«Mafia III»: Hübscher 1968er-Groove, aber ohne Tiefgang

Die Ausgangslage von «Mafia III» ist vielversprechend: Schwarzer Vietnam-Veteran, der Gangsterboss einer fiktiven Stadt von 1968 wird. Doch die vielen Schwächen des Games zerstören diese eigentlich gute Idee.

Es ist das Jahr 1968, Segregation in Schwarze und Weisse ist gelebte Tatsache. Wir spielen Lincoln Clay, einen halbschwarzen Vietnam-Veteranen, der vom Krieg zurück in die fiktive US-Südstaatenstadt New Bordeaux kehrt.

Zusammen mit dem Sohn des lokalen Mafiabosses Sal Marcano landen wir einen Coup, bei dem wir die lokale US-Notenbank ausnehmen. Marcano will uns danach überzeugen, die Position unseres Adoptivvaters einzunehmen. Sprich: Wir sollen an dessen Stelle den Black Mob führen, die Gang, die ein Stadtviertel von New Bordeaux beherrscht.

Wir lehnen ab, mit dem Resultat, dass Marcano unsere gesamte Familie samt Adoptivvater umbringt. Lincoln Clay überlebt knapp das Killerkommando. Nach rund vier Stunden ist diese Vorgeschichte vorüber, das Ziel des Games gesetzt: Rache. Mit dem vor Augen sollen wir nun Viertel für Viertel der Stadt einnehmen, um schliesslich Sal Marcanos Mafia-Herrschaft über die Stadt zu brechen.

Vier Stunden sind eine lange Zeit.

Nicht nur deswegen macht «Mafia III» müde.

So müde

Rette die Prostituierten!

Bildlegende: Erste Mission: Prostituierte befreien. Gähn. Screenshot SRF

Wir stehen also am Anfang des eigentlichen Spiels – und ich sehe nur Arbeit. Denn letztlich laufen die folgenden Missionen immer nach demselben Muster ab: Wir infiltrieren und sabotieren in irgendeiner Weise das kriminelle Netzwerk des Viertelbosses, um ihn schliesslich zu töten. Nach ein paar Missionen habe ich begriffen, wie der Hase läuft. Und das jetzt noch weitere zwanzig, dreissig Stunden? Das ist keine Unterhaltung, sondern repetitive Fliessbandarbeit.

Auch die Figuren, die in diesem Game auftreten, machen müde. Lincoln Clay gefällt zwar von Anfang an: Bislang hatten wir noch keine grosse Gelegenheit, eine schwarze Figur in einem Game zu spielen – ich kann sie jedenfalls an einer Hand abzählen (etwa Lee aus «The Walking Dead»). Dass aber Lincoln Clay «zufälligerweise» Cassius Clay ähnelt, den wir heute als den Boxer Muhammad Ali kennen, zeugt nicht von grossem Einfallsreichtum.

Die einzige Frau, die als redende, handelnde Figur auftritt und die haitianische Gang anführt, ist ausgerechnet eine Voodoo-Zauberin und heisst Cassandra. Mit derart klischierten Figuren wirkt «Mafia III» eher wie ein Blaxploitation-Film der 1970er-Jahre, der mit einer klassischen Geschichte um Rache und «Kleingauner wird Unterweltboss» unterhalten will.

Momente, in denen das Game sagt: Sorry, du bist leider nicht unser Zielpublikum, an nackte Männer haben wir nicht gedacht.

Bildlegende: Nackte Frauen sammeln! Screenshot SRF

Zur reisserischen Erzählung gehört dann auch, dass Clay in der allerersten Mission halbnackte Prostituierte heldenhaft aus den Fängen einer Gang befreit. Nebenher sammeln wir Playboy-Magazine und barbusige Pinups von Alberto Vargas. Game-Elemente, die mich als Spielerin so, so müde machen. Klischees, bei denen ich kurz den Kopf in den Händen vergrabe, seufze, auf Veränderung hoffe und dann weiterspiele.

Let's Play «Mafia III»! – SRF Digital Live-Stream mit Méline

New Bordeaux: Schön, aber seelenlos

Immerhin: «Mafia III» kann auch für schöne Kurzweil sorgen. Den richtigen 68er-Groove erleben wir, wenn wir uns ein Auto klauen («GTA» lässt grüssen) und damit durch New Bordeaux gondeln, im Ohr «All Along the Watchtower», «Long Tall Sally», «Sittin‘ on the Dock of the Bay». An uns zieht die Küste vorbei, die Sonne geht unter und wir fahren durch das piekfeine Quartier der weissen Oberschicht: Wow!

Alle Gegner tot.

Bildlegende: Gegner, dumm wie Brot: Sieht einer Clay, folgen alle wie Schafe nach. Resultat: Leichenberg. Screenshot SRF

Wenn nur die vielen, vielen Grafikfehler nicht wären. Die Konsolenversion des Games, die mir zwei Mal abgestürzt ist. Die Landschaft, die sich ruckartig vor uns aufbaut. Die Bewohnerinnen und Bewohner, die Gegner – kurz: die künstliche Intelligenz, die wirklich, wirklich dumm wie Brot ist. New Bordeaux wirkt deshalb wie ein Puppenhaus: Schön anzusehen, alles liebevoll dekoriert und aufgebaut, aber ohne Tiefe und Seele.

Schwarz sein anno 1968

«Mafia III» stammt aus den USA und spielt in den USA. Die in diesem Bereich besondere Sensibilität der Amerikaner verdeutlicht die Nachricht, welche die Macher zu Beginn des Games präsentieren: Sie würden den darin dargestellten Rassismus verurteilen, sähen es aber als eine Notwendigkeit, um Lincoln Clays Geschichte zu erzählen. Denn Clay ist schwarz (oder zumindest «biracial», gemischt) und damit der herrschenden weissen Gesellschaft der 1968er Jahre untergeordnet.

Sorry für den Rassismus, aber das war damals eben so.

Bildlegende: Die Nachricht der Macher. Screenshot SRF

Die Atmosphäre einer solchen segregierten Gesellschaft einzufangen gelingt «Mafia III» oft ganz wunderbar. Denn es sind die kleinen Dinge, die uns immer wieder darauf hinweisen, dass wir zu den nicht-privilegierten Schwarzen gehören. In gewissen Geschäften werden wir wegen «Loitering» (engl. «herumlungern») des Hauses verwiesen, da wir als Schwarze keinen Zutritt haben. Ansonsten kommt die Polizei. Falls wir in weissen Vierteln jemanden erschiessen, erscheint die Polizei um einiges schneller als in einem schwarzen Viertel.

Letztlich kann das Game in vielen Momenten halten, was der schwarze Leiter des Autorenteams, Charles Webb, in einem Interview versprochen hat: Die Atmosphäre und das Flair einer Südstaaten-Stadt in den USA von 1968 einzufangen, deren Segregation alle Lebensbereiche durchdrungen hat.

Doch Nachlässigkeiten im Gamedesign lassen dieses Flair auf Dauer kaputtgehen: Wir können ohne Probleme die Gartenhäuschen in der weissen Vorstadt aufbrechen und die hübschen Vorgartenblumen zertrampeln. Alle anrempeln, egal, ob schwarz oder weiss, und keine Konsequenzen fürchten. Uns Schiessereien liefern, während ein Haus weiter ein Pulk von Polizisten Kaffeepause macht. Und letztlich zementiert die Geschichte von Lincoln Clay noch mehr den Stereotyp vom schwarzen Ghetto-Gangster, der sich zum Unterweltboss aufschwingt – ein Stereotyp, das immer noch fest im US-amerikanischen Bewusstsein verankert scheint.

Schön anzusehen, aber ohne Tiefe

Die Sonne geht unter, Clay hat einen geilen Karren und die Frau will sicher nicht mitfahren.

Bildlegende: Momente, in denen das Game glänzt. Screenshot SRF

Der Ort New Bordeaux steht symptomatisch für «Mafia III»: Schön an der Oberfläche, mit guten Ideen, einer schönen Atmosphäre und einigermassen interessanten Figuren – aber ohne Tiefe und Sorgfalt. Die vielen Grafikfehler, die schlechte künstliche Intelligenz der Figuren und die repetitiven Missionen ermüden. Bald haben wir alles einmal gesehen, überraschendes kommt nicht hinzu.

Die segregierte Gesellschaft und der Rassismus, den Lincoln Clay als Schwarzer erlebt, gehört zur Ära von 1968 (und hat an Aktualität nichts verloren). Das Statement der Macher wirkt etwas aufgesetzt – denn die Rassismus-Thematik gerät immer mehr zu einem Hintergrundsäuseln, je länger wir spielen. In den Vordergrund tritt das Ziel, auf einem Rachefeldzug der Unterweltkönig von New Bordeaux zu werden. Und da sind alle, die nicht meine Freunde sind, automatisch meine Gegner – egal ob schwarz oder weiss.

«Mafia III» läuft auf Windows, Playstation 4 und Xbox One. Es ist ab 18 Jahren.