogen, aktivierst deinen Tarnanzug und wartest. Noch einen Augenblick, noch ein paar Meter, bis einer der Söldner genau richtig steht. Dann spannst du blitzschnell den Bogen, schiesst – und tauchst wieder ab ins dichte Gras, keiner hat dich gesehen.

Solche Momente gehören zu den Höhepunkten von «Crysis 3». Nicht zuletzt, weil die Umgebung fantastisch aussieht, die du hier zur Tarnung benutzt. Jeder Grashalm scheint sich nach eigenem Muster im Wind zu bewegen, jedes Laubblatt ist zu sehen. Und Bilder des zerfallenden New Yorks, das sich langsam in einen Urwald verwandelt, gehöre zum visuell Besten, das es auf PC und Konsole je zu sehen gab.

Figuren, die sich selbst zu wichtig nehmen

Schade nur, dass hinter so viel optischer Schönheit bloss ein eher durchschnittlicher First Person Shooter steckt. Hinter «Crysis 3» steht das deutsche Entwicklerstudio Crytek, das 2004 mit der ersten Version von «Far Cry» bekannt wurde. Der dritte Teil von «Far Cry», der nicht mehr von Crytek entwickelt wurde, ist vor wenigen Wochen erschienen und hat für seine packende Story viel Lob erhalten – und dafür, dass er dem Spieler viel Handlungsfreiheit lässt.

«Crysis 3» unterscheidet sich da grundlegend: Die Story könnte läppischer nicht sein: ein fieser Grosskonzern will sich mit Hilfe von Alien-Technologie die Weltherrschaft sichern, fiese Aliens wollen dasselbe. Ausserdem ist sie mit hanebüchenen Dialogen von Figuren gespickt, die sich selbst sehr wichtig nehmen. Das lässt dich beim Spielen oft mit den Augen rollen, doch andere Shooter wie etwa die «Call of Duty»-Reihe machen es auch nicht besser.

Still und unsichtbar – oder auf sie mit Gebrüll?

Schlimmer ist die beschränkte Handlungsfreiheit: «Crysis 3» lockt dich mit seinen grandiosen Panoramen, lässt dich aber nicht wirklich in diese hochaufgelöste Welt eintauchen. Weichst du vom Weg ab, den das Spiel für dich vorsieht, ist da bald ein Stein oder eine Mauer, die ein wenig zu hoch ist, um darüber zu springen.

Andere Aspekte der Spielmechanik sind weit besser gelöst. Der Nano-Anzug, den deine Spielfigur trägt, lässt sich entweder als Rüstung oder als Tarnkappe tragen. Auf jeden Fall aber verliert der Anzug Energie, wenn du dich bewegst. So kannst du wählen: Wartest du still und unsichtbar auf deine Feinde und erledigst sie aus dem Hinterhalt? Oder stürzt du dich kopfvoran ins Gefecht und vertraust darauf, deine Gegner zu erledigen, bevor dein Anzug schlapp macht?

Schön, aber langweilig

Von den beiden Möglichkeiten ist die Tarnung die weitaus interessantere. Ein lautloser «Stealth Kill» aus dem hohen Gras heraus, wie oben beschrieben, hat trotz fragwürdiger künstlicher Intelligenz der Gegner etwas sehr Befriedigendes. Der direkte Angriff – das eigentliche Fachgebiet eines First Person Shooters – ist dagegen eine durchschnittlich unterhaltsame Angelegenheit, trotz einem schier endlosen Arsenal an Waffen, die sich auf Wunsch auch individuell anpassen lassen.

So bleibt von «Crysis 3» kaum etwas für lange in Erinnerung – ausser dass die Spielwelt verdammt schön ausschaut. Aber wie sagt man nochmal von schönen Menschen? Dass die oft ein wenig langweilig sind? Bestimmt ein Vorurteil – doch auf «Crysis 3» trifft es zu.

«Crysis 3» gibt es für PC, Xbox 360 und Playstation 3. Das Game ist ab 16 Jahren freigegeben.

Game-Tipp von SRF Digital