Game-Review: «Enderal»

Ein winziges Amateur-Team aus München baut den Klassiker «The Elder Scrolls V: Skyrim» komplett um, erfindet eine neue Welt und neue Geschichten. Die Leistung ist überragend und lässt fast vergessen, dass hier keine Profis am Werk waren.

«Skyrim» habe ich geliebt, geliebt, geliebt. «Enderal» ist mehr «Skyrim». Mehr «Skyrim» ist toll, deshalb ist «Enderal» toll.

Geliebt habe ich «Skyrim», weil es wie kaum ein anderes Spiel einen der Hauptvorteile des Mediums ausspielt: Wir entdecken und erkunden eine riesige Welt. Wir erleben Geschichten, weil wir in dieser Welt über etwas Unerwartetes stolpern. Einiges davon steht in einem Skript, wird klassisch erzählt. Vieles entsteht aber mehr zufällig: Wir schlittern auf der Flucht vor einem Bären einen Steilhang hinunter, fallen in ein Lager voller Banditen und überleben den wilden Kampf nur, weil wir im richtigen Moment das Skelett eines Ahnen beschwören.

Video: Guido spielt die Skyrim-Komplett-Mod «Enderal» (Let’s Play)

Es ist schön, sich zu verzetteln

Diese kleinen Geschichten machen oft den grösseren Teil unseres Spielerlebnisses aus. Oft schieben wir die Hauptgeschichte auf die lange Bank und verzetteln uns in Nebensträngen – entdecken, helfen aus im Dorf, steigen einen Berg hoch, kriechen in seltsame Höhlen.

Eine Frau im wilden Ausdruckstanz, bis zu den Schultern im Wasser. Drogen waren wohl im Spiel.

Bildlegende: Eine Dame namens Tarhutie tanzt die ganze Nacht durch, in einem Tümpel. Flusshaim: PARTY CENTRAL. Screenshot SRF

Das ist in «Enderal» nicht anders. Und das klingt jetzt vielleicht selbstverständlich, ist es aber überhaupt nicht.

Denn «Enderal» wurde nicht von «Skyrim»-Entwickler Bethesda gemacht (der ausser der «Elder Scrolls»-Reihe auch noch für «Fallout» verantwortlich ist). Es ist stattdessen eine sogenannte Komplett-Mod, und das macht «Enderal» besonders beachtenswert.

Ein Dutzend Amateure

SureAI heisst das Team hinter «Enderal». Und das hat im Gegensatz zu Bethesda nicht über 100 Mitarbeiter, sondern gerade mal ein Dutzend. Dieses Amateur-Team aus München hat in mehreren Jahren Freizeit-Arbeit ein Spiel gebaut, das je nach Spielstil 30 bis 100 Stunden lang unterhalten soll.

Das geht nur, weil «Enderal» eine Mod ist. Mods (Modifications) sind seit Jahrzehnten eine eigene Subkultur innerhalb der Game-Szene: Gamer spielen ihr Lieblings-Game nicht nur, sondern legen selber Hand an. Sie modifizieren es, indem sie beispielsweise das Benutzer-Interface verändern, Inhalte im Game auswechseln oder im Extremfall ein völlig neues Game zusammenbasteln (eine sogenannte «total conversion»).

Mods als Subkultur

Berühmte Beispiele dafür sind «Counter-Strike» oder «Portal», beides ursprünglich Mods von «Half-Life». Nicht nur «Half-Life»-Hersteller Valve unterstützt die Modder-Community aktiv. Auch id Software («Doom», «Quake»), Firaxis («Civilization») oder eben Bethesda lassen Mods nicht nur zu, sondern fördern sie: indem sie der Community Werkzeuge zur Verfügung stellen, die Modding erleichtern.

Ein Lastenviech mit einem lustigjämmerlichen Gesicht.

Bildlegende: «Enderal» enthält dieses Viech: 10/10. Screenshot SRF

Natürlich ist das Zusatzaufwand für die Entwickler, denn die Bedürfnisse der Modder unterscheiden sich von denen der Gamer enorm. Ausserdem versorgen Modder Games mit Zusatzinhalten, an denen der Entwickler des Games nichts verdient. Das heisst aber nicht, dass sich Mods nicht auch positiv auswirken, im Gegenteil: Die Szene kann gar kreativer und innovativer sein als die Profis. «Counter-Strike» ist heute einer der wichtigsten E-Sport-Titel, das Puzzle-Design von «Portal» gilt noch immer als revolutionär. Und manchmal werden aus Moddern Profis – die Entwickler rekrutieren aus der Szene ihren Nachwuchs.

Gerade «Skyrim» ist ein schönes Beispiel, wie sehr Mods die Lebensdauer eines Games verlängern können. Einige Mods konzentrieren sich darauf, die bestehende Welt von «Skyrim» optisch zu verbessern – sie ändern Gras, Bäume, Wasser oder Häuser ab. Und andere, wie eben SureAI mit «Enderal», bauen gleich eine ganz neue Welt und erfinden neue Geschichten.

Viel Erfahrung, beschränkte Ressourcen, überragende Leistung

SureAI hat bereits Erfahrung mit solchen Total-Konversionen: Auch die «Skyrim»-Vorläufer «Morrowind» und «Oblivion» haben sie schon in «Arktwend» und «Nehrim» umgebaut.

Ein schöner Mann in Lederrüstung, mit Bogen, Cornrows und gezöpfeltem Bart.

Bildlegende: Meine Spielfigur, der Bootsflüchtling. Gut frisiert allerdings. Screenshot SRF

Natürlich wackelt manchmal etwas: In «Enderal» finden sich immer wieder Figuren, die sich sehr hölzern bewegen. Die Dialoge waren mir häufig zu lange, mit zu vielen Fantasy-Gemeinplätzen gestreckt, mit manchmal seltsamem Timing gesprochen. Wenn eine neue Gegend nachgeladen wird, werden immer wieder leere Platzhalter angezeigt. Die beschränkten Ressourcen des kleinen Teams werden da sichtbar.

Doch gelangweilt habe ich mich nie. Die Welt ist riesig. Hauptgeschichte und insbesondere auch kleinere Neben-Quests sind abwechslungsreich und überraschend. Das Gras im Wald ist schön dicht, die Musik erzeugt eine tolle Stimmung. «Enderal» profitiert davon, dass wir «Skyrim» bereits mögen und mit der Mechanik vertraut sind – doch es setzt sich auch genug ab, dass es auf eigenen Füssen stehen kann, ohne sich ständig mit dem Vater messen zu müssen.

Der Beginn des ersten Quests.

Bildlegende: Tiefes Gras, schönes Licht. Screenshot SRF

Das Erstaunlichste ist aber, dass wir beim Spielen von «Enderal» meistens schlicht vergessen, dass wir nicht das Game eines grossen Entwicklers spielen, sondern das Resultat jahrelanger Fronarbeit von Amateuren.

Der Vorläufer «Nehrim» war mit über einer Million Downloads ein Grosserfolg. «Enderal» nun ist eine der grössten Komplett-Mods überhaupt. Man kann diese überwältigende Leistung nur bewundern und hoffen, dass sie ein Publikum findet.

«Enderal» ist eine Komplett-Mod für «The Elder Scrolls V: Skyrim». Wer «Skyrim» schon besitzt, kann «Enderal» hier kostenlos herunterladen.