«Flappy Bird»: Alles, was schlecht ist

Der kometenhafte Aufstieg von «Flappy Bird» ist keine schöne Geschichte. Nicht, weil das Spiel gleich wieder verglüht ist. Sondern, weil sich an diesem Beispiel alles zeigen lässt, was an Spielen im App Store zur Zeit schlecht ist.

John Cleese würde sagen: «Dieses hier ist ein Ex-Papagei!»

Bildlegende: Es ist aus mit dem «Flappy Bird». Nicht nur das ist betrüblich. Screenshot

«Flappy Bird» betrübt mich. Nicht nur, weil mich die übertriebene Schwierigkeit frustriert und es so viele bessere Spiele gäbe, die einen Platz in den Hitparaden verdient hätten. Nicht nur, weil der Entwickler Dong Nguyen das Spiel auf dem Höhepunkt seines Erfolges zurückgezogen hat. Sondern weil sich im Verlaufe des kometenhaften Aufstiegs und des Verglühens von «Flappy Bird» alle, aber wirklich alle widerlichen Seiten der heutigen Spiele-Industrie gezeigt haben.

Das Spiel

«Flappy Bird» ist ein gnadenloses Spiel. Wir berühren den Bildschirm des Smartphones, um die Flügel des Vogels zu schlagen und Höhe zu gewinnen; wenn wir nichts tun, stürzt er sofort zu Boden. Von oben und unten ragen grüne Röhren in den Bildschirm. Durch die Lücken, die sie auf zufälligen Höhen freilassen, sollen wir hindurch fliegen.

Berühren wir eine Röhre oder den Boden – auch nur ein ganz kleines bisschen! – verlieren wir sofort und müssen von vorn beginnen. Das Spiel ist so schwierig, dass wir meist kaum weiter als ein, zwei Röhren kommen. Ein Versuch ist also meist nach wenigen Sekunden schon wieder vorbei.

Nicht nur das Spielprinzip ist simpel. Auch sonst ist wenig Aufwand in die Entwicklung geflossen. Das Aussehen des Vogels und die Bedienung sind deutlich von «Tiny Wings» inspiriert. Die grünen Röhren erinnern klar an die Röhren aus «Super Mario Bros.».

Die Leistung von «Flappy Bird»: Es baut in kürzester Zeit maximalen Frust auf. Deshalb polarisiert es stark. Ich habe es nach drei, vier Versuchen wütend wieder gelöscht und mich gefragt, wer das ernsthaft länger spielen will. Andere haben exakt die gegenteilige Reaktion: Sie wollen dieses Monster besiegen, beweisen, dass sie das Spiel meistern können, gerade weil es so schwierig ist.

Die Ranglisten

Doch diese Qualität allein erklärt den märchenhaften Aufstieg von «Flappy Bird» noch nicht. Veröffentlicht wurde es schon im letzten Mai. Niemand interessierte sich dafür. Erst im Dezember ging es dann plötzlich los: Es tauchte in den Ranglisten der meisten Downloads auf und kletterte von den hinteren Rängen stetig aufwärts.

Gleichzeitig nahmen die Reviews im App Store rasant zu; mit scheinbar negativen Aussagen wie «My life is over» oder «I'm going to kill myself», aber dennoch den maximalen fünf Sternen. Auch auf Twitter gab es immer mehr Ausdrücke von Hassliebe, beispielsweise «Fuck Flappy Bird!» oder grossmäuliges Prahlen mit einem guten Resultat.

Sowohl der plötzliche Aufstieg in den Ranglisten als auch die vielen positiven Bewertungen mit auffallend ähnlichen Formulierungen machen viele stutzig. Besonders seit dem Aufkommen der Gratis-Spiele gibt es die Praxis, dass Downloads manipuliert werden. Unzählige falsche iTunes-Accounts laden eine App herunter, um das Spiel in die Ranglisten zu drücken, wo es dann in der Folge von echten Menschen entdeckt wird. Gemäss Schätzungen reichen einige zehntausend falsche Downloads, um die Top 50 zu erreichen. Es gibt Unternehmen, die solche Manipulation als Dienstleistung anbieten.

Es wäre zumindest nicht überraschend, wenn «Flappy Bird» diese Art von «Starthilfe» erhalten hätte. Beweise gibt es dafür allerdings keine. Und Entwickler Dong Nguyen hat wiederholt und öffentlich bestritten, «Flappy Bird» in irgendeiner Weise beworben zu haben – abgesehen von seinen eigenen Tweets.

Die Herde

Warum auch immer «Flappy Bird» plötzlich zu fliegen begann: Anfang Januar tauchte es rund um die Welt in den Top-10-Downloads-Ranglisten auf. Danach gab es kein Halten mehr.

Weil es im App Store Spiele wie Sand am Meer gibt, sind viele überfordert, die auf der Suche nach einem neuen Spiel sind. Sie nutzen deshalb gerne die Top-10-Ranglisten – denn wenn ein Spiel schon so viele herunter geladen haben, dass es in die Hitparade kommt, dann wird es ja wohl gut sein. So erhält ein Spiel mehr Sichtbarkeit, wird häufiger heruntergeladen und bleibt erst recht in der Hitparade.

Und so landete «Flappy Bird» auf Platz 1. Und blieb da je nach Land zwei bis drei Wochen sitzen.

Der Mob

Dann wurde es Entwickler Dong Nguyen zu viel. Völlig überraschend schrieb er diesen Tweet:

«  I am sorry Flappy Bird users, 22 hours from now, I will take Flappy Bird down. I cannot take this anymore. »

Am 10. Februar verschwand das Spiel aus den App Stores und Nguyen tauchte ab.

Zuvor war eine gewaltige Welle der Aufmerksamkeit über ihn gerollt. Journalisten bedrängten ihn mit Anfragen. Doch nicht nur das mediale Scheinwerferlicht erschreckte den jungen Mann aus Vietnam: Auch die Reaktionen auf Twitter scheinen ihn überfordert zu haben. Zunächst versuchte er noch, auch grobe Pöbeleien mit Humor zu nehmen: «I got so many mean tweets, I'm getting used to it now :-)». Auf die direkte Frage, wie viele Todesdrohungen er pro Tag erhalte, antwortete er: «Few hundreds».

Anfang Februar veröffentlichte Nguyen eine neue Version des Spiels, die neben leichten graphischen Anpassungen auch den Schwierigkeitsgrad etwas vereinfachte. Das kam einigen Fans in den falschen Hals, sie beschwerten sich lauthals.

Die Überforderung

Als Nguyen erste Anzeichen von Erschöpfung auf Twitter durchschimmern lies, wurde er verspottet, beispielsweise auf dem einflussreichen Game-Blog Kotaku. Ebenda wurde er auch beschuldigt, die Grafik von «Flappy Bird» gestohlen zu haben – ein Vorwurf, den Kotaku mittlerweile zurückgenommen hat.

Anfang Februar scheint dann der ganze Trubel zu viel geworden zu sein. Auf Twitter schrieb Dong Nguyen:

«  I can call Flappy Bird a success of mine. But it also ruins my simple life. So now I hate it. »

Nur wenig später scheint er den Entscheid gefällt zu haben, mit «Flappy Bird» Schluss zu machen.

In dem bisher einzigen Interview, das Dong Nguyen einer vietnamesischen Wirtschaftsjournalistin für Forbes gab, erklärte er, dass ihm das Suchtpotential seines Spiels Sorgen gemacht habe:

«  It happened to become an addictive product. I think it has become a problem. To solve that problem, it's best to take down Flappy Bird. It's gone forever. »

Der plötzliche Rückzug ist umso erstaunlicher, weil «Flappy Bird» eine Goldgrube geworden war: Zwar war das Spiel gratis. Doch vor jedem Start wurde am oberen Bildschirm ein schmales Werbe-Banner eingeblendet. Weil so viele spielten und weil sie so oft von vorn beginnen mussten, wurde sehr viel Werbung angezeigt. Im Zenith soll Dong Nguyen rund 50'000 Dollar pro Tag eingenommen haben.

Die Kopierer

Bei solchen Zahlen werden die Kopierer hellhörig und programmieren fieberhaft sogenannte «Klone». Also Spiele, die ähnlich heissen und ähnlich aussehen wie ein erfolgreiches Vorbild. Die Hersteller dieser Klone hoffen, dass Unwissende nach einem Spiel suchen und irrtümlicherweise die Kopie herunterladen. Oder dass sie genug vom Original haben und nach mehr vom gleichen dürsten.

Während grosse Hersteller wie King («Candy Crush Saga») genau deswegen mit einer geballten Ladung Anwälte gegen diese billige Kopiererei vorgehen, ist ein einzelner junger Mann aus Vietnam leichte Beute.

So gibt es mittlerweile hunderte von Apps, die sich irgendwie auf «Flappy Bird» beziehen. Nicht weniger als fünf dieser meist schludrigen Kopien sind aktuell in den Top 15 des Schweizer App Store. Selbst Apps, die nicht einmal ein Spiel sind, hängen «flappy bird» am Titel an, in der Hoffnung, einige besonders Verwirrte zu übertölpeln.

Und natürlich setzen viele Klone von «Flappy Bird» auf das, was in dieser neuen Industrie der Gratis-Spiele als der letzte Schrei und die Zukunft gilt: Werbung, Manipulation und In-App-Käufe – wenn wir unsere Vögel noch öfter gegen Röhren klatschen lassen wollen, dürfen wir immer wieder mal echtes Geld bezahlen für das Privileg.

Die Betrüger

Wem das allein noch nicht schmuddelig genug ist: Natürlich wird nun der Hype um «Flappy Bird» auch noch benutzt, um die Leute ganz direkt ohne Umweg über ein Spiel abzuzocken. So tauchten nach der Entfernung sofort Angebote auf Auktionsplattformen auf, wo Smartphones mit vorinstalliertem «Flappy Bird» für irrsinnige Summen angeboten wurden.

Ausserdem sind Apps im Umlauf, die vorgaukeln, «Flappy Bird» zu sein, in Wahrheit aber heimlich SMS an teure Premium-Nummern schicken und so die Mobil-Rechnung der Übertölpelten belasten.

Die unerfreuliche Geschichte

Also eine rundum unerfreuliche Geschichte. Ein Nischen-Spiel, das unberechtigt/ungewollt auf die grosse Bühne gezerrt wird; ein Ranglisten-System, das manipuliert wird; eine grosse Portion Herdentrieb; ein wütender Mob mit nichtigen Motiven; ein erschöpfter, überforderter Entwickler. Und zum Schluss kriechen noch die üblichen Widerlinge aus ihren Löchern, der ranzige Schlagrahm auf dieser unappetitlichen Torte, die wir als Zukunft der Spiele-Industrie schlucken sollen.

Habt ihr einen Vogel?

  • Oder höflicher: Spielt ihr «Flappy Bird»?

  • Ja! Weil es super ist!

    30.52%
  • Nein! Weil es vom Teufel ist!

    28.54%
  • Was ist ein Flappy Bird?

    40.94%
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