Das hypnotische Chaos von «Twitch Plays Pokémon»

100'000 Personen steuern gleichzeitig ein «Pokémon»-Spiel – und aus dem Chaos entsteht Ordnung. Ein Game-Kultur-Experiment und eine schöne Metapher für direkte Demokratie.

Bildlegende: Wollten sie das Menu öffnen? Zufall? Oder gar eine absichtliche Störung eines Trolls? Twitch

Seit etwas mehr als einer Woche läuft auf der Live-Streaming-Website «Twitch» ein faszinierendes Experiment. Unter dem Titel «Twitch Plays Pokémon» wird die erste Version von «Pokémon» (1996, Nintendo Game Boy) gezeigt.

Doch hier streamt nicht wie üblich eine Person das, was sie spielt und die anderen schauen zu. Sondern die Zuschauer steuern das Spiel gleich selbst – und zwar alle gleichzeitig. Neben den Live-Streams von Twitch ist immer ein Chat-Fenster, in dem das Publikum die Action kommentieren kann. Bei «Twitch Plays Pokémon» (TPP) wird nun das, was die Spieler dort im Chat eintippen, direkt als Steuerbefehl an «Pokémon» übermittelt.

100'000 drücken auf einen Game Boy

Wenn also jemand «up», «down», «left», «right», «a», «b», «start» oder «select» eintippt, dann erhält das Spiel den entsprechenden Befehl, als hätte man direkt an einer Konsole auf den entsprechenden Knopf gedrückt.

Der Monster-Auswahl-Schirm.

Bildlegende: Drowzee wird für den Kampf bereit gemacht. Twitch

Statt einer Person steuern hier also Zehntausende unsere Spielfigur, den jungen Pokémon-Trainer. Statt sich einigermassen gezielt in eine Richtung zu bewegen, neue Monster zu suchen und mit ihnen gegen andere zu kämpfen, zuckt die Spielfigur wild umher, als hätte sie einen epileptischen Anfall.

Das Experiment läuft seit etwas mehr als einer Woche; auch jetzt schauen über 50'000 Personen dem Chaos zu und tippen Befehle ein. In Spitzenzeiten waren es über 100'000 gleichzeitig; die Chat-Server von Twitch waren zeitweilig gar vom Ansturm überfordert.

Anarchie oder Demokratie?

Kurz nach dem Start des Experiments wurde TPP durch eine zusätzliche Idee erweitert: Das Spiel kann von einem «Anarchy»- in einen «Democracy»-Modus gewechselt werden. Ob der Modus des Spiels geändert wird, muss ebenfalls über den Chat abgestimmt werden. Diese Abstimmung ist laufend und nie abgeschlossen; wenn die aktuellen Stimmen für einen Moduswechsel einen gewissen Prozentsatz überschreiten, wird umgeschaltet.

Links das originale Game-Boy-Pokémon, rechts die Befehle der Twitch-Spieler.

Bildlegende: Wildes Zucken im Chaos. Twitch

Der Anarchie-Modus entspricht der ursprünglichen Idee des Experiments und bedeutet, dass alle Befehle im Chat so schnell wie möglich an das Spiel geschickt und dort ausgeführt werden. Weil sich so viele beteiligen, dauert das in der Regel 20 bis 40 Sekunden, bis der eingetippte Befehl im Spiel ankommt.

Der Demokratie-Modus wurde dagegen eingeführt, um das Chaos etwas einzudämmen. In diesem Modus können die Spieler im Chat Vorschläge für Befehle oder Befehls-Sequenzen machen. Über diese Befehle wird dann abgestimmt; der populärste wird an das Spiel geschickt.

Spontane Selbstorganisation

Insgesamt scheint der Anarchie-Modus allerdings der beliebtere zu sein. Entsprechend schwierig ist es, im Spiel überhaupt Fortschritte zu erzielen – also neue Monster einzusammeln oder wenigstens den Weg aus einem Labyrinth zu finden.

Trotzdem gelang das – bis jetzt konnten 17 neue Pokémon eingesammelt werden. Das ist einer spontanen Selbstorganisation zuzuschreiben, die schlicht erstaunlich ist. Beispielsweise ist es fast unmöglich, sich direkt im Chat abzusprechen und zu unterhalten, weil dort Stimmen und Befehle von Zehntausenden durchrauschen. Deswegen schrieben Findige Browser-Skripts, die Befehle an das Spiel oder Abstimmungen aus dem Chat herausfiltern und nur noch spezielle Wortmeldungen anzeigen, was eine echte Unterhaltung überhaupt erst ermöglicht.

Andere überlegen sich Strategien, wie die Spielfigur in eine bestimmte Richtung gelotst werden könnte, auch wenn weiterhin wild dazwischengefunkt wird. Das Grundprinzip dieser Strategien lässt sich mit einer Flaschenpost im Meer vergleichen: Auch die wird von unzähligen zufälligen Wellen umher gewirbelt – bewegt sich aber mit der Strömung dennoch in eine bestimmte Richtung fort.

Die farbigen Klötzchen von Tetris, gesteuert von Zehntausenden.

Bildlegende: Immer eins mehr: Twitch Plays Pokémon Plays Tetris. Twitch

Wieder andere zeichnen Comics, schneiden Videos oder gestalten animierte GIFs, welche die besten Momente der Woche oder Insider-Witze verewigen. Einem Twitch-Nutzer war TPP noch nicht experimentell genug: Er zweigt die Steuerbefehle ab, welche die Spieler an «Pokémon» schicken, und übersetzt sie in Steuerbefehle für ein «Tetris»-Spiel. Und streamt dieses natürliche ebenfalls auf Twitch. Alle Spieler, die versuchen, den Pokémon-Trainer aus einem Labyrinth zu lotsen, stapeln also unbewusst gleichzeitig auch noch Klötzchen auf.

Anonymes Experiment

Wer hinter dem Experiment steht, ist nicht bekannt – auf Twitch kann jeder, der will, einen Live-Stream eröffnen. Und die Person mit der Idee für «Twitch Plays Pokémon» zieht es bisher vor, anonym zu bleiben. Auf Twitch schreibt sie über TPP:

«  It was created as an experiment to test the viability of this format, the way people interact with the input system and the way they interact socially with each other. »

Und diese soziale Interaktion, die spontane Organisation, die Freude am Chaos, sind in der Tat das Faszinierendste am Experiment. Denn dass in all dem sinnlosen Chaos dennoch Fortschritte erzielt werden – ist das nicht eine schöne Metapher für direkte Demokratie? Ich finde schon und schaue weiter zu.